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Shopping - Konsumenten-Künstler

Künstler inszenieren heute nicht nur Kunst, sondern akzentuieren buchstäblich deren Warencharakter: sie unterlaufen heute vielfach den Werkbegriff, indem sie etwa auf heimtückische Weise die ihnen zugewiesene Ausstellungsfläche für die Dauer der Ausstellung weiter vermieten, sie parodieren die Anonymität von Industrieprodukten und schaffen hybride Objekte, die sich auf der Grenze zwischen Design und Kunst bewegen. Kein Zweifel: Kunst und Konsum kommentieren sich heute in ihrer Wechselseitigkeit ebenso, wie sie sich gegenseitig ausschließen.
"Nichts wird in den modernen Konsumgesellschaften so gerne konsumiert wie die Kritik am Konsum" wußte Boris Groys schon 1992 - die Folgen dieser Entwicklung sehen wir nun in der Frankurter Ausstellung "shopping" bzw. in dem hier vorliegenden gleichnamigen Ausstellungskatalog.
Im Begriff des shopping scheint sich der Zeitgeist des Kunstbetriebs am unmittelbarsten zu verkörpern; verblüffend ist heute die Hemmungslosigkeit, mit der Künstler, Kritiker und Ausstellungsmacher dieses Thema kunstgerecht vermarkten. Die Künstler reagieren sensibel auf die Macht des Marktes - Kunst, die Waren ähnelt, sind als Kunstobjekte mehr als Waren: es sind Objekte der Reflexion, die die Künstler aber auch die "Konsumenten", das betrachtende Publikum betreffen: "Schon seit Duchamp und spätestens seit der Pop Art versteht sich der Künstler nicht mehr als Produzent sondern als ein Konsument anonym produzierter Dinge" notiert Boris Groys und stellt fest: "Der heutige Kunstkonsument konsumiert nicht mehr die Arbeit des Künstlers. Vielmehr investiert er seine eigene Arbeit, um wie ein Künstler zu konsumieren".
Künstler reflektieren Sehweisen, in denen sich der Konsum und seine Kontexte visuell materialisiert haben. Der Konsument ist, wenn man so will, ein Künstler, der, ohne Rücksicht auf die Geschichte der Produktion, zu seinen Dingen eine selektive und visuelle Beziehung herstellt. Der Künstler - par excellence ein Konsument des schönen Begehrens nach dem immer Neuen? Der Künstler, so der Tenor von Katalog und Austellung, macht tendenziell alles zum Objekt des Begehrens; in der Nachfolge der früheren Aristokratie, die nach Boris Groys an einer permanenten Innovation von neuen künstlichen Bedürfnissen interessiert war, arbeitet nun der Künstler als Avantgardist und Sonderbeauftragter aktueller Wünsche und Lüste des Konsums. Ist die Ware heute das allgemeine Medium der ästhetischen Selbstreflektion geworden?
Dass Kunst und Kunstpraxis mit dem Begehren zu tun hat, wissen wir seit dem Surrealismus.
Ob jedoch das Begehren des Konsumenten nach immer neuem Konsum als prägendes Bild der Moderne gelten kann, darf - in dieser so formulierten Ausschließlichkeit einer übertrieben (kunst-)marktkonform präsentierten Kunst-show - bezweifelt werden. Welchen Sinn macht also heute diese Kritik des Konsumenten als Künstler, die doch selbst nur den Konsum auf dem Markt der Kritik (im richtigen Moment) zu bedienen scheint?
7.12.2002
Michael Kröger
Shopping. Kunst und Konsum im 20. Jahrhundert. .Max Hollein (Hrsg.). 270 S., zahlr. fb. Abb., 2002. EUR 49, 80.
ISBN 3-7757-1213-5
 
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