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Kunstsalon Cassirer - «Den Sinnen ein magischer Rausch»

Hildebrand Gurlitt, Alfred Flechtheim, Herwarth Walden – nie zuvor gab es eine größere Aufmerksamkeit für die Geschichte des Kunsthandels in den Feuilletons als in jüngster Zeit. Ob veranlasst durch den „Schwabinger Kunstfund“, durch drängende Restitutionsdebatten oder durch Wolfgang Beltracchis genial gefälschte Galerieaufkleber, längst ist deutlich geworden, dass die Geschichte des Kunsthandels, weit mehr als eine kuriose Spezialdisziplin, integraler Teil der Kunst-, Kultur- und Sozialgeschichte ist. Der Schweizer Nimbus-Verlag hat sich auf die Geschichte des Kunsthandels der Moderne spezialisiert: Hier erschien 2011 Ottfried Daschers glänzende Biographie Alfred Flechtheims, hier erschienen 2012 die Erinnerungen der ebenfalls in die Emigration gezwungenen Kunsthändlerin und ehemaligen Bauhäuslerin Marianne Feilchenfeldt, und hier ist für 2014 die erste Monographie zu dem vergessenen Dresdner Galeristen der „Neuen Kunst Fides“, Rudolf Probst angekündigt.
Als opus magnum des Verlages erscheint bei Nimbus jedoch vor allem und aus gutem Grund das Monumentalwerk über den „Kunstsalon Cassirer“; aus gutem Grund zum einen, da die legendäre Berliner Galerie Paul Cassirers zu den Pionieren des modernen Kunsthandels zählt und zum anderen, da Marianne Feilchenfeldt mit ihrem Mann das Archiv der Galerie Cassirer in die Schweiz retten konnte, wo es bis heute von ihrem Sohn Walter Feilchenfeldt, dem spiritus rector des Projekts, ausgebaut und erschlossen werden konnte.
Auf der Grundlage jahrzehntelanger Recherchen ist 2011 der erste, monumentale Doppelband dieser einzigartigen Kunsthandelsgeschichte erschienen, der den Gründungjahren 1898 bis 1905 der Galerie Cassirer gewidmet ist. Inzwischen liegen die Bände zu den Jahren 1905 bis 1910 vor. Und gerade in diesen Jahren, vor den legendären Sonderbund-Ausstellungen in Düsseldorf und Köln und noch bevor Herwarth Walden mit dem „Ersten Deutschen Herbstsalon“ 1913 eine weitere Radikalisierung der Moderne einläutete, war es in erster Linie Paul Cassirer, der mit seiner Galerie in der Berliner Victoriastraße das Zentrum des modernen Kunstmarktes in Deutschland bildete. In seinem Kunstsalon am Rande des Tiergartens waren im ausgehenden Kaiserreich die modernsten Bilder zu sehen. „Ganz eigenartige neue Werte“ waren hier zu entdecken, Werke von Max Liebermann und Lovis Corinth, der französischen Impressionisten und Postimpressionisten Monet, Cézanne und van Gogh – bis hin zu Bildern von Matisse und den „Fauves“.
Aus dem Nachlass Theo van Goghs präsentierte der Kunsthandels-Avantgardist Cassirer bereits 1905 eine sensationelle „Kollektiv-Ausstellung“ mit Werken Vincent van Goghs. Aus heutiger Perspektive kann man sich freilich nur schwer vorstellen, dass die bis dato ungeahnte Farbkraft dieser Bilder auf den Berichterstatter etwa der Zeitschrift „Der Reichsbote“ noch wie ein „Nervenchoc“ wirkte und der Kritiker der „Deutschen Tageszeitung“ 1905 sich ernsthaft fragte, ob man die Augen des Künstlers mal untersucht habe.
Während die Geschichte des Kampfs um die Moderne bereits vielfach beschrieben wurde, liegt mit der Dokumentation sämtlicher Ausstellungen des Kunstsalons Cassirer nun eine monumentales Quellenwerk vor, das die mühsame und beharrliche Vermittlungsarbeit der Moderne akribisch anschaulich macht: Walter Feilchenfeldt und der Verleger Bernhard Echte haben dazu, unter Mitarbeit von Petra Cordioli, sämtliche Dokumente der Galerie Cassirer ausgewertet und versucht, jedes einzelne im behandelten Zeitraum dort ausgestellte Werk zu dokumentieren. Dazu wurden nicht nur die extrem seltenen schmalen Kataloghefte des Kunstsalons Cassirer ausgewertet, sondern auch Aufzeichnungen der Galerie, sämtliche bekannte Rezensionen aus Zeitungen und Zeitschriften, die umfassend zitiert werden, sowie die Werkverzeichnisse aller gezeigten Künstler. Die bislang vierbändige und laut Editionsplan auf mindestens zwei weitere Bände angelegte Dokumentation des Kunstsalons Cassirer von seiner Gründung bis zur erzwungenen Schließung der Galerie 1933 ist damit das umfassendste Werk zur Dokumentation des Kunsthandels der Moderne auf dem Buchmarkt.
Neben den kunsthistorischen Handbüchern und den zahlreichen, vor allem in den letzten rund zwanzig Jahren erschienenen Studien zur Sammlungs- und Museumsgeschichte rundet diese zugleich einzigartige wie exemplarische Kunsthandelsgeschichte die Geschichte der künstlerischen Moderne ab; denn diese bestand zweifellos nicht nur im einsamen Ringen der Künstlergenies um ihre Werke, sondern ebenso aus dem Ringen der glühenden Verfechter der Moderne um Anerkennung, Vermittlung und Verbreitung der von ihnen geschätzten und teilweise mit missionarischem Eifer vertretenen Werke.

28.03.2014
Rainer Stamm
«Den Sinnen ein magischer Rausch» Kunstsalon Cassirer. Die Ausstellungen, Band 2: 1905-1914. Echte, Bernhard; Feilchenfeldt, Walter. 750 S. zahlr. fb. Abb. 31 x 21 cm. Gb. Nimbus Verlag, Wädenswil 2013. EUR 128,00. CHF 148,00
ISBN 978-3-907142-41-7
 
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