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Hispania Antiqua - Christliche Denkmäler des frühen Mittelalters

Der neueste Band der wichtigen Reihe "Hispania Antiqua" hat es in sich. Das 581seitige Standardwerk zur christlichen Architektur und Kunst zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert in Spanien setzt Maßstäbe. Wer sich für Spaniens kulturelle Vergangenheit interessiert, der wird an diesem umfassenden Kompendium archäologischer und kunstgeschichtlicher Informationen nicht vorbeikommen.
Die wissenschaftliche Akribie und Präzision, mit der Achim Arbeiter und Sabine Noack-Haley ihr Thema behandeln, lassen ebenso wie die umsichtige Auswahl an isometrischen Zeichnungen (zum Beispiel das Belvedere am Monte Naranco, S. 161), diversen Kirchengrundrissen (besonders schön: San Millán de la Cogolla de Suso, S. 350) und an Kartenmaterial (Überblickskarte ganz hinten) die Lektüre auch für Nichtspezialisten zu einem genußvollen Erlebnis werden. Der überaus positive Eindruck, den die Beschäftigung mit Spaniens frühchristlichen "Denkmälern" auslöst, wird noch dadurch verstärkt, dass lateinische Bauinschriften meistens ins Deutsche übersetzt sind. So heißt es etwa auf einer für die Festung in Oviedo gefertigten Kalksteinplatte, die auf das Jahr 875 datiert wird: "Herr, gewähre diesen Bauwerken das Zeichen des Heils und verwehre so dem todbringenden Engel den Zutritt." (S. 189) Dieses Verfahren bietet dem Leser Zugänge zur Spiritualität der Zeit des jeweiligen Bauwerkes über das fixierte Wort, dessen Bedeutung - et-wa in der Liturgie - auch im spanischen Mittelalter kaum überschätzt werden kann.
Den Hauptteil der "Christliche(n) Denkmäler" bildet ein Katalog (S. 89-469) der auf insgesamt 140 Tafeln vorgestellten Denkmäler (S. 583ff.). Jedes Denkmal - Bauwerke, Gold- und Bronzearbeiten oder die Buch- und Wandmalerei (nur die Numismatik ist ausgespart) - ist ausführlich dokumentiert. Das Denkmal wird minutiös beschrieben und im Hinblick auf Forschungsfragen analysiert. Am Ende findet sich entsprechende weiterführende Literatur. Diesem Hauptteil vorangestellt sind - neben einem Kapitel zur Buchmalerei und Kleinkunst (S. 75-87) - fünf kurze Kapitel. Sie schildern die wesentlichen Stationen der Entwicklung der christlichen Denkmäler in den verschiedenen geographischen Gebieten Spaniens - beispielsweise in Katalonien (S. 67-74) oder Asturien (S. 9-20) - in ihrem jeweiligen historischen und politischen Kontext. Das auf den Hauptteil folgende "Verzeichnis der abgekürzt zitierten Literatur" widerspiegelt auf 80 Seiten (S. 471-551) den Stand der Forschung bis zum Jahr 1998. Zwei Register zu Personen und Geographie ermöglichen den raschen Zugriff auf einzelne Bauwerke.
Es sei hier exemplarisch und durchaus subjektiv auf die bezaubernde unter einer Felswand befindliche winzige Kirche San Esteban de Viguera (La Rioja, Tafel 100b) des 9. bis 11. Jahrhunderts sowie das oberhalb des Ortes Tella in 1400 Meter Höhe einsam an einem natürlichen Pyrenäenpaß gelegene Kirchlein Santos Juan y Pablo verwiesen (Abb. 275). Unwegsam placiert und schwer zu erreichen, sind sie zweifellos beide doch je einen einzigen Besichtigungstag mehr als wert.
Das Kompendium der "Christliche(n) Denkmäler" weist nur einen einzigen (scheinbaren) Nachteil auf: Für seine Lektüre benötigt man/frau sehr viel Zeit. Aber in diesem Falle lohnt die Mühe, bietet sich dem Leser doch hier die einzigartige Chance im studierenden Hin- und Herblättern zwischen Katalog- und Tafelteil eine Zeit wiedererstehen zu lassen, deren materielle Spuren immer seltener werden. So ist dieses schöne Buch (nicht nur) für jeden Reiseleiter ein Muß.
Matthias Mochner
Achim Arbeiter / Sabine Noack-Haley: HISPANIA ANTIQUA. Christliche Denkmäler des frühen Mittelalters vom 8. bis ins 11. Jahrhundert. 581 S. , 308 Abb., 24 Farb- und 116 s/w Tafeln. Leinen. 1999. DM 198,-
ISBN 3-8053-2312-3
 
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