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Karl Schnaase. Niederländische Briefe zur Kunstgeschichte

Die 1834 erstmalig erschienenen Niederländischen Briefe Karl Schnaases (1798-1875) gehören zu den wegweisenden Werken der deutschsprachigen Kunstgeschichtsschreibung vor der Institutionalisierung des Faches und seiner Verankerung als akademische Disziplin.
Schnaase gab seinem umfangreichen, 539 Seiten umfassenden Werk, das nach eigenen Worten die Frucht „einer wirklichen, nicht fingierten Reise durch Holland und Belgien und zwar in den Sommermonaten des Jahrs 1830“ (S. III, Vorrede) war, eine bis dahin ungekannte literarische Form, die sich zu gleichen Teilen aus der Tradition der Reisehandbücher und der philosophischen Kunstbetrachtung speiste. Gerade dieser schon in der Form angelegte neue methodische Ansatz führte von Beginn an zu einer zwiespältigen Aufnahme des Buches: Die einen priesen seine geistige Tiefe, andere monierten die häufig wechselnde Tonart, die vom humorvoll aufgelockerten Erzählton jäh in diskursartig angelegte kunstphilosophische Betrachtungen umschlug.

Der aus einer Danziger Patrizierfamilie stammende, seit 1829 als Prokurator am Düsseldorfer Landgericht wirkende Ostpreuße traf in Holland und Belgien auf einen ihm bis dato fremden Kulturkreis. Im Jahr der europäischen Revolutionen – der niederländisch-belgische Grenzraum wurde 1830 von den Ausläufern der Pariser Julirevolution erschüttert – wurde Schnaase mehrfach unmittelbarer Zeuge der Kämpfe und der aufgeheizten politischen Klimas, das ein Jahr später in der nationalen Unabhängigkeit Belgiens von den nördlichen Niederlanden gipfeln sollte.

Wie kein Jahrzehnt später Franz Kuglers die Kunst „aller Zeiten und Völker“ vor den Augen des Lesers ausbreitendes Handbuch der Kunstgeschichte (1842) oder Franz Mertens´ ehrgeiziger Versuch einer Denkmal-Karte des Abendlandes (1864 und 1868), so sind auch die Niederländischen Briefe als ein Beitrag zur universalhistorischen Kunstgeschichtsschreibung zu verstehen. Insofern führt der Titel des Buches den Leser ebenso in die Irre wie die sich gelegentlich Bahn brechende Form eines Cicerone. Nicht die Werke Rubens oder Van Eycks, nicht die altniederländische Malerei im Mauritshuis zu Den Haag, nicht, wie im berühmten “Achten Brief“, die Architektur der Kathedrale von Antwerpen, sind Schnaases Thema. Vielmehr unternimmt er anhand der vor Ort genau analysierten Bau- und Kunstwerke den Versuch einer epochen- und länderübergreifenden „Philosophie der Geschichte“ (S. V, Vorrede) und gelangt etwa im Bereich der bis dahin vernachlässigten Bildgattungen Stillleben und Genre (von Schnaase als „Gesellschaftsmalerei“ bezeichnet) zu damals radikal neuen Sichtweisen, die auch heute nichts von ihrer Scharfsichtigkeit verloren haben. Dass ihm die Vermittlung seines komplexen Anliegens gelingt, und zwar allein mit sprachlichen Mitteln – auf die einzige vorgesehene Abbildung, einen Stich der Antwerpener Kathedrale, musste Schnaase aus Geldgründen verzichten – ist die wohl erstaunlichste Leistung des Autors. Immer wieder versteht er es, dem Leser ein sehr lebendiges Bild seiner Reisestationen zu vermitteln, seien es die atmosphärischen, sprachlich dichten Schilderungen der Städte, Landschaften, Dialekte und Volkstypen, seien es anekdotische Begebenheiten am Rande. Für den heutigen Leser ist das Buch nicht zuletzt durch die vom Verfasser eingenommene Perspektive ´in seiner Zeit´ reizvoll, ermöglicht diese doch eine Identifizierung mit den Erfahrungswerten eines Kunstreisenden im 19. Jahrhundert, der mit Neugier und Staunen einer ihm fremden Welt entgegentritt und sie sich schreibend erschließt. Manches Urteil Schnaases freilich erscheint aus heutiger Sicht befremdlich, etwa seine einseitige Schilderung des an bedeutenden mittelalterlichen Baudenkmalen durchaus nicht armen Gent als bedrohliche und wenig sehenswerte Industriestadt im “Elften Brief“. Aber letztlich sind solche Wertungen auch als literarische Verfahren zu begreifen, mit denen Schnaase gleichsam ein retardierendes Moment einführt, das es ihm erlaubt, im anschließenden “Zwölften Brief“ die Wirkung des noch nicht von den Spuren der Industrialisierung entstellten mittelalterlichen Stadtkerns von Brügge umso eindringlicher zu evozieren. Natürlich verband Schnaase aufgrund seiner Kenntnisse der rheinischen Architektur des Mittelalters und der altdeutschen Malerei auch eine ganz bestimmte Vorstellung mit der damals noch kaum systematisch erforschten Kunst des Mittelalters; die eigenen Erfahrungen und Kenntnisse, auch der antiken Kunst und Literatur, bleiben stets als Folie gegenwärtig.

Schnaases Doppelexistenz zwischen Staatsdienst und Privatgelehrtentum hat seine Produktivität nicht beeinträchtigt: Die schon in den Niederländischen Briefen angestrebte Universalgeschichte der Kunst hat er später selbst mit der achtbändigen Geschichte der bildenden Künste (Düsseldorf 1843-78) weiterverfolgt; den letzten Band edierte sein Schüler Wilhelm Lübke posthum.

Dem Erfolg der Briefe im 19. Jahrhundert – unter denjenigen, die das Buch beeinflusste, waren neben den schon erwähnten Kugler und Lübke auch Karl Immermann, Johann Wilhelm Loebell und der junge Jacob Burckhardt – folgte eine Phase der Vernachlässigung, die fast das gesamte 20. Jahrhundert anhielt. Henrik Karge, Professor für Kunstgeschichte an der Philosophischen Fakultät der TU Dresden, hat sich im Rahmen seiner langjährigen und intensiven, durch zahlreiche Publikationen bezeugten Forschungen zu Leben und Werk Karl Schnaases um die längst überfällige Neuauflage der Niederländischen Briefe verdient gemacht. Bei dem innerhalb des Editions-Programms ´Historia Scientiarum´ der Fritz Thyssen Stiftung im Verlag Olms-Weidmann erschienenen Band handelt sich um einen Reprint der bei Cotta verlegten Erstausgabe von 1834. Dem Schnaaseschen Text ist eine von Karge kundig geschriebene Einleitung (S. I – LXVI) vorangestellt, die den Leser mit der Entstehungsgeschichte und den formalen wie inhaltlichen Besonderheiten des Werkes vertraut macht. Ergänzend sind eine Auswahlbibliografie der wichtigsten Sekundärliteratur und ein erweitertes, thematisches Inhaltsverzeichnis beigefügt. Besonders Letzteres erweist sich als hilfreich, da die inhaltlich nicht chronologische, weil strikt der Reiseroute folgende Kapiteleinteilung Schnaases und die reflexiven Einschübe die Orientierung im Text mitunter erschweren und sich erst im Lauf der Lektüre zu einem stimmigen Ganzen fügen. Verschmerzbar, wenngleich zu bedauern ist daher der Verzicht auf ein Personen- und Ortsregister, der die Benutzbarkeit im ´konventionellen´ Sinne allerdings erleichtert hätte.
Wen der komplizierte Aufbau der Briefe und die im Reprint übernommene, für das ungeübte Auge gewöhnungsbedürftige Frakturschrift des Originals nicht schrecken, wird mit einem Werk belohnt, das dem kunsthistorisch gebildeten Leser wie kaum ein zweites die Methoden und Mechanismen der Kunstbetrachtung des 19. Jahrhunderts nahe bringt. Richtig merkt Karge an, Schnaase habe mit dem Buch den Versuch unternommen, „der aktuellen Kunst ein wissenschaftliches Fundament zu geben – in der Klärung ihrer theoretischen Grundlagen und ihrer geschichtlichen Voraussetzungen.“ (Einleitung, S. XXVII). Zugleich ist es ein Werk, das Raum für eigene Assoziationen lässt. Und auch wenn Franz Kugler seinerzeit scherzhaft bemerkte, er habe wegen des Umfanges der Briefe seinen Koffer neu packen müssen, weil dieser sich nicht habe schließen lassen (Einleitung, S. XXX), so sei das Buch explizit auch jedem kunst- und architekturinteressierten Holland- und Belgienreisenden als Cicerone der gehobenen Art wärmstens empfohlen.

10. Juni 2011



Wolfgang Cortjaens
Schnaase, Karl. Einleitung von Karge, Henrik. Niederländische Briefe. Mit einer Einleitung und einem detaillierten Themenverzeichnis Hrsg.: Henrik Karge. Historia Scientiarum . (Reprint-Edition der Ausgabe Stuttgart / Tübingen 1834) 539 S. 20 x 12 cm. Leinen. Olms Verlag, Hildesheim EUR 118,00
ISBN 978-3-487-13434-5   [Olms]
 
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