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Das Gespenst des Kapitals

Philosophie als Bestseller – seit „Sophies Welt“ haben dies nur die wenigsten Autoren geschafft. Glaubt man der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“, so ist dies unlängst dem an der Berliner Humboldt-Universität lehrenden Literaturwissenschaftler Joseph Vogl mit seinem Büchlein „Das Gespenst des Kapitals“ gelungen. Geschrieben hat er eine Abhandlung, die um den Ursprung des Kapitalismus aus dem Geist der Philosophie kreist, um Adam Smiths Initialwerk des Wirtschaftsliberalismus „Wohlstand der Nationen“ (1776) und dessen Konsequenzen für das Denken derjenigen, die seither den Kapitalismus umsetzen und verteidigen (und die wir genau aufgrund dieser Antiquiertheit jeden Tag im Fernsehen ertragen müssen).
Vogl ist ein Bekannter im Medientheater. Er wird selbst vom Fernsehen hofiert, tritt in Sendungen wie „Kulturzeit“ oder Alexander Kluges Interviewserien auf. Er spricht und schreibt markant, pointiert, thesenreich. Und er entspricht schon rein optisch dem Typus des Intellektuellen (was immer das sein soll). Dass indes sein „Gespenst des Kapitals“ zum Bestseller aufstieg dürfte nicht Marketingstrategien geschuldet sein, sondern der Krisenzeit, in die es hineingeschrieben wurde (Vogl beschäftigte sich schon vor der Krise mit den Phänomenen).
Ziehen wir zunächst eine Lehre. Es empfiehlt sich derzeit für jedes Buch, das nur halbwegs kapitalistische Aspekte tangiert (und welches in der heutigen Welt entstandene Buch täte dies nicht) im Titel die Spezifizierung „…des Kapitals“ hinzuzufügen, um die Verkaufszahlen zu erhöhen. Schoßgebete des Kapitals, Biss zum Morgengrauen des Kapitals, oder, frei nach Luhmann, Das Kapital des Kapitals, oder, noch freier nach Gertrude Stein, Das Kapital ist das Kapital ist das Kapital. Alles ist möglich, wenn man den Kapitalismus ernst nimmt. Und so hat auch der Rezensent in der Hoffnung auf weitere Krisen diese Lehre beherzigt und seinem eigenen neuen Büchlein über Jeremy Bentham, den Erfinder des „Panoptikums“ den Titel „Der radikale Narr des Kapitals“ gegeben: http://www.matthes-seitz-berlin.de/scripts/buch.php?ID=468.

Nun zum Wesentlichen. Was macht Joseph Vogls Buch interessant im Kontext des Kunstbuchanzeigers? Nun, wer Kunst recht begreifen will, muss auch etwas vom Geld verstehen. Wer waren die größten Mäzene der italienischen Renaissance? Banker. Wie kam Amerika an grandiose Kunstwerke aus aller Welt, zu bestaunen unter anderem in New Yorks Museen? Ja, eben. Wie arbeiten Auktionshäuser? Wie arbeiten Künstler, die so ehrlich sind, wie etwa Damien Hirst. Na, also. Dank der jüngeren Kunstgeschichte haben wir begreifen gelernt: Selbst Rembrandt, den wir für sein Chiaroscuro schätzen, war eigentlich – „Unternehmer“.
Ein weiteres gilt es aus unserer Perspektive zu berücksichtigen. Bereits Adam Smith attestierte dem Kapitalismus eine für das Menschengeschlecht veredelnde Wirkung. Aus der Konkurrenz der einzelnen Marktteilnehmer, so glaubte er, ergebe sich im Konzert keine Kakophonie, sondern eine – wie von Geisterhand dirigierte – fortschrittsorientierte Entwicklung für die Gesamtgesellschaft. Während also der einzelne seinen Egoismus befriedige sorgt die Summe der Egoismen für eine Verbesserung der Lage aller. Um die Gültigkeit dieses, wie wir wissen, hanebüchenen Axioms zu beweisen, gibt es unendlich viele Sammlermuseen auf der Welt. In ihnen zeigen die Kapitalisten über den Umweg der akkumulierten Kunst, wie belebend die Wirkung des Geldes (um auch noch Brecht zu zitieren) für die eintrittzahlungswillige Gesamtgesellschaft sein kann.
Ein letzter Punkt sei erwähnt, den der Rezensent im Zuge der Arbeit an seinem Buch „Der radikale Narr des Kapitals“ besonders inspirierend fand. Wenn das Gute im Kapitalismus auf einem „Gespenst“ beruht – ist dann nicht auch die Ikonographie des Kapitalismus ein Phantom? Durch welche Bildzeichen, welche Metaphern präsentiert sich der Kapitalismus als das, wie ihn Adam Smith und seine Nachfolger – darunter nicht zuletzt die Gründerväter der USA – gesehen haben? In der Tat fällt es schwer, positive Allegorien auf den Kapitalismus zu benennen. Denn die Freiheitsstatue etwa verkörpert die Werte des Liberalismus (als Idealform des „guten“ Kapitalismus) allenfalls indirekt, indem sie symbolisch die Freiheit des Individuums proklamiert, ein anderes Individuum durch Business zu überflügeln.
Zum Abschluss die Ehrlichkeit. Wenngleich Vogls Buch nicht im Entferntesten mit neuen Erkenntnissen aufwarten kann (empfohlen sei Karl Polanyis auf deutsch vorliegender Klassiker „The great Transformation“ von 1944) und überdies durch eine beeindruckende Fülle von Fremdworten aufwartet, die der Rezensent wohl nie wieder irgendwo anders hören wird, so sei doch neidlos die anregende Wirkung der Studie anerkannt. Für mich war es das rechte Buch zur rechten Zeit, um bei der eigenen Arbeit gedanklich auf die Sprünge geholfen zu bekommen. Immerhin! Denn was will man mehr in Zeiten wie diesen? Anregung, wenn es schon keine Orientierung gibt.

23.08.2011
Christian Welzbacher
Vogl, Joseph. Das Gespenst des Kapitals. 140 S. 18 x 12 cm. Pb. Diaphanes Verlag, Zürich 2010. EUR 14,90
ISBN 978-3-03734-116-2
 
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