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Kunstkrank -Eine Geschichte besonderer Bildbegegnungen. |
1826 erinnert sich Stendal an seinen 1811 unternommenen Besuch in Santa Croce/ Florenz, deren Dokumentation heute das Ursprungsdokument des sogenannten Stendal-Syndroms bildet – eine moderne Erfahrung mit der Kunstfans bis heute körperlich ergriffen, sensorisch überwältigt und mental getriggert auf die durch Kunstwerke hervorgerufenen Einbildungen reagieren: „Ich war fast zu Tränen gerührt, notiert Stendal, ...sie kamen mir in die Augen, als ich dies schrieb. …Ich habe noch nie etwas Schöneres gesehen.“ Daß die körperlich- sinnliche Erregung noch in der Erinnerung eines Kunstfans vor einem Werk zu einem Syndrom einer Art mentalen Überreaktion führt, gilt in der Kulturgeschichte der Moderne seither als eine „große Erzählung“, die Bernd Stieglert ihrerseits in eine aktuelle Körpergeschichte der Kunstreaktionen und deren „Geschichte der Beseelungen“ einbettet wie der ZEIT-Kritiker Hanno Rauterberg zu Recht geschrieben hat. Weitere Kunst-Begegnungen rekonstruiert Stiegler ebenso detailliert wie eindrucksvoll an den vergossenen Tränen Denis Diderots im Pariser Salon, an prägende Begegnungen Dostejewskis mit Raffael und Holbein, André Bretons Vorliebe für die sexuelle Lust an der Begegnung mit surrealistischen Werken de Chiricos, sowie die Begegnung Roland Barthes mit einer Ausstellung über „Schockfotos“ im Sommer 1955 ( und die Stiegler zur einer kleinen aufschlussreichen Geschichte zur Fototheorie von Schockbildern weiterführt.)
Stieglers Projekt, das eine enorme Spannbreite höchst unterschiedlicher ästhetischer, historischer und selbstreflexiver Erzählungen - von frühmittelalterlichen Andachtsbildern bis hin zur Gegenwart des Stendal-Syndroms um 1989 - erkennen lässt, kann man einerseits im engeren Sinne als Kritik an der „rezeptionsblinden“ Bildakt-Theorie etwa Horst Bredekamps verstehen. Im weiteren Sinne lässt sich Stieglers 300seitige Abhandlung aber auch durchaus als aktuellen Beitrag und Kommentierung zur kunst-methodischen Forschung seit der Jahrtausendwende würdigen. In dieser spielten lange Zeit weniger köpergeschichtliche als vielmehr kunsttheoretische bzw. rezeptionsästhetische Phänomene eine eminent bedeutsame Rolle. Am Ende resümiert der Autor allgemein: „Will man über die Wirkung von Bildern nachdenken, so sollte man nicht – wie beim Stendal-Syndrom - ihre Effekte zum Gegenstand der Fiktion machen, sondern die Begegnung mit Kunst als komplexe Form eines Dialogs begreifen.“ Bilder, so Stiegler, seien weder bloße Spiegel, noch Träger „einer ihnen per se zukommenden Handlungsmacht“. Kunst verkörpere offenbar das Produkt einer generativen Begegnung, deren Nachvollzüge uns Kunst-Fans ein Leben lang ans Herz gewachsen sind und biographisch weiter wachsen. Ihre Werke offenbaren eine „Melange aus Empfindung, Gefühl, Wahrnehmung und Nervenkitzel “Dass diese Momente von Begegnungen heute in Sekundenschnelle in den Sozialen Medien - unerwartet anders und immer wieder neu - durchgespielt werden, erwähnt Stiegler jedoch nicht mehr ...
05.11.2026
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| Michael Kröger |
Kunstkrank. Eine Geschichte besonderer Bildbegegnungen. Stiegler, Bernd. Deutsch. 75 fb. Abb. 21,5 x 13,5 cm. Wagenbach Verlag 2026. EUR. 28,00.
ISBN 978-3-8031-3771-5
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