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«Verheißung und Erfüllung zugleich» – Kunstsalon Paul Cassirer.

Einzig im deutschsprachigen Buchmarkt und einzigartig in der Geschichte des deutschen Kunsthandels steht die gewaltige und unvergleichlich detaillierte Dokumentation zur Galerie Paul Cassirer da, die der Schweizer Nimbus-Verlag seit 2011 herausgibt. Nach den ersten beiden Bänden zu den Gründungsjahren der Berliner Galerie 1898 bis 1905 erschienen 2013 die Bände zu den Jahren 1905 bis 1910, die wohl den Kernzeitraum im ‚Kampf um die Moderne’ in Deutschland widerspiegeln (vgl. die Rezension unter http://www.kunstbuchanzeiger.de/de/themen/kunst/rezensionen/1529/). In diese Jahre des Ringens um die Anerkennung der modernen Kunst fällt Hugo von Tschudis Engagement für die Aufnahme der französischen Impressionisten in die Sammlung der Berliner Nationalgalerie, der Rodin-Skandal, der Harry Graf Kessler das Amt als Leiter des Kunstmuseums in Weimar kostete und der Beginn des „Mohnfeldstreits“ um den Ankauf eines van Gogh-Gemäldes für die Bremer Kunsthalle.

Dagegen nimmt sich die dritte Lieferung der bahnbrechenden, in bewährter Zusammenarbeit des Verlegers Bernhard Echte mit dem Kunsthändler und Cassirer-Archivar Walter Feilchenfeldt edierten Teiledition für die Jahre 1910 bis 1914 fast schon gediegen aus: „Verheißung und Erfüllung“ heißt denn auch der fünfte Band der Dokumentation und, schließlich, „Eine neue Klassik“ der sechste.
Wie bereits zuvor wird auch diesmal jedes identifizierbare Werk aus jeder der Ausstellungen der Galerie Cassirer dokumentiert, eine Grundlagenarbeit, die nur mit der historisch-kritischen Edition der klassischen Philologien verglichen werden kann. Zudem werden Rezensionen abgedruckt, ein reicher Kosmos von Illustrationen und die im Antiquariatsmarkt so gut wie unauffindbaren, extrem raren Kataloge der Galerie.
Und doch wirken diese beiden Bände im Vergleich zu den vorangegangenen fast ein bisschen zu gediegen. Liegt das daran, dass uns die ersten Bände der Edition verwöhnt haben? Vielleicht; doch bezeichnender ist, dass der Kunstsalon Cassirer – mit seinem vorwiegenden Engagement für den Impressionismus – gerade in den hier behandelten Jahren begann, seine Deutungshoheit für die Dekade der Avantgarden an neue Protagonisten zu verlieren: Im bewussten Affront gegen das Establishment der „Saloncassirer“ hatte Herwarth Walden 1912, ebenfalls in Berlin, seine „Sturm-Galerie“ gegründet; im selben Jahr zeigte die legendäre Kölner „Sonderbund“-Ausstellung die über den Impressionismus hinausgehenden Strömungen: Nicht nur Van Gogh und Gauguin, sondern auch Matisse und die Expressionisten, und angeregt durch den Furor der neuen Malerei eröffnete Alfred Flechtheim seine erste Galerie in Düsseldorf.
Der Kunstsalon Cassirer repräsentierte fortan die zur neuen Klassik gewordene Klassische Moderne. Der Weg von Kampf, Anerkennung und Siegeszug dieser „neuen Klassik“ wird in den beiden jüngst erschienenen Bänden mustergültig dokumentiert; sie fungieren nicht nur als Kulturgeschichte der Bildenden Kunst in Deutschland, sondern als exemplarisches, ja: Maßstäbe setzendes, Monumentalwerk zur Geschichte des Kunsthandels, der Geschmacks- und Rezeptionsgeschichte der Moderne in Deutschland. Bleibt zu wünschen, dass den Autoren wie dem Verlag die Kraft und Mitteln nicht ausgehen, an diesem Monumentalwerk weiter zu schreiben – auch über die Jahre der Brüche und des Untergangs der Galerie während und nach dem Ersten Weltkrieg hinweg, die Jahre der Inflation und der Weimarer Republik, als der Kunstsalon Cassirer sich zu überleben begann: Die Vollendung des Quellenwerks mit den Bänden zu den Jahren 1914 bist 1933 ist derzeit für 2020 angekündigt.
Und eigentlich müsste das Monumentalwerk von hier aus Nachahmer und Nacheiferer finden, die sich berufen fühlen, vergleichbare Bände über Herwarth Walden und die Sturm-Galerie, die Galerie Thannhauser und andere exemplarische Schauplätze im fortdauernden ‚Kampf um die Moderne’ vorzulegen. Der „Kunstsalon Cassirer“ war nicht nur das Vorbild der nachfolgenden Galerien, sondern die Dokumentation von Bernhard Echte und Walter Feilchenfeldt taugt auch als Vorbild für die Fortschreibung der Kunsthandelsgeschichte als kunstgeschichtliche Disziplin.

05.03.2017
Rainer Stamm
«Verheißung und Erfüllung zugleich». Kunstsalon Cassirer. Die Ausstellungen, Band 3: 1910-1914. Hrsg.: Echte, Bernhard; unter Mitarbeit von Petra Cordioli. Feilchenfeldt, Walter. 1440 S. 1370 Abb. Gb. EUR Nimbus Verlag, Wädenswil 2016. 136,00. CHF 148,00
ISBN 978-3-907142-42-4
 
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