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Kunst als Sendung

Ohne hier gleich schon in eine Eloge ausschweifen zu wollen - die Lektüre von Dieter Daniels Kunst als Sendung gehört mit Abstand zu den lesenswertesten Abhandlungen, die sich der komplexen Thematik der Wechselbeziehungen zwischen Medien, Kunst und Medienkunst widmet.
In einem ersten technikgeschichtlichen Teil rekonstruiert Daniels die Motive der bekannten frühen Medienerfinder: Daguerre und Morse etwa, von Daniels ironisch als "Helden des beginnenden Medienzeitalters" tituliert, erarbeiteten technische Reproduktionsverfahren, die Illusionseffekte einer Art erzeugen, die mit denjenigen der Kunst des frühen 19. Jahrhunderts inkompatibel sind. Fotografie und Telegrafie führen zu einer Welt, in der eine mediale Wahrnehmung zur vorherrschenden wird. Weitere Aspekte, wie etwa die Beziehung zwischen den Vorläufern des Rundfunks und der Kunst des Kubismus, sind bislang noch nie in einem Kontext dargestellt worden. In den Erfindungen Pionieren der ersten Reproduktionsmedien entdeckt Daniels ein Grundmotiv, das er in immer wiederkehrenden Aspekten darstellt: die Medien antizipieren nicht, wie die Medientheoretiker bis hin zu Benjamin noch meinten, äußerlich, was die Künste später realisieren, sondern die Medien substituieren in fast "allen Lebensbereichen die ehemals der Kunst zugerechneten Funktionen" (S. 38). Die neuen Medien - Fotografie, Telegrafie, Radio, Internet - führen zu einer Form der Erfahrung der Medientechnik, die durch Globalisierung, Simultaneität und einer massen-medialen Erfahrung von Wirklichkeit gekennzeichnet ist. Zu den spannendsten Kapiteln zählen auch dienjenigen, in denen sich Daniels mit Baudelaire und Benjamins Theorien der Veränderungen "moderner Wahrnehmungstechniken" auseinandersetzt. Im Spannungsfeld zwischen Rezeption und Konstruktion, die Daniels in den Figuren des Flaneurs und des (Foto / Radio / PC -) Amateurs verkörpert findet, entdeckt Daniels vielfältige Wechselbeziehungen: gemeinsam ist beiden die Faszination für das Medium in dessen "ästhetischer Eigenwirkung" - eine Erfahrung, die Daniels auch noch beim heutigen TV-Zapper und Netzsurfer wiederfindet. Daniels Untersuchung nimmt dabei selbst die Rolle eines (Theorien) rezipierenden und die Medien-Kunst re-produzierenden Charakter an. Am Ende gelingt ihm eine wohl komplette Revision der bisherigen Medientheorien, in dem er die bishierigen Modelle in ihren Widersprüchen und Leerstellen offenlegt. Parallel zu den früheren Versuchen, die Beziehungen zwischen Medien und Kunst im Sinne eines Reaktions- oder Antizipationsmuster zu beschreiben, konstruiert Daniels mit den Begriffen "Substition" und "Evokation" hochgradig offene und anschlußfähig-aktive Formulierungen:"Medien entstehen durch die Substitution ehemals zur Kunst gehörender Motive - aber die Kunst selbst hat nicht das Potenzial, solche Umbrüche wie etwa den Radioboom oder den Netboom zu evozieren. Die Position des modernen Künstlers bleibt, auch wenn er mit und in Medien arbeitet, die des einsamen Flaneurs, der zwar seine Erlebnisse in antizipative Werke fassen kann, aber selbst nicht das hervorbringt, was er vorausahnt".(S. 223).
Die Substitution , die Daniels bei Daguerre und Morse im Wechsel vom Künstler zum Medienerfinder erkannt hatte, erhält durch die anonyme Masse der Amateure eine neue historische Qualität. Die früher individuelle Perspektive erhält eine soziale, funktionale Wendung: "Was einmal ein Stimulans für die Kunst war, führt nun zur Entstehung von Medientechniken. Aber diese Medientechniken werden nicht mehr erfunden, sondern evoziert, durch eine massenhafte Bewegung.... ." (S. 222). Auch Daniels abschließende Untersuchungen, die die Medienkunst durch ihre eigene ungeschriebene Vorgeschichte lesbar zu machen versuchen, fördern erhellendes zu Tage. Mithilfe geschickt querverbundener Detailbeobachtungen gelingen Daniels teilweise überraschende Einsichten: Ruttmanns 'weekend' von 1930 realisiert mit der "drahtlosen Sendung von aufgezeichneten und montierten Klängen genau die Utopie, welche 16 Jahre zuvor in Apollinaires 'Lettre Océan' aufscheint .... Alles, was 1914 Metapher ist, wird 1930 technische Realität." (S. 231)

Daniels Buch, das hier nur bruchstückhaft und quer gelesen besprochen werden kann, muß man einerseits als theorietechnisch stark aufgerüstete Darstellung lesen, die auf unterschiedlichsten Ebenen funktioniert und vielfach "Ungelesenes lesbar" macht . In vielem scheint Daniels eigenartigerweise immer noch am tradierten Muster des heroischen Künstlers als Erfinder als Maß aller Dinge festzuhalten. Kunst, so Daniels, ermögliche einen "Blick in die Zukunft der Medien, aber sie hat keine Macht über deren gesellschaftliche Verwendung und Definition"; Medienkunst ist sowohl in historischer Perspektive "künstlerische Antizipation im Sinne Benjamins eine "Vorahnung" von deren Wirkungen, die sie aber selbst nicht zur Realität werden lassen kann" .... und fungiert deshalb im Rückblick ebenso wie teilweise die Kunst über Medien, als Verweis auf die utopischen und ästhetischen Motive, die zur Entstehung der elektronischen Massenmedien beitragen, aber darin untergehen." (S. 257) Im Medium werde so selbst ein Ort der Reflexion über das Medium geöffnet. Indem Daniels Untersuchung viele Fragestellungen vorzugsweise in relationale Formulierungen von ineinander verketteten Gegensatzbegriffen reformuliert und diese damit nicht vorschnell zu beantworten vorgibt, vermittelt sein Buch den zur Zeit wohl weitreichendsten wie auch einen avanciert dargestellten Überblick über die Aktualität der Beziehungen zwischen Medien, Moderne, Technik und Kunst. Die nicht eingelösten Utopien sind medientechnisch wohl noch lange nicht restlos antizipiert.
31.12.2002
Michael Kröger
Daniels, Dieter: Kunst als Sendung. Utopie und Praxis der Medien von der Telegraphie bis zum Internet. 2002. 300 S., 60 Abb., Br EUR[D] 28,-
ISBN 3-406-59509-X   [C. H. Beck]
 
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