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Die Alte Nationalgalerie Berlin

Wer den Louvre, das Rijksmuseum in Amsterdam oder die National Gallery in London schon mit dem Museumsleitfaden, den Scala Publishers aus England und der Beck-Verlag aus Deutschland gemeinsam herausgeben, aufgesucht hat, wird jetzt glücklich zu dem Band zur Alten Nationalgalerie Berlin greifen. Die sechs Autoren, zum Großteil aus dem Kustoden-Kreidekreis des Museums, stehen für ihre Fachgebiete, die im Falle der Alten Nationalgalerie von der "Kunst der Goethezeit" bis "Vom Naturalismus zum Fin de siècle" reichen. Den sehr kurzen Einführungstexten zu den Kunstepochen folgen farbige Abbildungen der wichtigsten Gemälde. Die Namen fallen im Text, die Bilder beweisen es: Die Malerei der Romantik ist kräftig durch Caspar David Friedrich vertreten, natürlich auch Schinkel und Runge, und so geht es mit "Biedermeier und Frührealismus" und Adolph Menzel weiter. Für den Überblick des von Kunst recht unbeleckten Touristen ist dieses leicht zu transportierende, nicht fest gebundene (und in alter Rechtschreibung aufgelegte) Buch so weit genau das richtige. Wer an Widerhaken auch bei einem Museum, das unbestritten höchste Kunst präsentiert, hängen bleiben möchte, der bekommt sie ab dem Beitrag zur "französischen Malerei und Skulptur". Da schimmert der Spannungsreichtum der Sammlungen dieses Museums, die alles andere als im ruhigen Fahrwasser eines kunstsinnigen Königs zusammengetragen wurden, durch: "Jedem Besucher fällt die goldene Schrift am Giebel auf DER DEUTSCHEN KUNST MDCCCLXXI. Sie führt gleich doppelt in die Irre, denn das Datum der Reichsgründung bezeichnet innerhalb der Baugeschichte nur ein beliebiges Jahr, und die Widmung an die deutsche Kunst bedeutet eine nachträgliche Einengung des internationalen Programms der Wagenerschen Sammlung. Obwohl darüber von Anfang gestritten wurde, blieben während der ersten dreißig Jahre ausländische Kunstwerke vom Ankauf ausgeschlossen."
Sammlungsgeschichte als eigenes Feld, voller falscher Einschätzungen, immer hochinteressant, lässt sich erahnen und hätte ruhig mehr Raum im Buch einnehmen dürfen. Schließlich hat die Alte Nationalgalerie - darauf verweist der Einführungsbeitrag - ihren Charakter durch die unabhängige Urteilskraft ihrer Direktoren bekommen; Max Jordan hatte ebenso einen unglaublichen Weitblick wie Hugo von Tschudi. Unangegriffen waren sie, natürlich, nicht. Dazu aus dem Beitrag "Kunst der Gründerzeit und der Deutschrömer": "Denn in der Nationalgalerie kommt auch eine Öffentlichkeitskunst mit repräsentativem Anspruch zu Wort, deren Verzweigtheit mit dem Begriff "Salon" nur annähernd beschrieben ist. Nicht zuletzt ihre Existenz, ihr rauschender Erfolg, ihre Verflochtenheit mit Wirtschaft und Staat haben einige wenige zu elitärer Abgrenzung herausgefordert. Diese wenigen hat die Nationalgalerie zu ihren Lebzeiten keineswegs verkannt. Ihr erster Direktor Max Jordan schätzte Böcklin, Feuerbach und Hildebrand hoch und konnte gegen weitverbreitete Vorbehalte bedeutende Ankäufe jüngst entstandener Werke durchsetzen (dass auch Niederlagen nicht vermeidbar waren, zeigt die denkwürdige Debatte um Böcklins Gefilde der Seligen.)" Mehr dazu? Leider nicht. Damit und seinem gerade erwachten Interesse steht der Leser dann allein da. Es liegt wohl am Konzept für die ‚Betextung' der Bilder, dass es in diesem Band manche Passage zu wenig hergibt.
Ein wenig auf die Schwierigkeiten dieses Museums hinzuweisen, hätte angesichts der sowieso für sich stehenden Gemälde auch demjenigen Kunst-Reisenden dem die Größen und Kleineren der europäischen Kunst geläufig sind, nochmal den Horizont erweitern können. Doch die Ankündigung, dass zukünftige Bücher in dieser Reihe den Museen in Dresden, Frankfurt, Hamburg gewidmet sein werden, bleibt insgesamt eine Glücksmeldung für Museumsbesucher.
1.12.2005


Mareille Herbst
Die Alte Nationalgalerie Berlin. Deutsche Ausgabe. Hrsg. v. Keisch, Claude. 128 S., 164 fb. Abb.. (Museen d. Welt ) Kt. C.H. Beck, München 2005. EUR 18,90
ISBN 3-406-52313-7   [C. H. Beck]
 
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