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Künstlerbrüder von den Dürers zu den Duchamps

Eine Ausstellung im Haus der Kunst in München (2006) will Großes, dem Geheimnis auf die Spur kommen, welche Faktoren die Kunst von Künstlern prägen, deren Geschwister ebenfalls Künstler waren oder sind. Da bietet sich, heute modern, die Genetik an, schließlich wurde bei Geschwistern im statistischen Mittel 50% gleiche Erbanlagen ermittelt. Früher schaute man aufs soziokulturelle Milieu oder alternativ auf die Beziehung der Geschwister untereinander bzw. auf die Geburtsrangfolge. Der Ausstellungskatalog will von allem ein bißchen und darin liegt auch die Crux des gesamten Unternehmens, das, da im Katalog keine biographischen Angaben zu den Beiträgern vorhanden sind, wahrscheinlich von Kunsthistorikern ausgearbeitet wurde, wo ein interdisziplinärer Ansatz mit Psychologen und Soziologen am Platz gewesen wäre.
Zunächst: Künstlerbrüder, man staunt, können auch Künstlerschwestern sein, ein Titel "Künstlergeschwister" wäre präzise gewesen. Der behandelte Zeitraum umfaßt nicht, wie der Untertitel sagt, die Dürers bis zu den Duchamps, sondern beginnt mit zwei Schwestern, Harlinde und Relinde im 8. Jahrhundert und reicht bis zu in den 1970er Geborenen und fast alle stammen, bis auf wenige Ausnahmen, aus Europa.
Die Einführung von León Krempel streift das Thema nur oberflächlich und vermißt eine Auseinandersetzung mit einem der grundlegenden Werke zur Psychologie von Geschwisterbeziehungen, Marcel Rufos Arbeit "Geschwisterliebe-Geschwisterhass". So hätte ein Blick in dieses Buch das Ergebnis der Untersuchung schon vorweggenommen. Denn wie Rufo, schreibt auch Zuch als Ergebnis, eine Systematik scheine wegen der Vielfalt der Kombinationen schwierig. Eine Variable, nach den Variablen Rangfolge und Geschlecht, blieb im Katalog der Ausstellung als Faktor, dass Eltern unterschiedlich auf ihre Sprößlinge reagieren, systematisch unterbelichtet. So viel so gut. Edgar Lein beschäftigt sich, streng begrenzt, mit Geschwisterbeziehungen italienischer Künstlerbrüder und -schwestern vom 14. bis zum 18. Jahrhundert, deskriptiv angelegt und wenig spannend erzählt. Daran schließt sich der folgende Beitrag von Zuch zu den Künstlergeschwistern seit Romantik und Aufklärung an und versucht sich an einer zeithistorischen Einbettung. In jedem Fall hätte dieser Teil des Beitrages von einem Sozialhistoriker übernommen werden sollen. Es ist ja schon richtig, an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert von einer Umbruchsituation zu reden, die aber für den behandelten Zusammenhang viel früher angesetzt werden muß. War es im Mittelalter noch üblich, dass der älteste Sohn den Beruf des Vaters erlernte und dabei eher Traditionen fortsetzte, als sich von ihr absetzte, so liegt das Erwachen des Individualismus im Humanismus und nicht erst in der Aufklärung begründet. In jedem Fall bedarf die Auffächerung, welche Faktoren nun maßgeblich waren für die Fortsetzung oder den Bruch mit der Tradition einer weiteren Erläuterung. So lassen sich auch für die Moderne noch viele Beispiele finden, in denen Kinder Nachfolger ihrer Eltern, z.B. in der Industrie oder im Handwerk werden. Ob partnerschaftliches Zusammenarbeiten, wie von Krempel in der Einleitung behauptet, seit dem Barock gehäuft auftritt und in der Romantik sich zum Ideal multipler Autorenschaft auswuchs, mit den Epochenumbrüchen in direktem Zusammenhang steht, ist keineswegs ausgemacht. Richtig ist allerdings, dass die Familie für die Weitergabe des Wissens an Bedeutung verliert. Allerdings sind nicht, wie Krempel meint, die Pissarros an der Wende zum 20. Jahrhundert eine der letzten Kunstdynastien, sondern später, die Giacomettis. Auch diese Veränderung muß nicht, wie Zuch nahelegt, mit der Veränderung zur Kleinfamilie und Individualisierung zu tun haben, sondern kann in den neuartigen Ausbildungswegen, neuen Erkenntnissen, der Etablierung eines anonymen Marktes liegen. Für den hier behandelten Zusammenhang wäre es wichtiger gewesen auf Kants Konzeption von der Autonomie der Kunst, anstatt nur auf seine Subjektphilosophie zu verweisen. Der Künstler gibt fortan der Kunst die Regeln vor, anstatt an einen überlieferten, thematischen wie formalen Kanon bedienen zu müssen und es ist der Beginn des Kampfes um die verfassungsrechtliche Institutionalisierung der Freiheit der Kunst. Leider verirrt sich Zuch auch im staatsrechtlichen Bereich. Wie wenig analytisch Zuch auch in der Skizzierung des soziokulturellen Umfelds vorgeht, zeigt sich auch daran, dass für den Künstler, anders als für die übrigen Glieder der Gesellschaft und Zuch macht hier einen Kurzschluß, keinesfalls die Auflösung des, wie man es sonst nennt, "Ganzen Hauses" also der Familie als ökonomische Einheit, von Bedeutung ist, denn der Künstler, vor allem von Tafelbildern ist in der Ausstellung die Rede, ist bis heute Eigentümer seiner Produktionsmittel und bis auf die angewandten Künste, ist seine Arbeit auch wenig arbeitsteilig strukturiert. Mit andern Worten, ihn betrifft in seiner Mehrheit, die Arbeits- und Eigentümerteilung gar nicht. Auch sollte eines vermieden werden, die Familie als "Keimzelle des Staates" zu bezeichnen. Das ist, mit Verlaub, politischer Standard des Konservatismus, der die Institutionen pyramidal anordnet -Familie, Eigentum, Staat- und gerade nicht von der Autonomie des Individuums her denkt.
Sehr dürftig fällt denn auch das Ergebnis und die Erkenntnis aus. Ein Resümee überlassen die Beiträger weitgehend dem Leser. So haben wir es mit Teilergebnissen zu tun, die in den Textbeiträgen von Krempel, Zuch und Lein vorgestellt werden. Der daran anschließende Katalog, von 1300 bekannten Beispielen von Künstlergeschwistern wurden 57 mit 120 Exponaten, ausgewählt, wird deren Beziehung dann jeweils von weiteren Beiträgern dargestellt. Diese Texte sind mit den Anfangsbuchstaben der Beiträger, zu den drei genannten kommen noch Giuliana Ericani und Anthea Niklaus gekennzeichnet. Eine Synthese zum Ende des Buches findet nicht statt, obwohl es durchaus möglich gewesen wäre die Ergebnisse, unterteilt mit den Variablen, zu quantifizieren. Als direktes Ergebnis wird lediglich präsentiert: 1) dass die gehäufte Wahl von Pseudonymen im 20: Jahrhundert mit dem Streben der Künstler nach Unverwechselbarkeit zu tun habe, 2.) dass es nicht zu Kooperationen zwischen Künstlern unterschiedlichen Geschlechts gekommen sei und 3.) ein ausgesprochener Geschwisterhass auch nicht feststellbar sei. Lieblos auch die Ausstattung. Neben fehlenden Kurzbiographien der Beiträger, fehlt ein Index, die Überschrift am Katalogende ist falsch. Es ist kein "Verzeichnis der abgebildeten Künstler", sondern es werden Kunstwerke abgebildet. Ja, man kann Zuch zustimmen, der meint, es bleibe noch viel zu tun.
25.3.2006

Sigrid Gaisreiter
Künstlerbrüder von den Dürers zu den Duchamps. Begleitbuch zur Ausstellung im Haus der Kunst in München. Hrsg.: Krempel, León. 280 S., 200 Abb. 24 x 27 cm. Gb., Imhof, Petersberg 2005. EUR 49,80
ISBN 3-86568-043-7   [Imhof]
 
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