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Wahrnehmung der Natur. Natur der Wahrnehmung

Dass die Wahrnehmung der Natur nicht nur die Natur der Wahrnehmung reflektiert, sondern darüber hinaus in dieser Wechselbeziehung auch eine weitverzweigte Geschichte der Ästhetisierung von visuellen Informationen und Wissensbeständen zum Vorschein kommt, belegen die hier vorgelegten Studien zur Geschichte visueller Kultur um 1800. Alle hier versammelten Aufsätze, hervorgegangen aus einer 1998 veranstalteten Tagung am Interdisziplinären Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung in Halle, verdeutlichen, dass der neuzeitliche Blick auf und in die Funktionen lebendiger Natur eine Sehweise darstellt, die zunehmend neue Verknüpfungen zwischen Formen und Präsentationen von Wissen um Zusammenhänge zwischen Kunst und Natur berührt. Das Spektrum der Themen ist weitgestreut und nicht immer interdisziplinär ausgerichtet. Peter Geimers Text über „Fotografie und was sie nicht gewesen ist“ behandelt ein zentrales fotospezifisches Paradoxon – die von Talbot festgestellte „Selbstabbildung der Natur“, die in der Fotografie manifest wird. Andere Texte dagegen – etwa Susanne B. Kellers Arbeit über den „mineralogischen Blick des Künstler Jean Houel“ oder auch Bettina Gockels Text über „Sehen in der Kunst, Ästhetik und Naturwissenschaft der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts“ – werden dagegen schon eher dem Anspruch der Interdisziplinarität gerecht. Jutta Schickores Text über „Augen und Sehen in der mikropskopischen Anatomie“ des 19. Jhs. korrigiert teilweise Ansichten, die Jonathan Crary in seiner vielbeachteten Untersuchung über „Techniken des Betrachters“ (Dresden 1996) geäußert hatte. Schickore verweist zu Recht auf die zunehmende Komplexität, die in der Geschichte des Sehens durch die mikroskopischen Blickweisen erzeugt wurde. Implizit wird hier deutlich, wie die Eröffnung der Augen nicht mehr ohne Bezug auf Nachbardisziplinen (Chemie, Erkenntnistheorie) weitergedacht werden kann. Überaus anregend liest sich Joseph Wachelders Essay über „Nachbilder, Natur und Wahrnehmung“, der sich ausgehend von optischen Untersuchungen Joseph Plateaus mit der Bedeutung von Nachbild-Phänomenen in der Geschichte des Sehens beschäftigt. Wachelders Thesen korrigieren wiederum Crarys Bemerkungen zu dieser Problematik und vermitteln dem Leser ein weithin unbekanntes Grenzproblem zwischen Wahrnehmung, Kognition und Historie. Nicht nur geht es jedoch in diesen Texten um Geschichten von Disziplinierungen des Blicks, wie Beate Ceranski (S. 287) meint. Der Blick präsentiert sich immer als Medium desjenigen, der mit diesem arbeitet. Wer ein Objekt erblickt, erkennt einen Anteil des Selbst in der Art und Weise seines aktiv geleisteten Sehens. Dieser vor allem von der Rezeptionsästhetik rekonstruierte Selbstbezug des Wahrnehmenden wird in diesem Band allerdings nur von Ferne sichtbar.
4.12.2001
Michael Kröger
Wahrnehmung der 90-5705-167-2. Natur der Wahrnehmung. Studien zur Geschichte visueller Kultur um 1800. Hrsg. v. Dürbeck, Gabriele /Gockel, Bettina /Keller, B Susanne /Renneberg, Monika /Schickore, Jutta /Wiesenfeld, Gerhard /Wolkenhauer, Anja. 2001. ca. 320 S., 60 Abb. - 24 x 16,5 cm. SC; DM 58,-
ISBN 90-5705-167-2
 
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