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Schau mir in die Augen, D├╝rer!

Vielf├Ąltig, reich und bunt bebildert, gelungen aufgemacht, lesefreundlich gegliedert, kurz: ein wundersch├Ânes Buch f├╝r Jung und Alt, das mit einem griffigen Titel in die Welt der Alten Meister einf├╝hren will. Vor allem bei mythologischen und christlichen Motiven scheint gro├če Ratlosigkeit zu bestehen; selbst Christen wissen nicht mehr, wie manche religi├Âsen Darstellungen zu interpretieren sind, wenn es sich nicht gerade um die Weihnachtsmotive mit der Heiligen Familie, Ochs und Esel und den anbetenden Hirten handelt. Die Kunsthistorikerin Susanna Partsch springt mit ihrem Buch in die Bresche und gibt erste Hilfestellungen zur Interpretation figurenreicher Darstellungen rund um Mythos und Religion.

Die Alten Meister, was versteht man darunter? Dies ist eine der insgesamt 88 wichtigen Fragen (nicht 101, wie eine kleine Reihe des C.H.Beck-Verlages hei├čt) rund um die europ├Ąische Malerei zwischen dem 13. und dem 18. Jahrhundert. Gegliedert sind die Fragen, die Partsch von Bekannten und FreundInnen gesammelt hat, in acht interessante Abschnitte, einer davon widmet sich dem "Stoff f├╝r die Kunst: Materialien und Techniken". Aus den gro├čen Kunstmuseen in Berlin, Dresden, M├╝nchen und Wien hat Partsch eine Auswahl von Landschaft ├╝ber Portr├Ąt bis hin zu Genremalerei und religi├Âsen Darstellungen getroffen, die sie uns in lockerer Reihe vorstellt. Das ├Ąlteste im Buch abgebildete Werk ist eine kostbare Kreuzigungsdarstellung aus dem Jahre 1230/40, das j├╝ngste eine Darstellung der Marquise de Pompadour von Francois Boucher aus dem Jahre 1756. Dazwischen finden sich Aufnahmen aus dem Museums- und Restaurierungsalltag: alles in allem ein bunter F├Ącher des Lebens rund um das ehrw├╝rdige Werk Alter Meister.

Doch noch einmal: Alte Meister. Was versteht man darunter? Der Begriff stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, als die gro├čen Kunstsammlungen in M├╝nchen - die Alte und die Neue Pinakothek unter Ludwig I. - und Dresden entstanden sind und man schon allein r├Ąumlich die "Alte" von der "Neuen Kunst" schied. Der Begriff "neu" richtete sich dabei danach, was die Gr├╝ndungspers├Ânlichkeiten als neu empfanden, n├Ąmlich die zeitgen├Âssische Kunst ab dem 19. Jahrhundert.

Unter der Frage "Warum gibt es so wenige Meisterinnen?" stellt uns die Autorin die K├╝nstlerin Rosalba Carriera (1675-1757) vor. Die Dresdner Gem├Ąldegalerie Alter Meister besitzt eine gro├če Zahl ihrer Arbeiten, die der Kurf├╝rst von Sachsen August III. systematisch gesammelt hat. Ein Selbstportr├Ąt, in der die Malerin sich selbst als "Winter" darstellt, ist im Buch abgebildet, wenn auch nicht das im Text beschriebene Werk "Afrika". Dass der Frauenabschnitt so kurz geraten ist, erstaunt. Bei der Formulierung der Frage allein kommen Zweifel auf: Sind es wirklich so wenige K├╝nstlerinnen? H├Ątte man hier zumindest nicht einer Regel des modernen Marketing folgen und die Frage positiv stellen k├Ânnen? Etwa so: Wie viele Meisterinnen sind namentlich bekannt? Die Autorin meint: "Einige wenige (K├╝nstlerinnen, d.R.) kennt man mit Namen und w├╝rdigt ihre Kunst heute ganz anders als noch vor drei├čig Jahren." Bei allem Respekt, da ist der Autorin ein Rechenfehler unterlaufen: Nicht erst in den Neunzigern, sondern bereits in den Sechzigern, vor allem aber in den Siebzigern des 20. Jahrhunderts wurde die Geschichte der Frauen ("Herstory") systematisch aufgearbeitet; dabei erschienen zahlreiche B├╝cher ├╝ber Bildende K├╝nstlerinnen, darunter - um nur eine einzige Publikation zu nennen - J. Krichbaum, R.A. Zondergeld, K├╝nstlerinnen von der Antike bis zur Gegenwart, K├Âln 1979, die nicht nur f├╝r 17. und 18. Jahrhundert eine Reihe von K├╝nstlerinnen auflistet. (Um nur die erfolgreichsten zu nennen, sei an die Malerin Artemisia Gentileschi (1593-1653) erinnert, deren Leben 1997 sogar verfilmt wurde, sowie an Marie Louise ├ëlisabeth Vig├ęe-Lebrun (1755-1842), die Portr├Ątistin von Marie Antoinette.) Zum Gl├╝ck tritt bei Partsch im Folgenden noch die eine oder andere Frau aus dem Dunkel der Geschichte auf: die Nonne und Buchmalerin Guda (Selbstdarstellung in einer Initiale von 1150) sowie die Malerin Sofonisba Anguissola (1531/32-1625).

"... von den verh├Ąltnism├Ą├čig vielen niederl├Ąndischen Malerinnen ..." (Partsch, S. 126) w├Ąhlt die Autorin f├╝r ihren Stillleben-Abschnitt Maria van Oosterwijck (1630-1693) aus. An deren Vanitas-Stillleben aus dem Jahre 1668 erl├Ąutert Partsch nicht nur Sinn und Zweck der Stillleben, die stets auf die Verg├Ąnglichkeit des Lebens hinweisen, sondern auch, dass diese so geheimnisvollen wie ├╝ppigen Arrangements ideale Motive f├╝r K├╝nstlerinnen gewesen seien. Wieso? Stillleben konnten im h├Ąuslichen Rahmen geschaffen werden; Frauen mussten hierzu nicht aus dem Hause gehen, was in vergangenen Jahrhunderten nicht immer ohne Begleitung m├Âglich war.

Solch ein Buch zeigt vor allem, wie viel an Allgemeinwissen und -bildung uns im Laufe einiger Jahrzehnte verlorengegangen ist. Die Frage nach dem "Warum?" w├Ąre ├╝berf├Ąllig, kann hier nicht beantwortet werden. Man soll sich aber durch eine gr├╝ndliche Lekt├╝re dieses Buches nicht dar├╝ber hinwegt├Ąuschen: Kenntnisse ├╝ber so komplexe Sachgebiete wie die europ├Ąische Malerei sind nicht in einem Kurzlehrgang zu erwerben, sondern w├Ąhrend eines ganzen Menschenlebens. Manche Fragen bleiben gar unbeantwortet ... Warum? Damit die Faszination bleibt!

23.04.2018
Daniela Maria Ziegler
Schau mir in die Augen, D├╝rer!. Die Kunst der Alten Meister erkl├Ąrt von Susanna Partsch. Partsch, Susanna. 2018. 296 S. 90 fb. Abb. 24 x 19 cm. Gb. EUR 28,00.
ISBN 978-3-406-71206-7   [C. H. Beck]
 
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