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Nives Widauer - Minor Catastrophies

Die Schweizer Künstlerin Nives Widauer als einen verspielten Menschen zu bezeichnen ist ebenso gerechtfertig wie die Aussage, sie habe einen ironischen Blick auf die Gesellschaft, der sich in ihrem Falle in der Kunst ausdrückt. Das oft zitierte 'felix austria', das glückliche Österreich, wird in ihrem Werk einer gründlichen Demontage unterzogen, sodass aus dem zerbrochenen Bild des einstigen Kaiserreichs, gebannt auf die Wohnzimmerwände der alten Generation, ein Punk als Kaiser Franz Joseph I. daherkommt, oder Johann Strauß als bettelnder Straßenmusikant mit zerrissener Hose, Plastikeinkaufstüte und einem streunenden Hund. Und das alles – darin besteht ja gerade die vermeintliche Katastrophe – gebannt auf einen Stickrahmen Made in Austria, auf einem Material, das sich in der Kunst der Gegenwart keiner besonders großen Beliebtheit erfreut.
Doch alles der Reihe nach. Nives Widauer ist vielleicht am besten bekannt für ihre Arbeit am Theater. Für das Baseler Haus entwirft sie Bühnenbilder, bei denen Videotechnik in Verbindung mit audiovisueller Bildproduktion in das Geschehen auf der Bühne eingreifen, und die so entstehenden multimedialen Szenografien zu einem eigenständigen Beitrag in der Komposition des Stücks werden. So ist es nur ein kleiner Schritt zu ihrer Emanzipation von dem Theater, hin zum künstlerischen Ausdruck in der Videokunst, der frei von einer immer angelegten Verbindung zum Bühnengeschehen ist. In ‚Philosoccer‘ werden Bilder von singenden Fußballnationalspielern gezeigt. Während diese mit mehr oder weniger inbrünstigem Ausdruck die Hymne ihres Landes intonieren, hat die Künstlerin den auditiven Kanal manipuliert, sodass Zitate aus philosophischen Traktaten aus den Mündern der Spieler zu kommen scheinen. Um diese Absurdität noch zu steigern, hat sie die Kulisse des Fußballs aber nicht komplett eliminiert. Durch das Verwenden von typischen Hintergrundgeräuschen der Fangesänge und des Applaus´ entsteht die für ein Stadion eigentümliche Atmosphäre – all das schafft ein babylonisches Sprachgewirr, in dem die Klarheit der Formulierungen und der ruhige Kameralauf in einem eigentümlich surrealen Verhältnis zu stehen scheinen, während akustisch eine Unruhe erzeugt wird, die die beiden harmonischen Elemente überlagert.

Einen großen Schritt weg von der digitalen und visuellen Kunst findet sich in ihrer Serie ‚Minor Catastrophies‘, veröffentlicht im Wiener Czernin Verlag mit einem Vorwort von Urs Widmer. Für diese Serie hat sie sich den Textilien, einem der ureigensten Materialien der Volkskunst, zugewandt und präsentiert einen sehr eigenwilligen Umgang mit dem Stoff. Doch das beschreibt ihre Materialien noch zu ungenau. Widauer greift auf ein Material zurück, das wahrscheinlich auf immer und ewig mit der Heimatkunstbewegung verbunden ist und heute sinnbildlich für den verbrämten Biedermeier steht, der sich immer noch in Wohn- und Schlafzimmern dieser Republik an Wände gehängt findet. Das Stickmuster ist ihr Material ihrer Wahl, und so nennt sie diese Serie auch ‚Minor Catastrophies‘, geringere Katastrophen. Was man in den 66 versammelten Stickmustern sieht, sind teilweise ausgeführte Arbeiten, die das ursprünglich Vorgegebene in ironischer Weise aufgreifen und karrikieren. Und dabei macht Widauer vor nichts Halt. Seien es Dürers ‚Betende Hände‘, ausgestattet mit einem Joint und dem direkten Kontakt ins Nirvana oder der ‚Feldhase‘, verziert mit einem pinken Schwanz, pinken Barthaaren und einem seltsamen, igelartigen Stachelkleid auf seinem Rücken.
Diese Stickmuster sind das, was in der Laienmalerei das Malen nach Zahlen ist. An vorkolorierten Rahmen muss man nur die entsprechenden Farben an den dafür vorgesehenen Stellen einsticken, schon erhält man die Replik eines Kunstwerks, gebannt auf einem plastikverstärkten Rahmen nur mit der Fähigkeit der eigenen Hände. Widauer macht sich nicht die Mühe, diesen vorgegebenen Mustern zu entsprechen, sie bearbeitet nur das Material an den Stellen, da sie manipulativ in die Vorlage eingreift. Immer in den falschen Farben, immer das ursprüngliche Motiv verändernd greift Widauer in das ein, was die eigentliche Katastrophe ist, das Erzeugen eines Bildes einer nicht näher bestimmbaren Zeit, in der alles gut war und sich Kirchen in das Dorfbild einfügten, der Wind sanft Wellen auf dem See verursachte und die alte Bauersfrau zufrieden den Betrachter anschaute.
In Widauers Bildern ist diese vermeintliche Harmonie dahin, nichts ist so idyllisch, wie es die Vorlagen vorzuspielen versuchen. Kaiser Franz Joseph I., mit dessen Tod 1916 bald auch die K. u. K. Monarchie ihr blutiges Ende im Ersten Weltkrieg findet. Ist im Œvre gleich zwei Mal dargestellt. Mit einem Irokesenschnitt, einer tiefschwarzen Schärpe, einer Ratte auf der Schulter und dem Jolly Roger am Revers hätte Kaiser Franz Joseph das Zeug dazu, in der Punkbewegung als Stilikone vorranzuschreiten. Das andere Mal ist er mit einer blonden Langhaarfrisur verziert. Mit einem feinen flachsblonden Wollfaden wird von der Vorlage abgewichen und dem Kaiser ein vollkommen neues Aussehen gegeben. Entstanden ist aus der Serie ein gutes Buch, das neben der Einleitung auch eine gut lesbare Einführung in das Werk von Nives Widauer gibt, einer Künstlerin, die es in größerem Stil noch zu entdecken gilt.

28.03.2011
Jan Hillgärtner
Widauer, Nives. Minor Catastrophies. No.1-66(6). 120 S. 28 x 23 cm. Gb. Czernin Verlag, Wien 2010. EUR 25,00
ISBN 978-3-7076-0333-0
 
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