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Ernst Ludwig Kirchner – Peter Schlemihls wundersame Geschichte

Als Ernst Ludwig Kirchner im Spätherbst 1915 sieben Graphiken nach Motiven der Erzählung „Peter Schlemihl“ anfertigte, war er körperlich und intellektuell zerrüttet. Der Kriegsdienst hatte den Künstler regelrecht auf den Hund gebracht. Er fühlte sich deplatziert, entwürdigt, seiner Individualität, seines Lebens beraubt, gezwängt in eine Uniform, in der er andere erschießen oder selbst erschossen werden sollte. In dieser Angst, die ihn Tag und Nacht gefangen hielt, fertigte er die Blätter zum Schlemihl – und wendete die damals bereits hundert Jahre alte Geschichte unverkennbar ins autobiographisch-aktuelle. Schlemihl, der Mann, der freiwillig für ein Glückssäckchen seinen Schatten dem Teufel gab: das war Kirchner in Uniform, der sein Leben dem Vaterland verhökert hatte.
Unter den Literaturillustrationen und innerhalb seines eigenen Schaffens markiert Kirchners Schlemihl-Zyklus einen Höhepunkt. Anders als seine Schlemihl-Vorgängerillustratoren befreite sich Kirchner vom Korsett der Texttreue und formte stattdessen Motive von grandioser Allgemeingültigkeit: Die Einsamkeit des Helden, der Kampf um Anerkennung und Liebe, die zurückgelassene Geliebte.
Kirchners Schlemihl-Folge besteht aus sechs Holzschnitten und einem lithographierten Titelblatt. Und sie hatte – obwohl der Künstler hier im Medium der technischen Reproduzierbarkeit arbeitete – eine starke Tendenz zur Individualisierung jedes einzelnen Blattes. Kirchner fertigte nur eine äußerst geringe Auflage von ca. 6 vollständigen Exemplaren plus Einzelblättern an, die er sämtlich engen Freunden vermachte. Jedes einzelne Blatt aber ist eigenständig behandelt. Die Farben auf den Druckstöcken werden variiert, die Platten ausgesägt, manipuliert, die Drucke nachbearbeitet, bemalt, auch ist das verwendete Papier verschiedenfarbig. Wir haben es also nicht einfach mit verschiedenen „Zuständen“ zu tun, wie sie durch Abnutzung oder Nachbearbeitung der Druckplatte beim Prozeß der Vervielfältigung notwendigerweise entstehen, sondern mit einer Art seriellem Unikat oder einer Serie aus Einzelstücken.
Dies alles in seiner ganzen Pracht zu dokumentieren ist Aufgabe einer noch bis zum 16. November 2014 am Berliner Brücke-Museum gezeigten Ausstellung. Sie zeigt erstmals alle Bilder von Kirchner Schlehmihl-Zyklen nebeneinander und wird von einem eleganten, aufwendig produzierten Katalog begleitet, den es hier zu würdigen gilt. Die Buchmacher entschieden sich für Ausklappseiten, damit die Leser die (in hervorragender Qualität reproduzierten) Schlemihl-Blätter vergleichen können. Einleitende Kurztexte und zwei konzise Essays lenken den Blick und das Verständnis für Kirchners Werk, speziell im Hinblick auf den Schlemihl-Zyklus.
Erst vor wenigen Jahren wurde Adelbert von Chamissos märchenhafte Geschichte neu aufgelegt, damals mit den Bildern von Kirchner als Illustrationen und den Kommentaren führender Germanisten im Schlapptau. Die für die vorliegende Publikation verantwortlichen Kunsthistoriker antworten gleichsam auf diese Neuaufgabe. In dem sie den nun den fraglos faszinierendsten Schlemihl-Bilderzyklus in den Vordergrund stellen und in angemessener Ausführlichkeit würdigen. Beide Bände zusammen – der germanistische und der kunsthistorische Schlemihl sozusagen – ergänzen sich daher hervorragend (und man hätte sich fast gewünscht, sie wären in einem Band erschienen).

Christian Welzbacher
Ernst Ludwig Kirchner. Peter Schlemihls wundersame Geschichte. Moeller, Magdalena M.; Gercken, Günther. 192 S. 140 fb. Abb. 32 x 25 cm. Gb. Prestel Verlag, München 2014. EUR 89,00. CHF 119,00
ISBN 978-3-7913-5375-3
 
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