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Alfred Kubin. Die andere Seite.

Anzunehmen, dass es sich bei Alfred Kubins (10.4.1877-20.8.1959) 1908 geschriebenen, einzigen Roman um eine fröhliche Ferien- oder Liebesgeschichte handelt, wäre grundlegend falsch. Spricht doch der Titel schon davon, dass sich der Zeichner und Lithograph düsterer, geheimnisvoller, auch unheimlicher Sujets mit einer Anderswelt, einer Rück- oder Nachtseite befasst. In drei Teilen (Der Ruf, Perle, Der Untergang des Traumreichs) und einem kurzen Nachwort berichtet der Ich-Erzähler vom Traumreich, das sein ehemaliger Schulkamerad Patera in Zentralasien aufbaute ...

Der Erzähler selbst bezeichnet sich als "Dreißiger", der mit seiner Frau mehr schlecht als recht als Zeichner und Illustrator durchkommt, bis sich eines Tages ein Gesandter von obenerwähntem Patera einfindet, der den alten Schulkameraden einlädt, zum Bürger seines Traumreiches zu werden und in der Residenzstadt Perle zu leben. Zuerst hält der Erzähler dies für einen guten Witz bzw. für die fixe Idee eines Verrückten, aber ein Scheck von 100.000 Reichsmark und ein Konterfei des alten Schulkameraden mit persönlicher Widmung überzeugen ihn schließlich: Es ist ernst gemeint. Nach kurzem Überlegen reisen seine Frau und er in gehobener, erwartungsvoller Stimmung über München, Constanza, Batum, Baku, Krasnowodsk bis nach Samarkand, wo ein Vertrauensmann Pateras ihr Gepäck zu filzen hat: Nichts Modernes, nichts blinkend Neues darf mit nach Perle! Der neue Fotoapparat muss leider in Samarkand bleiben.

Die erste Zeit in Perle ist für das Paar wahrhaft gewöhnungsbedürftig: Kein einziges neugebautes Haus steht in den Straßen, kein unbenutztes Mobiliar in den Wohnungen, die Damen- und Herrenmode nach dem Jahr 1860 ist unbekannt - das Paar erregt zunächst Aufsehen wegen seiner Kleidung! -, alles Fortschrittliche und Neue ist aus der ummauerten Stadt verbannt. Auch die Mitbewohner sind ungewöhnlich: Spieler, Hypochonder, Hysteriker, Raufbolde, Wahnsinnige, gesuchte Verbrecher sogar, auch Menschen mit körperlichen Besonderheiten sowie besonders Sensible und Feinnervige sind von Patera systematisch nach Perle eingeladen worden. Der verständigste und zuverlässigste Mensch scheint ein Affe zu sein - Giovanni Battista mit Namen, der bei einem Friseur angestellt ist und ein Pfötchen fürs Nassrasieren hat. Der Erzähler erhält bald eine Anstellung, er soll Illustrationen für den "Traumspiegel" machen. Die Dinge nehmen ihren Lauf, man gewöhnt sich, erlebt so dies und das, und mitunter versucht der Erzähler sogar, seinen alten Freund in seinem Palast zu besuchen - leider vergeblich. Im dritten Teil schließlich taucht ein ernster Widersacher des unsichtbaren Herrschers des Traumreichs auf, ein reicher Amerikaner (wie kann es anders sein?), der dann - doch halt, mehr soll nicht verraten werden! Am Ende bleibt der Erzähler, der sich im Irrenhaus so langsam wieder zusammensetzt, ohne wirklich wieder ein Ganzes werden zu können.

Eine spannende, dramatische Geschichte über die Rückseite des Tages, des Bewusstseins, des Logischen, des Vernünftigen und des Menschlichen; die Rückseite all dessen, was man mit Fug und Recht erwarten darf, wenn man in einer zivilisierten Gesellschaft lebt. Gewürzt mit schwärzestem Humor wechselt der Autor zwischen sarkastischem Vergnügen und völliger Hoffnungslosigkeit. Leben in einem Traumreich: Das ist durchaus auch wörtlich zu verstehen, denn Traumelemente sind mehr als genug in Kubins Text enthalten, sodass man mit traumanalytischen Verfahren an ihn herangehen könnte. Man kann es aber auch lassen und ihn so lesen, wie er ist: als ein phantastisches Konstrukt, in dem nichts so ist, wie man es erwartet, und in dem alles anders wird, als man denkt. Im Grunde ist "Die andere Seite" das Buch zum Bild, der Text zum künstlerischen Oeuvre Alfred Kubins. - Man muss es unbedingt lesen!

10. Juni 2011
Daniela Maria Ziegler
Alfred Kubin. Die andere Seite. Ein phantastischer Roman.
rororo 25556 256 S., 1 Karte. 19 x 12 cm, Pb. Rowohlt, Reinbek 2010. EUR 9,95
ISBN 978-3-499-25556-4
 
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