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Europäische Mosaikkunst vom Mittelalter bis 1900

Meisterwerke aus dem Vatikan und aus europäischen Museen.

Kulturhistorisch verstanden könnte der Titel dieser Überlinger Ausstellung auch „Vom Vatikan ins Wohnzimmer oder: die Ankunft des Mosaiks im bürgerlichen Alltag“ lauten - einer Ausstellung, die uns in einem erstmaligen Überblick mit Mosaikfragmenten aus römischen Kirchen (um 450) bis zu Mosaikarbeiten für etablierte Zeitgenossen (um 1900) ein fast vergessenes Kunst-Handwerk wieder ins Auge und Gedächtnis ruft. Zum Beispiel einen ungefähr 800 Jahre alten, farbig-expressiven Schwan, der seinen lang-gewundenen Hals zum Fenster des Ausstellungssaales und dann noch weiter hinaus zum wellenschäumenden Bodensee zu strecken scheint. Provenienz: Rom, päpstliche Basilika S. Paolo fuori le mura, wie auch jenes älteste ausgestellte gleichwohl (durch
Restaurierungen ?) sehr modern wirkende Petrus-Porträt (um 450), ein Intellektuellenkopf mit durchdringendem Prophetenblick, der so überaus deutlich mit jenem runden, heiligenscheinumhüllten Bauerngesicht kontrastiert, das eine Nachzeichnung um 1700 als Originalporträt für uns festhält.
Eine gleich zweimalige Renaissance musivischer Kunst erleben wir dann erst wieder 300 Jahre später, in der Renaissance um 1570/80. Die Gestaltung sakraler Motive bleibt zwar weiter Hauptthema, jedoch – doch dazu gleich. Zunächst verlangte die sich nach dem Konzil von Trient (1545 bis1563) etablierende Gegenreformation nach einer mehr als bisher die Gläubigen ansprechenden, überzeugenden Bildsprache; ein Rückgriff auf die auratisch-überwirkliche, spirituelle Wirkung des Mosaiks lag deshalb nahe. Beispielhaft ist dies hier fotografisch mit der ursprünglich nicht intendierten musivischen Ausschmückung des Neubaus der Peterskirche (1615 beendet) dokumentiert. Doch diese Wirkung der Mosaiken muß sich die römische Kirche fortan teilen; dafür sorgen, zuerst, die Medicis. Denn sie glorifizieren (seit 1580) mit einer eigenen Florentiner Mosaikwerkstatt nun weltliche Macht (Mosaik-Porträt Cosimo Medicis, um 1600) und Reichtum (Mosaik-Tischplatte mit floralem Schmuck,1620). Und wenn dann 1615 ein Medici-Großherzog (Ferdinand II.) von einem römischen Kardinal (Caffarelli-Borghese) das hier ausgestellte Mikromosaik einer die Weisheit Papst Paul V. symbolisierenden Eule (Hintergrund: eine Kirchenkuppel) erhält, so mag dieses Geschenk ein versteckter Hinweis auf das Primat kirchlicher Weisheit und daraus resultierenden Herrschaftsanspruchs gewesen sein … .

Erst 1727 wird dann eine vatikanische Mosaikwerkstatt gegründet die, wie noch heute, für die Restaurierung und Konservierung kirchlicher Mosaiken zuständig ist. Hundert Jahre später zeigt die römische Kirche erneut ihre Anpassungsfähigkeit, als diese Werkstatt im beginnenden Souvenirzeitalter zum Motor für die Herstellung von Mosaiken mit weltlichen Motiven (Dosen, Medaillons, Stadtansichten, Mosaiktischplatten u.ä.) wird. Auch weltliche Auftraggeber werden nun akzeptiert, wie eine -freilich erst um 1900- angefertigte mosaizierte Weinschenken-Szene belegt.
Noch aber ist das Mosaik nicht ganz im Haus des Bürgers angekommen, dazu bedurfte es, die Entwürfe für die Londoner St. Paul`s Cathedrale (um 1860) zeigen es, der sich zuerst in England etablierenden Wertschätzung des Kunst-Handwerks. Die förderte nach 1871 ein nicht repräsentationsunwilliger deutscher Kaiser, für dessen evangelisch-weltlichen Führungsanspruch sich das Mosaik vorzüglich eignete: kaum eine größere evangelische Kirche jener Zeit (so die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, Berlin) ohne oft opulenten musivischen Schmuck. Und es war Kaiser Wilhelm II., der das Mosaik für den nun auch als nationales Symbol verstandenen Kölner Dom eigenhändig genehmigte – 1888 und in jenem Jahr, in dem in Berlin die wenig später bedeutendste deutsche Mosaikwerkstatt (Puhl & Wagner), ja Mosaikfabrik, gegründet wurde. Damit war der Weg des Mosaiks in den Alltag geebnet, es schmückte häufig auch Geschäfts- und Industrieetablissements im nun gerade populär werdenden, ausladend-dekorativen Jugendstil.
All diese in Ausstellung und Kurzführer aufgezeigten Einblicke in einem Überblick verdanken wir der Städtischen Galerie “Zum Faulen Pelz“ in Überlingen und dem rührigen städtischen Kulturdezernenten. Ob und wie Kunsthistoriker die Chance dieses erstmaligen Überblicks über die musivische Kunst zwischen 1300 und 1900 nutzten, wird sich (leider erst) 2012 zeigen, wenn der wissenschaftliche Begleitband zu dieser Ausstellung vorliegen wird.

Ergänzung der Redaktion: Der Band liegt jetzt vor, 25.1.2014.

01.02.2012
Wolfgang Schmidt, Berlin-Friedenau
Europäische Mosaikkunst vom Mittelalter bis 1900. Meisterwerke aus dem Weltkulturerbe Vatikan & Petersdom und aus europäischen Museen. Hrsg.: Brunner, Michael; Voccoli, Ottobrina. 240 S., 221 fb. Abb., 27 x 24 cm, Gb. Imhof, Petersberg 2011. EUR 29,95 CHF 43,50
ISBN 978-3-86568-698-5   [Imhof]
 
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