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Marcel Proust und die Künste

Entrée

Der Schriftsteller Marcel Proust (1871-1922) entwarf, neben Sachtexten zur Kunst, mit seinem literarischen Bucherstling „Les plaisirs et les jours“ (1896) („Freuden und Tage“) beginnend, eine Reihe literarischer Werke mit Kunstbezügen. Aus dem Proustschen Werkmassiv ragt der siebenteilige Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ heraus. Dieses Werk wird allgemein, den französischen Titel „À la recherche du temps perdu“ abkürzend, auch als „Recherche“ bezeichnet. Dieser Zyklus gehört zu den großen Werken der literarischen Moderne. Die Künste spielen darin, in Verknüpfung mit den, die „Recherche“ bestimmenden, Themen Zeit und Erinnerung, eine große Rolle. Aufgerufen werden die bauenden, bildenden und darstellenden Künste ebenso wie Kunsthandwerk, die angewandten Künste, Musik und Literatur. Da raum- und zeitübergreifend alle Kunstepochen, Stile und künstlerische Techniken aufgerufen werden, liegt ein Roman enzyklopädischer Prägung vor. Aufgerufen wird jedoch nicht nur Kunstgeschichliches, sondern die „Recherche“ enthält ebenso Reflexionen zu ästhetischen und wahrnehmungstheoretischen Fragen wie auch Künstlergeschichten und eine Künstlerlegende, da die Hauptfigur des Romans, Marcel, am Ende des Romans Schriftsteller wird. Proust behandelt alle Dimension der Kunst. Auf der Ebene der Produktion geht es um die Ausbildung der Künstler in Akademien oder privaten Malschulen und es geht um die Arbeitsplätze der Künstler in Ateliers oder im Freien. Im Bereich der Vermittlung hat Proust Kunstkritisches und Publikationsorgane wie Zeitschriften und Kunstbücher, aber auch Museen, Galerien und Sammler im Blick. Diese Aspekte behandelt Proust in verschiedenen Texten, konzentriert jedoch in der „Recherche“, in der auch Fragen zur Präsentation und Rezeption von Kunstwerken und Kunstsoziologisches angesprochen werden.

Allein die „Recherche“ einem breiten Publikum vorzustellen, sah Walter Benjamin (1892-1940) als schwierig an. Nicht minder kompliziert ist es, neben Prousts Leben, auch sein Gesamtwerk vorzustellen, zumal in lexikalischer Form. Ein solches Unternehmen wagten 2004 in Frankreich Annick Bouillaguet (o.A.) und Brian G.Rogers (o.A.) mit dem „Dictionnaire Marcel Proust“. Mit von der Partie war Luzius Keller (*1938), emeritierter Professor für Geschichte der Französischen Literatur von der Renaissance bis zur Gegenwart vom Romanischen Seminar der Universität Zürich, der für die deutsche Ausgabe, die unter dem Titel „Marcel Proust Enzyklopädie“ 2009 beim Verlag Hoffmann & Campe erschien, verantwortlich zeichnet. In der editorischen Notiz macht Keller Angaben zur Überarbeitung der französischen Ausgabe. So wurden, in der folgend mit „MPE“ abgekürzten Enzyklopädie einzelne Artikel gekürzt, neue Artikel eingefügt und neuere Forschungsliteratur berücksichtigt. Welche genau dies sind wird allerdings nicht genannt.

MPE 1: Überblick

In einer Vielzahl alphabetisch geordneter Artikel behandeln 40 Autoren, Leben, Werk, Wirkung und Deutung Prousts. Die Namen der Autoren werden in der Besprechung in Klammern und Stichwörter der MPE in Anführungszeichen (‚...‘) gesetzt. Nach Ausführungen zum Aufbau der MPE werden aus dem Spektrum der Stichwörter diejenigen mit Bezug zu den Künsten bzw. innerhalb dieser mit Bezug auf die bildende Kunst näher vorgestellt. Mit „Kunst“ wird das System der Künste, eine Stilrichtung oder die Kunst eines bestimmten Künstlers bezeichnet. Ansonsten wird von bildender Kunst bzw. Kunstwerk außerhalb von Zitaten gesprochen. Werke der Schönen Literatur werden als Literatur bezeichnet.
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Das Gewicht der Kunst in Prousts Leben und Werk schlägt sich in der MPE in der Anzahl der Artikel nieder. Deren alphabetische Ordnung wird durch ein kluges System von Querverweisen ergänzt, das systematischen Aspekten Rechnung trägt. Als zwei systematische Teilstücke können die Stichwortgruppen ‚Proust-Kritik‘ und ‚Proust-Rezeption‘ angesehen werden, die es erlauben, sich umfassend und konzentriert an einer Stelle zu den jeweils interessierenden Aspekten einen Überblick zu verschaffen.

Selbstredend behandelt die MPE Prousts literarisches und poetisches Repertoire. Dies tut sie entweder unter einem eigenen Stichwort oder innerhalb von anderen Stichworten. Dieser Aspekt wird jedoch, um der Übersichtlichkeit willen, in der Rezension nicht gesondert beleuchtet. Dies unterbleibt auch im Hinblick auf jene Stichwörter, die eine Zusammenfassung von Werken Prousts bieten und daher bestens als Lektüreeinstiege geeignet sind. In Bezug auf Struktur und Umfang her beschreiten die Artikel einen Mittelweg in der Überführung des Proustschen Netzwerks zirkulierender Konstellationen von Relationen, auch im Hinblick auf das Verhältnis von Realem und Imaginativem in den literarischen Werken, in eine Ordnung, die die Komplexität dieses Gezweigs einerseits reduziert, es andererseits aber hinreichend differenziert auffächert, um Prousts Reichtum in der Beherrschung formaler und inhaltlicher Möglichkeiten zu zeigen und ihn damit als einen der großen Autoren und Kunstkenner kenntlich zu machen.

Das Moment der Differenzierung tritt z.B. in jenen Passagen der Artikel in der MPE deutlich zu Tage, die der Darstellung Proustscher Begrifflichkeit gelten. Ein hervorragendes Beispiel bietet der Artikel der Beiträgerin Anne Simon. Sie arbeitet heraus, dass der Begriff ‚Wirklichkeit‘ von Proust mit zwei Bedeutungen belegt wurde. Zielt die erste auf die „objektiv konstatierbare Existenz“ so betont er mit der zweiten das „relationale Moment des Begriffs.“ Fortgesetzt wird diese Akribie in den deutenden Passagen der Artikel, die zudem, bezogen auf die Kunst, Prousts Vielfachverweise etwa auf reale und fiktive Künstler in seinen Werken, nicht nur aufspüren, sondern auch handwerklich akkurat durch Klammersetzung und Nennung der Seitenzahlen belegen.

Das vorzügliche Ordnungssystem der MPE setzt sich in einem weiteren Detail fort. So führt die MPE zu einigen Stichwörtern römische Ziffern mit sich, die insbesondere in den Artikeln zu den Künsten vorkommen. Setzt sich Proust mit den Künsten auseinander, so erhalten die Stichwörter „I“, setzen sich Künstler mit Proust in verschiedenen Medien auseinander, so erhalten diese Stichwörter „II“. Die ordnende Hand Kellers ist auch in den einzelnen Artikeln spürbar. So gelang es ihm, trotz der Vielzahl der Autoren mit je eigenem Schreibstil, ein hohes Maß an stilistischer Homogenität herzustellen. Unabhängig davon, welche Seite der Leser in der MPE aufschlägt, stets trifft er auf große Sorgfalt, auf einen sachlichen Ton und präzise Aussagen. Dies gilt für alle Autoren gleichermaßen, die ihr großes Wissen klar strukturiert und allgemeinverständlich formuliert, ausbreiten.

Auf den enzyklopädischen Teil in der MPE folgt ein umfänglicher Apparat. Er enthält ein Verzeichnis der Autoren und der Stichwörter. Im Stichwortverzeichnis werden die Namen der Autoren in Klammersetzung genannt. Im Apparat befindet sich ferner eine umfängliche Bibliographie, so dass die, am Ende von Artikeln genannten kurzen Hinweise auf Sekundärliteratur leicht nachgeschlagen werden können. Analog dieses Verfahrens lassen sich, durch das sich im Apparat befindliche Verzeichnis der Abkürzungen für die, in den einzelnen Artikeln in Abkürzungen nebst Seitenzahlverweisen aufgerufenen, Werke von Proust und anderer Autoren rasch nachschlagen.

Neben literarischen und Sachtexten zur Kunst wird in der MPE auch auf das umfangreiche Briefwerk Prousts eingegangen. Dieses gilt insbesondere für Forscher als wichtige Quelle, um Leben und Werk von Proust zu kontextualisieren und Bezüge zu ermitteln. Dies gilt insbesondere für den Mehrfachzusammenhang von Leben und Kunst. Vorgestellt wird Proust als Kunstkenner und als Übersetzer. Geschildert werden ferner Prousts persönliche Begegnungen mit Künstlern, Kunstkritikern und Kunstsammlern seiner Zeit. Behandelt werden ferner Abbildungen von Proust in Malerei und Photographie sowie Bearbeitungen seiner Werke in verschiedenen Medien und es wird auf Präsentationen von Leben und Werk Prousts in Ausstellungen eingegangen. Auch Prousts Schreibprozess ist Untersuchungsgegenstand und er tritt als Zeichner auf.

Relativ großes Gewicht legt die MPE darauf, die Austauschbeziehungen, seien sie interikonischer, intermedialer, interkultureller und intertextueller Natur, darzustellen und den Leser für diesen Sachverhalt sowohl grundsätzlich als auch an Beispielen demonstriert, zu sensibilisieren. Ein Musterbeispiel dazu findet sich in Kazuyoshi Yoshikawas Ausführungen in ‚Malerei I‘ in der eine Szene aus dem ersten Teil der „Recherche“ aufrufen wird. Es geht um die musikalische Aufführung der „>petite phrase<“ aus der Geigensonate von Vinteuil. Diese, so Yoshikawa, werde in einem Raum aufgeführt, der „Pieter de Hooch nachgebildet“ sei. Schlägt man nun den Artikel zum holländischen Maler ‚Pieter de Hooch‘ (1629-1648) auf, so findet sich dort dieser Bezug auf Vinteuil wieder (Eells). Die Qualität der MPE zeigt sich auch darin, dass die Bezüge der Artikel untereinander nicht nur über das Querverweissystem zustande kommen, sondern dass die MPE als großer Intertext konzipiert wurde. Dessen Dirigent ist Keller und die Autoren treten als großer vielstimmiger Chor auf.

MPE 2: Proust und die Künste

Als Einstieg zum Thema Proust und die Künste bietet sich der Artikel ‚Kunst‘ an. In diesem erfährt man, dass die Kunst 20 % Prozent des Textumfangs beanspruche (Jean-Marc Quaranta). Den Hauptteil wiederum bestreiten Malerei, Musik und schöne Literatur, mithin jene Künste, denen Proust im Roman eine fiktive Figur beigibt: ‚Vinteuil‘ (Musik), ‚Bergotte‘ (Literatur) und ‚Elstir‘ (Malerei) (Françoise Leriche, Juliette Hassine, Yoshikawa).

Mit eigenen Stichwörtern wurden ‚Malerei I, Architektur, Film I, Theater I, Musik, Mode, Tapisserie, Mosaik‘ und ‚Skulptur‘ bedacht (Yoshikawa, Henrot, Jeanyves Guérin, Leriche, Jérôme Picon, Picon, Anne Chevalier, Beretta Anguissola). Einige Künste, wie Tanz, Glaskunst und Literatur haben kein eigenes Stichwort und kommen über bestimmte Formen, so der Tanz über ‚Ballett‘, die Glaskunst über ‚Kirchenfenster‘ und einem ihrer Vertreter, ‚Émile Gallé‘ (1846-1904), zu eigenen Stichwörtern und es wird weiter differenziert (Jo Yoshida, Picon, Leriche). So gibt es zur ‚Oper‘, zum ‚Konzert‘, zur ‚Statue‘, zur ‚Kathedrale‘ als Bauform und zu einzelnen wie ‚Amiens‘, ‚Bayeux‘, ‚Chartres‘ oder ‚Rouen II‘ eigene Artikel (Leriche, Leriche, Mauriac Dyer, Diane Leonard, Leonard).

Kunstepochen sind unter den Stichwörtern ‚Antike, Mittelalter, Renaissance‘ präsent (Marie Miguet-Ollagnier, Richard Bales, Keller). Andere Epochen wiederum werden durch einzelne Künstler repräsentiert. Die moderne Bildende Kunst und Literatur wird unter den Lemmata ‚Jugendstil, Futurismus, Kubismus, Impressionismus, Naturalismus, Präraffaelismus, Gesellschaftsmalerei, Symbolismus, Dekadentismus und Realismus‘ behandelt (Leriche, Quaranta, Keller, Yoshikawa, Pierre-Louis Rey, Eells, Yoshikawa, Rey, Leriche, Rey). Insbesondere in den drei Bereichen Musik, schöne Literatur und Malerei erfolgt die Erschließung auch über die Namen von Künstlern, über Titel einzelner Kunstwerke, Genres oder Schulen und in einigen Fällen auch über Interpreten.

Der MPE gelingt es den Gegenstandsbereich Kunstgeschichte, nicht in all seinen Facetten, so doch sehr gut abzubilden. Die Bezüge in der „Recherche“ aber auch in anderen Texten Prousts auf außereuropäische Kulturen und Künste aus Persien, dem Orient oder Japan oder auf chinesisches Porzellan und assyrische Bilder kommen über ‚Archäologie, Tausendundeine Nacht, Japonismus‘ zur Geltung (Anguissola, Francine Gaujon, Yoshida). Bezüge auf Künste aus vorchristlicher Zeitrechnung werden durch Stichwörter so etwa zur ‚Antike, Mythologie‘ und zu ‚Pompeji‘ repräsentiert (Miguet-Ollagnier, Miguet-Ollagnier, Anguissola).

MPE 3: Prousts Interesse an Kunstwerken / Dimensionen der Kunst

Proust behandelt, wie bereits erwähnt, alle Dimension der Kunst. Als Einstieg in diese Zusammenhänge bietet sich wiederum der Artikel ‚Kunst‘ an, in dem z.B. davon die Rede ist, dass jede Figur in der „Recherche“ eine eigene Einstellung zur Kunst habe (Quaranta). Da Proust die „Recherche“ als ein Buch allgemeiner Verwandlungen, dem jedes Element unterworfen ist, konzipierte, verändern sich auch die Standpunkte der Figuren zu den Künsten ebenso wie Zivilisation und Gesellschaft und Prousts eigene Auffassung zu diesem oder jenem Künstler, Kunstwerk oder zu den darüber Schreibenden im Lauf im Lauf der Zeit. Recherchierbar ist dieser Aspekt über eine Vielzahl von Artikeln etwa zu bestimmten Künstlern. Die MPE schüttet zu diesem Aspekt geradezu ein Füllhorn aus und markiert genau das verändernde Moment bzw. den Zeitpunkt und die Stärke der Veränderung bzw. die sich verändernden Bewertungen Prousts zu diesem oder jenem Sachverhalt.

In Bezug auf die Figuren, die etwa in der „Recherche“ auftreten, verzeichnet Proust fast schon kunstsoziologisch disponiert, Stellungnahmen zur Kunst. Diesen Aspekt greift Quaranta auf und spricht davon, Proust habe sich auch mit den „sozialen Implikationen“ der Kunst befasst. Dementsprechend wird man unter den Stichwörtern zu Figuren oder sozialen Gruppen, so etwa zu ‚Adel I / II‘ fündig (Brian G.Rogers, Leriche). Insbesondere einige Vertreter des Adels haben es Proust insofern angetan, da er seine Rede von deren „dünner Kulturdecke“ an einigen Beispielen z.B. in Form köstlicher Wortspiele vorführt.

Auch zur „Ästhetik“ finden sich Hinweise in einer Reihe von Artikeln, in denen sowohl Prousts Auseinandersetzung mit Positionen philosophischer Ästhetik als auch, in Auseinandersetzung mit weiteren kunstkritischen Schriften und der Ästhetik künstlerischer Bewegungen seiner Zeit, dargestellt wird. DieAusführungen dazu finden sich in Einträgen zu einzelnen Künstlern, Titeln von Kunstwerken, kunsthistorischen Schriften von Autoren und Stilen bzw. Epochen, aber auch in ‚Mosaik‘ und im Artikel ‚Immanuel Kant‘ (1724-1804) (Chevalier, Henry). Ein anschauliches Beispiel für eine Wandlung in Prousts Kunstauffassung liefert in ‚Kunst‘ der Beiträger Quaranta. Proust, der sich an die Kunstauffassung von ‚John Ruskin‘ angelehnte, habe sich, so der Beiträger, mit seiner Schrift „Sur la lecture“ (1905) teilweise von dieser abgesetzt.

In Bezug auf Kunstwerke interessiert sich Proust sowohl für formale Mittel, als auch für das Dargestellte bzw. Gezeigte. Schlägt man z.B. das Stichwort ‚Chardin, Jean-Baptiste‘ (1699-1779) auf, so wird thematisiert, dass Chardin Proust gezeigt habe, dass auch unbedeutende Gegenstände „schön sein können“ (Yoshikawa). Dieser Aspekt, die Darstellung von Alltäglichem, beschäftigte Proust auch in Bezug auf Debatten zur ‚Hierarchie‘ der Künste, die Mitte des 19. Jahrhunderts erneut, ausgelöst durch den impressionistischen Sturm auf die ideellen Bastionen der vorherrschenden akademischen Malerei, aufflammte. Der Bezug auf Chardin ist auch im Hinblick auf ‚Hierarchie‘ gegeben, da Chardin nicht in der hoch angesehen Gattung des Historienbildes, sondern in der ‚kleinen‘ Gattung des Stilllebens hohes Ansehen erwarb (Hughes). Auch dieser Aspekt läßt sich unter verschiedenen Stichwörtern, so etwa zu ‚Émile Zola‘ (1840-1902) vertiefen (Hughes/Keller). So führen die Beiträger aus, dass sich Proust „sowohl in ‚Jean Santeuil‘ als auch in der Recherche zu einer solchen Poetik der einfachen Dinge“ bekannt habe.

Im Falle von ‚Claude Monet(s)‘ (1840-1926) Gemäldeserien, so Keller in einer Sequenz seines Artikels, lag Prousts Interesse auf dem Aspekt der Darstellung von Zeit und am ‚Kubismus‘ interessierte ihn die Simultanität verschiedener Perspektiven bei der Darstellung von Objekten bzw. am ‚Futurismus‘ dessen ‚bewegte Polyperspektivität‘ (Keller, Quaranta).

Auch der Darstellung lebensweltlicher Bezüge, aus denen heraus Prousts Interesse an bestimmten Künsten, Künstlern oder Kunstwerken erklärt werden kann, widmet sich die MPE akribisch, wie etwa unter ‚Tapisserie‘. In diesem Artikel erwähnt der Beiträger, Picon, u.a. „Gobelins“, die Proust von seinen Eltern geerbt habe und dass sich eine Erinnerung an diese in „Jean Santeuil“ befinde. Die Ausführungen Picons enden mit den Hinweis auf Prousts Vorwort zu dem Buch „Tendres Stocks“ des Schriftstellers ‚Paul Morand‘ (1888-1976) und dem Verweis auf eine Textpassage Prousts in der „Recherche“, die „beinahe identisch“ mit jener des erwähnten Vorworts sei.

Wie es um Prousts Sachkunde steht, wird an verschiedenen Stellen in der MPE ausgebreitet. Eine solche findet sich unter ‚Musik I‘, in dem zugleich das Verhältnis von Malerei und Musik thematisiert wird. Zwar behalte die Malerei in der „Recherche“ die Oberhand, in Bezug auf Prousts Gesamtwerk, dazu wird auch dessen umfangreicher Briefwechsel gezählt, ändere sich, so die Beiträgerin, das Verhältnis, da sich „Proust häufiger und sachkundiger auf Musik....als auf Malerei“ bezogen habe (Leriche). Auf die Bedeutung des Briefwechsels, um Auskünfte zu Prousts Leben und Werk, insbesondere auch zu Fragen der Einschätzung von Prousts kulturellem Sachverstand zu erhalten, wird auch in ‚Korrespondenz I‘ hingewiesen, wobei diese „Prousts umfassende Kenntnis in kulturellen Belangen“, so der Beiträger Yoshikawa, bezeuge.

4: Proust als Kunstkenner, Übersetzer und Autor von Texten zur Kunst / Künstlerbegegnungen

Auch zu Fragen nach den Quellen von Prousts Kunstkenntnissen berät die MPE in gewohnter Manier in zahlreichen Stichworten, die sich in vier Abteilungen zusammenfassen lassen.

In der Abteilung I erfolgt ein Gang zu den Stichworten ‚Ausstellungen, Galerie Georges Petit, Malerei I, Museen, Louvre‘. Zur weiteren Erkundung stehen die bereits erwähnten Stichwörter ‚Kathedralen‘ und die namentlich geführten Kathedralen und das Stichwort ‚Automobil‘, ‚Reisen‘ oder ‚Holland‘ bereit (Keller, Picon, Yoshikawa, Picon, Picon, Isabelle Serça, Miguet-Ollagnier, Brun).

Von Bedeutung waren auch II: persönliche Gespräche mit Freunden und Bekannten. Zu diesem Aspekt liegen Stichwörter wie ‚Salons‘ bereit. Zu verschiedenen Salons, in denen über Kunst und Ausstellungen gesprochen wurde, hatte Proust, dank gesellschaftlicher Beziehungen, Zugang (Bernard Brun). Auch über personenenbezogene Stichwörter, wie etwa zu ‚Robert Comte de Montesquiou-Fezensac‘ (1855-1921), der in den „exklusivsten Salons“ verkehrte, kann dieser Aspekt vertieft werden, da Proust über Montesquiou, der als Vorbild für die Figur des Baron de Charlus in der „Recherche“ diente und unter ‚Charlus I‘ geführt wird, mit Gesellschaftsmalern bekannt wurde, die unter ‚Gesellschaftsmalerei‘ besprochen wurden (Keller, Hughes, Yoshikawa).

Weitere Maler, wie etwa ‚Monet‘, ‚Gustave Moreau‘ (1826-1898) oder ‚Auguste Renoir‘ (1841-1919) lernte Proust in Salons persönlich kennen (Keller, Yoshikawa, Keller). Unter fünf Stichwörtern werden die jeweiligen Salons vorgestellt (Brun, Keller, drei: Hassine/Keller). Etwas zu wenig beleuchtet wird die Rolle des Kunstkritikers und Schriftstellers Octave Mirbeau (1848-1917), einen visionären Förderer künftiger künstlerischer Größen wie des Komponisten ‚Claude Debussy‘ (1862-1918) (Leriche). Mirbeau war es auch, so der Mirbeau-Übersetzer Wieland Grommes (o.A.) in seiner Anmerkung zu dessen Roman „Nie wieder Höhenluft oder Die 21 Tage eines Neurasthenikers“ („Les 21 jours d’un neurasthénique“, 1901), der als „erster auf die Bedeutung des Belgiers ‚Maurice Maeterlinck‘ (1862-1949) aufmerksam machte“, der von Proust in „Sésame et les lys“ als „flandrischer Vergil“ bezeichnet wird und der, so die Beiträgerin Simon, über manche Irritation hinweg, für Proust „eine positive Referenz“ blieb.

Nach Prousts eigenen Kriterien, die in „Tage des Lesens“ erwähnt werden, ist Mirbeau ein Kritiker mit „Scharfsinn“, einer, der seiner Zeit vorauseilt und auf nicht „durch das Publikum erprobt(e)“ Künstler hinweist („Tage des Lesens“, Suhrkamp Verlag, 1978, S. 37 / 58). Proust erwies Mirbeau überdies in einer langen Passage im vierten Teil der „Recherche“ seine Reverenz und läßt dessen Roman in einem seiner Textbilder sprechen. Selbstverständlich verarbeitete Proust diese Begegnungen in den Salons auch literarisch. Insbesondere in der „Recherche“ wird unentwegt über Künstler, Kunstwerke und Ausstellungen in den verschiedenen Salons gesprochen und verschiedene Figuren sammeln und / oder schreiben über Kunstwerke.

Als eine weitere Quelle für den Erwerb von Kunstkenntnissen gilt III: Prousts Mitarbeit in Zeitschriften. Bereits seit seiner Schulzeit, als er auf dem Lycée Condorcet ‚Robert Dreyfus‘ (1873-1939), begegnete, schrieb Proust für Zeitschriften, so in der 1887 mit Dreyfus und ‚Fernand Gregh‘ (1873-1960) gegründeten Zeitschrift ‚ (Le)Lundi‘ (Henrot, Henrot, Picon). Dieser folgten weitere Zeitschriftenprojekte wie ‚(La) Revue de seconde‘, ‚(La) Revue verte‘, ‚(La) Revue lilas‘ und ‚(Le) Banquet‘, allesamt Objekte, die als handschriftlich kopierte Exemplare erschienen (alle: Picon). Nachdem, so im Beitrag ‚(La) Revue blanche‘, die letzte Nummer von Le Banquet erschienen war, fanden Proust und seine Freunde Aufnahme in der Revue blanche (Keller). Über die Mitarbeit an dieser, so auch unter ‚Jugendstil‘, sei Proust, im Unterschied zu „impressionistischen Malern, denen er eher selten begegnet sei, „mit einigen Vertretern des französischen Jugendstils gut bekannt“ gewesen (Keller). Der Jugendstil wird in diesem Artikel nicht nur ausführlich dargestellt, sondern thematisiert wird auch dessen Einfluss auf Prousts „synthetisierende Kompositionsweise“.

Hauptsächlich jedoch erwarb Proust Kenntnisse zur Kunst durch IV: ausgedehnte Lektüre von Zeitschriften und Büchern zur Kunst. Es finden sich daher dazu Einträge unter verschiedenen Stichwörtern, so etwa zum schreibenden Maler ‚Eugène Fromentin‘ (1820-1876). In der „Recherche“ werden sowohl einige seiner Tafelbilder, als auch dessen Roman „Dominique“ (1863) und seine Studie zur niederländischen Malerei „Les Maîtres d’autrefois“ (1876) (Alte Meister, 1998, Verlag DuMont) erwähnt, die Proust rezipiert hat. Auch an diesem Artikel läßt sich gut die in der MPE waltende Akribie demonstrieren. So widerlegt die Beiträgerin Hassine Prousts Auffassung, Fromentin habe in seiner Studie „Vermeer >nicht einmal erwähnt<“. Tatsächlich wird der für die „Recherche“ so bedeutsame ‚Vermeer van Delft, Johannes Vermeer gen.‘ (1632-1675) von Fromentin den an drei Stellen seiner Schrift unter der Bezeichnung „Van der Meer“ (S. 131, 143) bzw. „Van der Meer van Delft“ (S. 162) erwähnt.

In Auseinandersetzung mit dieser und anderen Schriften vertiefte Proust seine Kenntnisse und entwickelte eigene ästhetische Vorstellungen. In gewohnter Qualität stellen verschiedene Beiträger diesen Aspekt dar, ob es sich um Prousts Auseinandersetzung mit der Kunstauffassung von bildenden Künstlern, Literaten wie Montesquiou oder Komponisten wie ‚Richard Wagner‘ (1813-1883) handelt. Im Falle der Musik Wagners schlagen die Beiträger Keller/Leriche wiederum den Bogen zur „Recherche“ und halten fest, dass eine Ähnlichkeit auf „formaler und stilistischer Ebene“ mit dem „Wagnerschen Kontinuum“ bestehe.

Zwei weitere wichtige Quellen erschließt die MPE mit Hinweisen auf den Kunsthistoriker ‚Émile Mâle‘ (1862-1954) und unter ‚Goncourt I und II’ auf die Brüder Edmond (1822-1896) und Jules de Goncourt (1830-1879) (Rey, Bouillaguet/Keller, Keller). Bezogen auf Mâle, der ein grundlegendes Werk zur christlichen Kunst des 13. Jahrhunderts in Frankreich schrieb, führt Rey aus, dass die Lektüre Mâles, Proust dazu verhalf „seine Kenntnisse auf dem Gebiet der Architektur und der mittelalterlichen Ikonographie zu vertiefen“. Mâle, mit dem Proust korrespondierte, riet ihm, nicht die Kathedralen der Bretagne, sondern die der Normandie besuchen. Um zu erfahren, zu welchem Zeitpunkt Proust welche Kathedrale besuchte / nicht besuchte und welche in seinen literarischen Werken rein fiktiv sind, gilt es zu den erwähnten Stichwörtern, die Kathedralen betreffend, zurückzukehren.

In die Zeit Prousts fällt der Tod des von ihm verehrten Kunstkritikers ‚John Ruskin‘ (1819-1900) (Leonard). Durch Lektüre von dessen Schriften sei, so die Beiträgerin, Prousts Interesse an der präraffaelitischen Malerei geweckt worden (Stichwort: ‚Präraffaelismus‘: Eells). Auch im Beitrag zu Ruskin, in dem ausführlich dessen ästhetische Überzeugungen vorstellt werden, ehe zu Prousts Beziehung zur Ruskin referiert wird und danach Forschungsergebnisse zu letzterem Aspekt vorgestellt werden, finden sich weitere, für die Thematik relevante Hinweise. So wird die Bedeutung Ruskins für Prousts Interesse am Kunsthandwerk herausgestellt, da Ruskin, als einer der Stichwortgeber der Arts–and-Crafts-Bewegung gilt und zu Prousts Wertschätzung von ‚William Morris‘ (1834-1896) führte (Eells). Zu Ruskins Tod verfasste Proust einen Nachruf und eine große Studie „Ruskin à Notre-Dame d’Amiens“, die er als Material für sein umfängliches Vorwort zu „Ruskins „The Bible of Amiens“ verwendete. Dieses Werk übersetzte Proust, der sich dabei helfen lassen musste, ebenso wie Ruskins ‚Sesame and Lilies‘. Beide Werke erhalten unter ihren französischen Titeln eigene Stichwörter (Leonard).

Betrachtet man alle Artikel zu diesem Aspekt, so ergibt sich ein guter Überblick zu Prousts literarischer und ästhetischer Entwicklung, die mit seinem Erstlingswerk, „Porträts von Malern“, abgedruckt in „Freuden und Tage“, einsetzt. Diesen Text läßt Keller als ‚Kunstkritik‘ „im weiteren Sinn“ gelten.

MPE 5: Sehen / Wahrnehmung / Erinnerungen / optische Geräte

Vielfach wurde auf den konstitutiven Zusammenhang von Kunst und Erinnerung, Erfahrung und Sinneswahrnehmungen in Prousts Leben und Werk, insbesondere auch in der „Recherche“, abgehoben. Gerade hinsichtlich dieser schwierig zu vermittelnden Aspekte der „Recherche“, zeigt sich das Querverweissystem von seiner besten Seite: ‚Erfahrung‘ verweist auf „Erinnerung“ und diese auf ‚Sinneswahrnehmungen‘. Von dort gelangt man zu ‚Impression‘ und ‚Laterna Magica‘ (Anne Simon, Anne Henry, Julia Kristeva, Leonard, Serça). In letzterer sieht Serça „ein Symbol für Prousts Werk“. So würden die von der Laterna magica an die „Wand des Zimmers projizierten Bilder aus historischer Vergangenheit“ an „die verworrenen, ineinanderkreisenden Erinnerungsbilder der persönlichen Vergangenheit<“ erinnern. Die Laterna magica wiederum stehe, so die Beiträgerin Serça, im Zusammenhang mit „weiteren optischen Instrumenten der Recherche“, „insbesondere jenen, wie Kinestoskop und ‚Kaleidoskop‘ die die „Dimensionen der Zeit sichtbar werden“ ließen (Serça). Hinweise auf den genannten Zusammenhang finden sich auch unter ‚Optische Instrumente‘ und „Film I“ (Serça, Anguissola).

Auch zum damals neuen Medium ‚Photographie I‘ gibt es einen Überblicksartikel, in dem davon die Rede ist, dass bereits mit Prousts frühen Schriften eine Beschäftigung mit dieser einsetzt und er zwischen „Momentaufnahmen und Kunstphotographie“ unterschied. Nur letztere werde, so die Beiträgerin Eells, in der „Recherche“ „mit den Mechanismen“ der unwillkürlichen Erinnerung in Verbindung gebracht: „Die „Produktionsschritte der Photographie (Aufnahme, Entwicklung in der Dunkelkammer, Abzug auf Papier) entsprechen den bei der unwillkürlichen Erinnerung mitspielenden Momenten (sinnliche Wahrnehmung, Versinken im Vergessen, Wiederauftauchen bei einer identischen Wahrnehmung)“. Konsens herrscht in der wissenschaftlichen Literatur, dass Proust die, mit der Erfindung neuer Medientechniken im 19. Jahrhundert verbundenen Bedingungen von Wahrnehmung bzw. die Subjektivierung des Sehens, reflektiert habe.

Proust und die Fotografie ist ein in der Forschung kontrovers behandeltes Thema. Darauf geht Eells in ihrem Artikel kaum ein. Es sei daher auf einen Beitrag von Irene Albers „Proust und die Kunst der Photographie verwiesen, der in einem Symposionsband „Proust und die Künste“ abgedruckt ist (Hrsg: Wolfram Nitsch / Rainer Zaiser, Marcel-Proust-Gesellschaft, 2004, S. 205 ff.). Albers weist darauf hin, dass sich Proust „auf die verschiedensten photographischen Techniken und Stile“ in der „Recherche“ beziehe und erwähnt z.B. auch die Chronophotographie. Es trifft sich daher gut, dass Henning Schmidgen (*1965), Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin, in seiner Schrift „Die Helmholtz-Kurven. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ zu dieser vertiefende Hinweise gibt. Über Prousts Vater, der als Arzt und Epidemologe arbeitete, hätte Proust, so Schmidgen, Kontakt zur „medizinisch-biologischen Szene in Paris“ gehabt, da sein Vater zeitweilig mit dem Physiologen und späteren Fotopionier Étienne-Jules Marey (1830-1904) kooperiert hätte. Marey, so Schmidgen weiter, sei es denn auch gewesen, der die von Hermann von Helmholtz (1821-1894) durchgeführten Zeitexperimente, die sich in zwei Kurvenbildern niederschlugen und mit „temps perdu“ betitelt waren, im französischen Sprachraum populär und Proust bekannt gemacht hätte. Helmholtz und Proust, so Schmidgen, trafen sich in ihren „Zeit-Recherchen“ und dass sie der Photographie große Bedeutung zumaßen.

Neue Formen der Wahrnehmungen bringt Proust ferner mit neuen Fortbewegungsmitteln in Verbindung und diese verweisen wieder auf die Ästhetik der Moderne, Geschwindigkeit und Perspektivenwechsel zurück. Über weitere Stichworte, etwa zur ‚Modernität‘, ‚Automobil‘, ‚Martinville‘ oder ‚Impressions de route en automobile. I. Arrivée à Caen‘ kann dieser Aspekt erschlossen werden (Leriche, Serça, Keller, Keller).

MPE 6: Abbildungen von Proust / Bearbeitungen seiner Werke / Rezeption

Auf die Aspekte, Abbildungen von Proust und Bearbeitungen seiner Werke, geht die MPE unter ‚Photographie II‘ ein. So erwähnt Keller, dass Proust „häufig abgelichtet“ worden sei und „zwar von den guten Photographen der Zeit“ wie z.B. Paul Nadar (1856-1939). Gleiches, so Keller weiter, ließe sich von Malern nicht sagen, da sie sich, wie Keller unter ‚Malerei II‘ anführt, „Proust nur selten“, wie etwa von ‚Paul Helleu‘ (1859-1927) oder Man Ray (1890-1976) „als Modell genommen“ hätten. Da Helleu ein Stichwort erhält, wird man auch dort zu diesem Aspekt fündig (Yoshikawa). Im zweiten Abschnitt des Artikels geht Keller auch auf Illustrationen zu Prousts Werken ein. Er erwähnt u.a. die Illustrationen zu Prousts Buchdebüt. Diese stammen von der Künstlerin ‚Madeleine Lemaire‘ (1845-1928), in deren Salon Proust verkehrte. Keller weist ferner auf die 1991 in Illiers gezeigte Ausstellung „Proust illustré“ hin, die einen Überblick zu diesem Aspekt erlaubt. Auch neuere Adaptionen hat Keller im Blick und führt den Comic des Künstlers Stéphane Heuet (*o.A.) an. Weitere Bearbeitungen lassen sich unter den Stichwörtern ‚Theater II, Film II, Musik II‘ aber auch unter Personennamen, so ‚Reynaldo Hahn‘ (1875-1947), einem Freund Prousts finden (Keller, Jean Milly/ Keller, Keller, Anguissola).

Fragen der Rezeption werden in einer Reihe von Artikeln mit länderspezifischer Ausrichtung und in einem Überblicksartikel behandelt, den Keller verfasste. Die Rezeption habe, so Keller, „mit einem Fiasko“ begonnen und „erst in den 1950er Jahren“ sei Proust als einer „der Großen der Literatur überhaupt erkannt und anerkannt“ worden. Nicht allen Bezügen auf Proust kann die MPE nachgehen, zumal laufend Neues hinzukommt und manche Verbindung noch der Entdeckung harrt. Eine schöne Geschichte läßt sich vom Enkel Sigmund Freuds (1856-1939), dem Maler Lucien Freud (*1922), einem Spezialisten für Porträts, berichten. Dessen Modelle vertrieben sich die Zeit während der Porträtsitzungen damit, Prousts „Recherche“ zu lesen und auf einem Gemälde fand dieses Buch, als kleine Hommage auch ins Bild. Als eine solche legte der Künstler Elger Esser (*1967) seine Ausstellung an. Unter dem Titel „Eigenzeit“ stellte Esser seine Gemälde vom 28.11.2009 bis 11.4.2010 im Kunstmuseum Stuttgart zu sehen waren. Dort wurde, standesgemäß für Proust, ein Séparée reserviert.

MPE 7: Prousts Schreiben / Proustiana

Proust ist dafür bekannt, einen ‚chaotischen‘ Arbeitsstil gepflegt zu haben. Maßgeblichen Anteil daran, dass das wilde, kreuz und quer beschriebene, häufig auch zusammengeklebte, leporelloartige Zettelwerk, die „paperoles“, in eine Ordnung gebracht wurde, hatte seine Haushälterin ‚Céleste Albaret‘ (1891-1984) (Deschamps). Einen Eindruck von Prousts Arbeitsstil und seinem Briefwerk gibt der vom Literaturwissenschaftlicher Jürgen Ritte (*1956) und dem Proust-Sammler Reiner Speck (*1941) herausgegebene Band „Cher ami...Marcel Proust im Spiegel seiner Korrespondenz“, der bei der Snoeck Verlagsgesellschaft 2009 erschien. Unter ‚Proustiana‘ befasst sich Keller mit Literatur, die nach Prousts Tod erschien und nimmt, unter dem Abschnitt „Ausstellungs- und Bibliothekskataloge“, auch den Ritte-Speck-Band auf, da dieser als Katalog zu einer Ausstellung im Münchner Literaturhaus erschien. Die dort gezeigten Trouvaillen stammen aus Specks Proustiana-Sammlung. Abgebildet werden 81 Privat- und Geschäftsbriefe, Briefumschläge, Postkarten, einzelne Manuskriptseiten und einige „paperoles“, Buchausgaben von Werken Prousts und Photographien, aber auch andere Materialien, wie einige sehr schönen Szenen einer Laterna magica.

Dieser Band bietet, neben Artikeln von 15 kenntnisreich schreibenden Autoren, einen Einblick in die „Bibliotheca Proustiana Reiner Speck“ und erlaubt einen Blick auf Briefwerk. Die Herausgeber wandelten den Satz des Schriftstellers Jean Paul (1763-1825), dass Bücher nur dickere Briefe an Freunde seien, etwas ab und machten aus der Speck-Sammlung von Proust-Dokumenten und Briefen ein voluminöses, sehr schönes Buch mit umfänglichem Anhang, hervorragenden Abbildungen und interessanten Beiträgen. So zeigt etwa der Beitrag von Ursula Link-Heer (o.A.) die spannungsreiche Beziehung von Proust und Montesquiou und bezeichnet eine „Art Besprechung dreier Essay-Sammlungen Montesquious“ von Proust, die 1905 in „Les Arts de la vie“ erschien, als den vielleicht „wichtigsten frühen avant-texte der Recherche.“ Nicht minder interessant ist der Beitrag von Ritte, der das Beziehungsgeflecht Proust, ‚Paul Morand‘ und ‚Jean Giroudoux‘ (1882-1944) analysiert und in diesem Zusammenhang den Proustschen Maßstab „allen Fortschritts in der Kunst“ vorstellt: „die neue Sicht der Dinge.“

MPE 8: Graphisches von Proust

Zum Werk Prousts gehören auch von ihm angefertigte Zeichnungen, die unter ‚Zeichnungen‘ und ‚Porträt‘ vorgestellt werden (Dyer, Henrot). Beide Autoren führen aus, dass sich Proust in puncto Zeichnungen als nicht sonderlich begabt ansah, aber „für sein Leben gern...kritzelte“. Dieses „Gekritzel“, wie die Zeichnungen auch genannt werden, kann nun auch von jenen, die die Ausstellung nicht gesehen haben, betrachtet werden, da einige bei Ritte/Speck abgebildet sind. Prousts Zeichnungen systematisiert und analysiert Caroline Szylowicz (o.A.) bei Ritte/Speck unter den Aspekten Form, Inhalt, Funktion, Trägermaterialien und Ort der Positionierung. Die Autorin führt aus, dass Proust sich zeichnerisch sowohl Kenntnisse der Kunstgeschichte aneignet habe als auch seine Meinung zu Kunstwerken in Form von Zeichnungen ausdrückte und sie, drittens, als parodistisches Mittel einsetzte. Zeichnungen treten in mehreren Varianten auf. Grundsätzlich wird zwischen schriftlosen eigenständigen Zeichnungen und solchen mit Schriftelementen unterschieden, die das Schriftliche komplettieren oder kommentieren oder in Kombination mit der Signatur des Romanciers auftreten. Zeichnungen können sich auf separaten Blättern, auf Briefen oder als in den Text eingerückte Elemente auf Romanmanuskripten befinden.

Benachbart ist dem „Gekritzel“ die Handschrift und diese wird bei Ritte/Speck unter einem graphischen Aspekt von Manfred Schneider (*1944) betrachtet. Schneider kommt über einen kleinen Umweg, der dem Schreiben und dem Handschriftlichem von Literaten gewidmet ist, auf Proust zu sprechen. Proust hat im engeren Sinn Manuskripte, also von Hand Geschriebenes, hinterlassen. Es ist daher besonders reizvoll, dass im vorliegenden Band einige reproduziert wurden. Auch zu diesem Aspekt bietet die MPE Erläuterungen unter ‚Écriture‘ und ‚Cahiers‘ an (Serça, Brun).

Auch in der „Recherche“ findet sich, im Zusammenhang mit dem Schreiben und mit Briefen, mancherlei Gezeichnetes wie Vignetten oder Schnörkel. Diesem Aspekt widmet die MPE kein eigenes Stichwort. Auch zu Proust als Empfänger von Gekritzeltem gibt es kein eigenes Stichwort. Fündig wird man trotzdem, es gilt ‚Antoine Watteau‘ (1648-1721) aufzuschlagen. Dort ist vom Absender von Gekritzeltem, dem Freund von Proust, dem Literaten ‚René Peter‘ (1872-1947) die Rede, dessen Kritzeleien auf einem Briefumschlag Proust „farbiger als eine Zeichnung Watteaus“ empfindet (Yoshikawa/Keller). Es trifft sich daher gut, dass dem Phänomen der Graffiti von Literaten in einer Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne in Marbach nachgegangen wurde, die vom 28.1. bis 18.4.2010 zu sehen war. Kritzeleien, die sich während eines Schreibprozesses einen Weg aufs Papier bahnen und dort als mehr oder wenig unbewußt entworfenes Gekritzel ankommen, werden in Marbach als „Nebenwege des Schreibens“ bzw. als „Randzeichnungen“, bezeichnet. In der literaturwissenschaftlichen Forschung waren diese nebensächlichen Spuren des Schreibens bislang ein Randgebiet und werden mit der Ausstellung erstmals ins Zentrum gerückt. Begleitet werden diese von einer instruktiven Einführung des Schriftstellers Heinrich Steinfest (*1961). Fern jeder illustrativen Funktion, wird die Randzeichnung von Steinfest als struktureller Verwandter der literarischen Abschweifung angesehen. Wie diese, so Steinfest weiter, den Haupttext ja nicht kommentiere, sondern ihm eine zusätzliche Ebene einzöge, so statte die Randzeichnung den Text mit einer „zusätzlichen Ebene“ aus. Proust im Kreise seiner mitkritzelnden Kollegen zu versammeln, war den Marbachern in ihrem sorgfältig gemachten Katalog zwar nicht vergönnt, die Frage des Marbacher Direktors Ulrich Raulff (*1950) im Vorwort des Katalogs: „Welche Kreaturen gebiert der Halbschlaf der kritzelnden Hand“? allerdings beantworteten Ritte / Speck mit schönen Abbildungen von Prousts ‚Kreaturen‘.

Streiflicht

Zu Büchern hatte Proust eine besondere Beziehung und bezeichnet sie als „neue Freunde“. Solche hat Proust auch in Ritte und Speck und es ist sehr gut möglich, dass die Herausgeber damit neue Proust-Freunde gewinnen. Sowohl Ritte/Speck als auch Schmidgen bereichern die Forschung zu Proust und die Marbacher tragen ihr Scherflein dazu bei, da sie zeigen, dass diese Zeichnungen nicht nur untrennbar mit der Entstehung von Schriftwerken verbunden sind, sondern überdies das Schöne auch im Randständigen zu finden ist. Dies hätte Proust gewiß ebenso gefallen wie die Gestaltung der vorgestellten Bücher, die, passend zu Prousts Verehrung des Erfinders der Buchdruckerkunst, in der Belle Étage der Gutenberg-Galaxie siedeln. Als würdiger Vertreter dieses Universums trat auch der Gestalter der MPE Rolf Staudt auf und stattete diese mit einem dunkelblauen Umschlag und einem Schriftzug aus, dessen Gestaltung auf die Frankfurter Ausgabe der Werke Prousts anspielt.

Generalschlüssel

Mit der MPE liegt ein Generalschlüssel bereit, um sich in Prousts Welten auf allen Ebenen zurechtzufinden. Die geschickte Regie des Herausgebers erlaubt es, sich sowohl zu bestimmten Aspekten als auch zum ‚ganzen‘ Proust zu informieren, sich Zusammenhänge zu erschließen und selbst zu weiteren Erkundungen aufzubrechen. Erfreulich ist, dass die MPE Proust widerlegte, der an Intellektuellen kritisiert hatte, dass es diesen nicht gelänge, selbst einfache Dinge einfach auszudrücken. Da die Dinge bei Proust jedoch niemals einfach liegen, gebührt der MPE der Ruhm, den Spagat bewerkstelligt zu haben, komplizierte und komplexe >Dinge< allgemeinverständlich und zugleich mit wissenschaftlicher Präzision zu präsentieren.

Die zentrale Stellung, die die Künste in Leben und Werk Prousts einnehmen, rückte die MPE ins rechte Licht und brachte den Stern am blauen Proust-Himmel, die „Recherche“, dazu, als literarisches Kunstwerk und literarisches Kunstbuch, zu erstrahlen. Für diese Leistung, dem Publikum diese besondere Form einer literarischen Kunstgeschichtsschreibung und Kunstbetrachtung auf höchstem Niveau präsentiert zu haben, erhalten die Herausgeber der französisch-deutschen Koproduktion, die Übersetzer und Autoren und die Dr. Speck Literaturstiftung, die die Herausgabe der MPE unterstützte, den imaginären europäischen Kunstgeschichtspreis 2010.

Besser kann man das Thema Proust und die Künste in einem Nachschlagewerk, das kein Lexikon zu diesem Thema zu sein beansprucht und ein solches auch nicht ist, nicht präsentieren. Zum Schluss bleibt nur der Appell an Keller eine gesonderte Abhandlung, gern auch in Form eines Lexikons, zum Thema Proust und die Künste, in Angriff zu nehmen. Die zahlreiche Sekundärliteratur zu dieser Thematik richtet sich bislang, so groß deren Verdienste auch sein mögen, an ein Fachpublikum. Auch das 2010 erschienene Buch von Eric Karpeles (o.A.) „Proust und die Gemälde aus der Verlorenen Zeit“ schließt, bezogen auf „Recherche“, diese Lücke nicht, da es nicht hält, was es verspricht. Solch ein Projekt bedarf konzeptioneller, begrifflicher und handwerklicher Gründlichkeit und daher läuft alles auf Keller als Herausgeber zu. Er hat mit der MPE sein Meisterstück vorgelegt und ist zudem gut vernetzt. Der Verlag Hoffmann & Campe wiederum empfahl sich nicht zuletzt durch sein Lektorat. Die Marcel Proust Enzyklopädie ist ein Gesamtkunstwerk.


Erwähnte Literatur

Jürgen Ritte / Reiner Speck (Hrsg.) (2009) „Cher ami....“ Marcel Proust im Spiegel seiner Korrespondenz. Briefe und Autographen aus der Bibliotheca Proustiana Reiner Speck. Mit Beiträgen von Philippe Chardin, Eva Erdmann, Kerstin von Hagen, Luzius Keller, Joyceline Kolb, Ulla Link-Heer, Nathalie Mauriac, Rainer Moritz, Mireille Naturel, Angelika Rieger, Jürgen Ritte, Pierre-Edmond Robert, Manfred Schneider, Michael Sostarich, Reiner Speck, Caroline Szylowics, dt./ franz., Übersetzung: Stefan Barmann, Claire Debard, Diane Gilly, Jürgen Ritte, geb., 352 S., 500 farbige Abb., 31,5 cm x 23 cm. Köln. Snoeck Verlagsgesellschaft. ISBN: 978-3-940953-04-9. € 48,00

Henning Schmidgen (2009) Die Helmholtz-Kurven. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. kart., 270 S., 37 s/w Abb., 12 cm x 17 cm. Berlin. Merve Verlag. ISBN: 978-3-88396-279-5. € 20,00
Deutsches Literaturarchiv Marbach (Hrsg.) (2010). Randzeichnungen – Nebenwege des Schreibens. Marbacher Magazin Nr. 129. Texte: Ulrich Raulff und Heinrich Steinfest. kart., 101 S., zahlreiche farbige Abb., 14 cm x 21 cm. Marbach am Neckar. Deutsches Literaturarchiv. ISBN: 978-3-937384-64-1. € 10,00

28.03.2011


Sigrid Gaisreiter
Marcel Proust - Enzyklopädie. Handbuch zu Leben, Werk, Wirkung und Deutung. Hrsg: Luzius Keller. Übers.: Melanie Walz. 1010 S. 17 x 24 cm, Gb. Hoffmann und Campe, Hamburg 2009. EUR 128,00
ISBN 978-3-455-09561-6
 
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