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Der Schah in der Schachtel.

Ein kleines Thema – fürwahr: eine Sammlung von knapp über 80 fotografischen Visitenkarten aus dem Nachlaß des Botanikers Carl Haussknecht, entstanden und versammelt in den späten 1860er Jahren. Ein kleines Thema, aber doch eines, das der Autor Matthias Gründig mit viel Sinn, ja mit Liebe für den Gegenstand vor dem Leser ausbreitet und es auf diese Weise schafft, Neugier für den Gegenstand zu wecken und – durch den Verlag gut aufbereitet – ein gelungenes Produkt auf den Markt zu bringen. Es ist Gründigs Masterarbeit, sein Einstieg in die wissenschaftliche Publizistik. Nicht immer ist der Autor ganz Sattelfest, wenn er zu Metaphern greift. Einmal hapert es auch (es geht um photographische Verfahren) mit der Chemie. Dann hat sich das ein oder andere Uni-Neusprech eingeschlichen, von dem man nur hoffen kann, dass es der Autor in seiner weiteren Karriere sein lässt. Denn eine weitere Karriere kann man ihm nach diesem kleinen und feinen Start nur wünschen. Er macht alles richtig und er macht – soweit man es in diesem Stadium macht – auch alles gut. Daß es noch anders, freier, lockerer, essayistischer, tiefschürfender, routinierter, konziser und weiß-der-Kuckuck-wie hätte gehen können soll an dieser Stelle einmal keine Rolle spielen.
Was genau hat Gründig getan? Er hat sich das Konvolut der knapp über 80 Visitenkarten aus Haussknechts Nachlaßkiste gründlich angeschaut, um uns in sieben Kapiteln näher damit vertraut zu machen. Zunächst die Frage: Wer ist dieser Haussknecht? Ein bekannter Botaniker, dessen Nachlaß heute in Weimar lagert. Ein Reisender in Sachen Pflanzenkunde, der in den 1860er Jahren zwei Mal die Gebiete der heutigen Staaten Türkei, Syrien, Iran, Irak durchquerte. Dabei traf er andere Forscher, Diplomaten, Einheimische, Geschäftsleute. Er baute ein „Netzwerk“ auf, von dem die Visitenkarten erzählen. Aber Gründig erklärt uns, dass diese Visitenkarten so etwas wie ein mediales Eigenleben entfalteten. Man verschenkte sie an Bekannte, oft rückseitig mit Worten gespickt. Aber man sammelte sie auch, denn zahlreiche Karten, im Sortiment ihrer Fotografen, waren frei verfügbar käuflich. Das bedeutet, die Karte kann Zeugnis direkter Begegnung oder indirekten Interesses sein: an prominenten Schauspielern und Herrschern genauso, wie an schönen Frauen, Typen, „Rassen“ und kulturellen Praktiken (im vorliegenden Fall etwa dem Baden). Nachdem Gründig den Leser für diese Aspekte sensibilisiert hat führt er ihn dann anhand der Visitenkarten durch Haussknechts Orient.
Ich begrüße den „Schah in der Schachtel“ auch deshalb so enthusiastisch, weil das Buch in seiner ganzen Anlage über sich selbst hinausweist. Es ist Gründig gelungen, beispielhaft vorzuführen, dass man nicht wilde Thesen und exotische Themen hervorkramen muß, um seinen Geist zu betätigen, sondern dass es die scheinbar naheliegenden, eben kleinen Dinge sind, die Anstoß zum Nachdenken bieten können. Man muß auch nicht das Fähnlein der Bildwissenschaft hissen, sondern einfach nur den Gegenstand genau anschauen und sein wissenschaftliches Methodenspektrum dem anpassen, was man wissen möchte. Ist das Buch „bildwissenschaftlich“, „kulturwissenschaftlich“, „kunstwissenschaftlich“? – tant pis. Diese und weitere Lektionen verstecken sich neben dem Schah in Haussknechts Schachtel – und wir können froh sein, dass Gründig sie geöffnet hat, um den Geist aus der Schachtel zu befreien (um auch mal eine herzlich schräge Metapher zu gebrauchen). Möge er in den Herzen und Hirnen der Leser ankommen und fruchtbar wirken.

27.09.2016

Christian Welzbacher
Gründig, Matthias. Der Schah in der Schachtel. Soziale Bildpraktiken im Zeitalter der Carte de visite. 2016. 232 S. 175 fb. Abb. 25 x 17 cm. Gb. EUR 24,80.
ISBN 978-3-89445-530-9
 
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