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Nietzsches Italien

Mit seinem Buch "Nietzsches Italien. Städte, Gärten und Paläste" nimmt der renommierte Berliner Kunsthistoriker Tilmann Buddensieg die Italienerfahrungen des Philosophen Friedrich Nietzsche in den Blick. Damit entdeckt Buddensieg ein Thema, von dem man gemeinhin glaubte, es existiere überhaupt nicht. Aber bereits von seinem ersten Aufenthalt in Italien im Jahre 1877 an war die italienische Kunst ein zentraler Ausgangspunkt der Philosophie Nietzsches.
In Anbetracht der Informationsdichte des Textes und der exzellenten Quellenarbeit darf sogleich darauf hingewiesen werden, dass der Untertitel des Buches etwas knapp gewählt ist: Schlussendlich entwirft Buddensieg nichts weniger als ein Bild Nietzsches und hier seiner Kunstrezeption des von ihm geliebten Landes Italien. Der Autor rekonstruiert minutiös Nietzsches Aufenthaltsorte im "Zitronenland", von seinen ersten Eindrücken in Sorrent und Neapel bis zu seinem Zusammenbruch in Turin. Buddensieg lässt die Ortsgebundenheit des Denkens und damit Nietzsches verändertes Bewusstsein in der Fremde erkennen, indem er nachvollziehbar die Spuren seiner Italien-Eindrücke in seiner Philosophie und Poesie aufdeckt. Hierzu bemüht er nicht nur die bekannten Werke Nietzsches, etwa "Also sprach Zarathustra", sondern ebenso seine umfangreiche Korrespondenz und die hinterlassenen Fragmente. So lernt der Leser ganz nebenbei auch den Briefeschreiber Nietzsche kennen.
Die übersichtliche Gliederung des Buches in sinnfällige, kurze Kapitel erleichtert dem Leser die Orientierung in diesem Gewirr aus Nietzsches Äußerungen postalischer und literarischer Art, von Kommentaren aus seinem Umfeld sowie kritischen Beiträgen zur Nietzsche-Forschung seitens des Autors. Vor allem geht es in diesem Buch jedoch um Nietzsches Fähigkeit zu einer "verschmelzenden Aneignung des Kunstwerks". Diese Aneignung funktioniert, so Buddensieg, durch eine Übersetzung der durch das Kunstwerk transportierten Wahrheiten in das Medium Sprache. Nietzsche scheint Kunst nie rein ästhetisch wahrzunehmen, vielmehr will er den dem Werk zu Grunde liegenden Gedanken schöpferisch nachempfinden. Immer wieder begegnen wir in seinen Werken gleichsam einer Neuschaffung des Kunstwerkes durch die eigene Sprache. Buddensieg hat sich in seinem Buch für uns auf die Suche nach den 'Vorbildern' in Malerei und besonders Architektur für Nietzsches Literatur gemacht. Der Autor weist beispielsweise anhand von Eintragungen in Nietzsches Reiseführer nach, welche Kunstwerke der Philosoph studiert hat, er lässt somit vor dem geistigen Auge des Lesers die Bilderwelt entstehen, die in Nietzsches Beobachtungen und Formulierungen, beispielsweise in "Also sprach Zarathustra" ihre eigene, Wort gewordene Form gefunden hat. Ein Leitmotiv der Architekturbetrachtung in Poesie und Briefen ist Nietzsches Forderung nach einer "tempelgleichen Leere", wie er sie beim Anblick der griechischen Tempel in Paestum, diesen "Gedanken in Stein über das Geheimnis des Lebens", erstmals erfahren hatte. Oder aber sein Ruf nach einer Entfunktionalisierung der Architektur, so zum Beispiel der Loslösung von der religiösen Funktion der Kirchen, die er am liebsten als leer geräumte Ruinen gesehen hätte. Damit nimmt er nicht nur eine Tendenz in der Architektur nach der Jahrhundertwende vorweg, die bis zu den Bauten von Gerhard Merz reicht, in denen die Leere das Zentrum einnimmt, sondern antizipiert auch die Sätze des großen Kunsthistorikers Heinrich Wölfflin über "die Seele" der Tempel in Paestum. Es wird deutlich, dass Nietzsche - wie zum Teil in seiner Philosophie - auch in Fragen der Kunstbetrachtung ganz subjektiv und dabei durchaus polemisch verfährt. Nichts desto trotz wird der Leser hier und da die Treffsicherheit in Nietzsches Urteil nicht abstreiten können, legen seine Äußerungen doch oft die auf den ersten Blick verborgenen Wesenszüge des Kunstwerks frei. So schreibt er etwa im Angesicht der Buckelquaderung des Palazzo Pitti in Florenz vom "übermenschlichen Eindruck des Erhabenen": "Das sind keine Steine, sondern Felsstücke und fast ganze Bergecken."
Wer über die in ihrer Ausführlichkeit an Pedanterie grenzenden Informationen zu den verschiedenen Wohnungen Nietzsches, und hier etwa über den Glücksfund der "Spanischen Wand" im Palazzo Berlendis in Venedig hinweg lesen kann, wird mit Buddensieg nicht nur die Wirkung Italiens auf Nietzsches Denken und Schaffen entdecken, sondern außerdem aufschlussreiche Erläuterungen zu Kunstwerken aus den verschiedensten Epochen finden. Damit eignet sich "Nietzsches Italien" gleichermaßen als Lektüre für Interessierte der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte sowie auch für Italienreisende.
22.10.2003
Tim Dolfen
Buddensieg, Tilmann: Nietzsches Italien. Städte, Gärten, Paläste. 2002. 272 S., zahlr. Abb. Ln EUR 28,50
ISBN 3-8031-3609-1
 
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