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minimal - concept. Zeichenhafte Sprachen im Raum

Im Frühjahr 1999 wurde in der Berliner Akademie der Künste anläßlich einer Ausstellung mit Zeichnungen aus der New Yorker Sammlung Werner Kramarskys ein Symposion über aktuelle Probleme der Zeichnung in der Kunst seit den sechziger Jahren abgehalten. Unter dem Titel „Minimal – concept. Zeichenhafte Sprachen im Raum“ ging es zum Glück nicht um eine akademisch durchdachte Theorie und Ästhetik gegenwärtiger Zeichnung, sondern vielmehr um die offene Frage, wie ein erweitertes Verständnis von Zeichnung heute über die „Faktizität des Papiers hinaus“ (Christian Schneegass) formulierbar sei. Der ansprechend gestaltete Band, der ein kompakt gebündeltes Netzwerk von Fragen und Antworten zur Zeichenkunst darstellt, handelt dabei besonders von Interaktionen und Kreationen, die im Prozess des Zeichnens in ästhetischen und kunsttheoretischen Kontexten entstehen. Auch wenn einige Texte dieses Bandes – etwa Philip Ursprungs Text über Robert Smithson oder Boris Groys´ Text über die Strategie der Appropriation – kaum konkrete Bezüge zu Aspekten der Zeichnung aufweisen, beleuchten andere Texte kenntnisreich sowohl die Problematik aktuellen Zeichnens wie auch deren entferntere Bezüge zur Gegenwartskunst (so etwa bei Hans Belting und Robert Kudielka). Erhellend liest sich besonders Bernhard Kerbers Aufsatz über „Raum – Zeich(n)en – Andre, Flavin, Judd, LeWitt, Sandback, Serra, Stella“; dem Autor gelingt es mühelos die Probleme des Zeichnens im Spannungsfeld anderer ästhetischer Medien zu problematisieren. Zeichnen, so verdeutlicht Kerbers Text, ist immer nur als Zeichnen unter den Bedingungen einer bestimmten Kunstdiskursen bestimmbar.
Zeichnen kann seit der Minimalkunst vielerlei Komplexes implizieren: Zeichen setzen, Konturen einprägen, Überschneidungen erzeugen, Differenzen zwischen Grund und Hintergrund ins Werk zu setzen, sich zwischen Zeichnung und Bezeichnung zeichnend zu bewegen. Zeichnungen beziehen sich auf vorbestimmte, vorgestellte und früher existiert habende Wirklichkeiten. Zeichnen aktiviert eine rekursive Funktion. Zeichnerisch kann auf Abwesendes, Fehlendes, Kommendes verwiesen und/oder angespielt werden. Zeichnungen legen Formen von Positionierungen im Raum fest (vgl. Beatrice von Bismarck, „Spur – Partitur – Drehbuch ... " ). Matthias Bleyls instruktiver Text („Allusion – Ablösung des Gegenständlichen in der minimalistischen Zeichnung“) geht den medialen Ursprüngen der minimalistischen Zeichnung nach; ob hier allerdings der inzwischen inflationär verwendete Begriff der Selbstreferenz noch neue Einsichten beschert, mag dahin gestellt bleiben. Von hoher Kennerschaft und Passion zeugen die Texte von Horst Bredekamp und Dieter Koepplin. Während Bredekamp einen gewohnt kühnen, allerdings sehr knapp skizzierten Bogen von Gilles Deleuzes „Gewandfalte“ über die figura serpentinata bis hin zur „endlosen S-Linie im Zeitalter des Computers“ ( S. 207) schlägt, nähert sich Dieter Koepplin seiner Thematik sehr viel bedächtiger im Stil eines persönlichen Rückblicks desjenigen, der über lange Jahre als Kurator am Kupferstichkabinett in Basel wichtige Zeichungs-Ausstellungen kuratierte. Koepplins in gewissem Sinne „altmodisch“ erzählender Darstellungsstil beweist im Gegensatz zu manch anderen Autoren ein spürbares Selbst-Verständnis (aber auch eine vorsichtig abwägende Distanz) zur eigenen Passion – der Liebe zum Medium der Künstler-Zeichnung. Werner Hofmann schließlich („Geplante Zufälle, gestörte Konzepte“) darf man beim schnellen Treppauf und Treppab seiner Kontingenzästhetik (S. 252) zuschauen – einem höchst voraussetzungsvollen Unternehmen, bei dem ihn der Leser teilweise mit leichten Schwindelgefühlen begleitet und dabei die vorher thematisierten Zeichnungsaspekte vor lauter intelligent-assoziativ formulierten Querschlägern (leider) aus dem Blick verliert.
Zeichnen ist „etwas sehr Elementares, was jeder Mensch kann“ (J. Beuys) – aber es gelte nach Beuys zugleich: „Zeichnen ist eine andere Art der Sprache“. Richard Serra schlußfolgerte logisch: „Erfahrungen gewinnt man im Zeichnen, nicht durch die Sprache“. Auf Kunsthistoriker, -kritiker und Kunstvermittler scheint diese Aussage wohl nur teilweise übertragbar zu sein.
4.12.2001
Michael Kröger
minimal – concept. Zeichenhafte Sprachen im Raum. 432 S., 150 Abb., dav. 15 fb., 24 cm. 2000. SC; EUR 20,-
ISBN 90-5705-153-2
 
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