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Blockbuster – Besichtigung eines Ausstellungsformats.

Weniger kunst-wissenschaftlich als journalistisch verstanden, findet sich hier eine erste Zusammenfassung, Rückblick und Momentaufnahme, der Diskussionen um Blockbuster- Kunstausstellungen in Deutschland. Zwar übersichtlich strukturiert, jedoch nicht ohne prägende inhaltliche Doppelungen und verbale Blähungen, wird der Begriff historisch-semantisch hergeleitet und, auch durch (nicht analysierte) Interviews mit „Machern“, das gesamte kontroverse Meinungsspektrum zum Thema breit aufgeblättert. Die Gründe für die enorme Publikumsresonanz dieses Genres sind dabei realitätsbezogene Leitfrage ebenso wie methodischer Ansatz, an dem die ausstehenden Diskussionen um inhaltliche Konzeptionen von Blockbuster-Ausstellungen deutlich werden.
Leser-Résumé der sich wiederholenden Auflistungen positiver und negativer Aspekte solcher „Formate“: mit ihnen wird besonders ein kunstfernes, unkritisches Publikum angesprochen, das hier soziales Ereignis und Event miteinander verbindet. Präsentiert werden (deshalb vor allem) schöne Bilder der Stars der klassischen Moderne (1870 – 1920), besonders des Impressionismus, die atmosphärisch mit der konfliktfreien Erlebniszone der Blockbuster und der werbewirksam Kritik integrierenden, marketinggesteuerten Medienresonanz korrespondieren.
Götz Adriani (Kunsthalle Tübingen) vertritt überzeugend die gegenpolige Kritik des eher individuellen als kollektivem Kunsterlebnis verpflichteten Bildungsbürgers, der Ausstellungsinhalte und – konzeptionen kritisch reflektiert. Er ist einer der vom Autor interviewten Museumsleiter, die, so zeigt sich, in der Regel den pragmatischen Weg von am Sammlungsbestand orientierten Gestaltungskonzeptionen für Großausstellungen gehen. Ihre Ablehnung von an konstanten Optimierungseffekten orientierten Kulturpolitikern ist eindeutig, ihre Sorge, dass Großausstellungen für den Sammlungsbestand dringend benötigte Museumsressourcen (für Personal, Bestandserhaltung und –präsentation, wissenschaftliche Aufarbeitung) binden und schmälern, scheinen sie jedoch öffentlich nicht allzu laut äußern zu wollen.
All dies und mehr ist, alles in allem, ertragreich zusammengetragen, aber vom Leser nur mühsam auf den Punkt zu bringen. Denn methodisch mag das hier praktizierte bloße Aufzeigen von Gegensätzen etwa für Kulturmanagement-Studenten im ersten Semester interessant sein, der am Thema interessierte Außenstehende erwartet mehr: konzise formulierte Zusammenfassungen und Perspektiven sowie eine Autorenmeinung, die nicht nur als subkutane Botschaft durchscheint.
Fast ausgespart bleiben muss bei solch aktueller Bestandsaufnahme verständlicherweise die Positionierung des Themas „Blockbuster“ in seiner zeitübergreifenden Einbettung, will heißen: dass der an Blockbustern besonders deutlich werdende Gegensatz „Bildungsbürger versus Massenpublikum“ historisch auf deutschen Geniekult und deutsche Genieästhetik des 18. und 19. Jahrhunderts zurückverweist, deshalb auch im europäischen Kontext betrachtet werden sollte. Und: dass sich an diesem Begriff auch jene Paradigmenwechsel der Epochenscheide der Zeit nach 1990 aufzeigen lassen, die uns heute beschäftigen: die Ökonomisierung der Kultur, die Erweiterung der Kunstwissenschaft zur Bild- und Medienwissenschaft, sich verändernde individuelle visuelle Wahrnehmungen - um nur einige zu nennen.
Eine Arbeit dazu steht noch aus. Ihre Rezension ist vorgemerkt.

20.2.2012
Wolfgang Schmidt, Berlin-Friedenau
Lüddemann, Stefan. Blockbuster. Besichtigung eines Ausstellungsformats. 160 S. 25 Abb. 19 x 13 cm. Gb. Hatje-Cantz, Ostfilder 2011. EUR 14,80.
ISBN 978-3-7757-2976-5
 
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