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Ästhetische Grundbegriffe

Die Herausgeber des Lexikons "Ästhetische Grundbegriffe" (ÄGB) dürfen sich, ebenso wie der Verlag Metzler, bei dem das Werk erschien, zurücklehnen, der siebente und letzte Band ist erschienen und alles ging gut, nicht selbstverständlich bei der langen Vorgeschichte, die in die Zeit des geteilten Deutschland zurückreicht. Am Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR wurde das Projekt eines "Historischen Wörterbuchs", so auch der Untertitel des Werks, ersonnen, durch die politischen Ereignisse kurzfristig ge-stoppt, um dann, als Bestandteil des deutsch-deutschen Kulturabkommens 1990 aufs richtige Gleis gesetzt zu werden. Es fanden sich namhafte Partner, so die Deutsche Forschungsgemeinschaft und konzeptionelle Mitarbeiter aus Ost und West, wie Hans Robert Jauß, Werner Mittenzwei oder der unlängst verstorbene Historiker Reinhart Koselleck, den man als Nestor der Begriffsgeschichte bezeichnen kann. Diesem Ansatz, der der Erarbeitung der historischen Semantik und des Bedeutungswandels verpflichtet ist, folgt auch das Lexikon "Ästhetischer Grundbegriffe". Es schließt damit in den Geistes- und Kulturwissenschaften eine bislang bestehende Lücke zwischen dem "Historischen Wörterbuch der Philosophie", das im Verlag Schwabe erscheint und den "Geschichtlichen Grundbegriffen" aus dem Hause Klett-Cotta. Zur Sternstunde wurde das Werk, da man auf die Erfahrung bei der Herausgabe von Großprojekten des Hauses Metzler setzte und ihm die verlegerische Seite des ambitionierten Un-ternehmens übertrug. Das war kein leichtes Unternehmen, galt es doch 177 Stichwörter, die von 161 Autoren aus neun Ländern und unterschiedlicher Disziplinen erarbeitet wurden, in eine Ordnung zu bringen.

Der erste Band erschien 1999 und wurde von den Herausgebern Karlheinz Barck, Martin Fontius, Dieter Schlenstedt, Burkhart Steinwachs und Friedrich Wolfzettel mit einem umfänglichen Vorwort bedacht. Das Wörterbuch trifft auf eine Situation, in der einerseits die Zeit der großen philosophischen Ästhetiken von Rang, so die Herausgeber, als "vorerst beendet scheint", andererseits eine Entgrenzung von Kunst und Ästhetik auf alle Lebens- und Erfahrungsbereiche zu beobachten ist. Das Wörterbuch trug dieser Lage Rechnung und verpflichtete nicht nur Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen, sondern legte das ästhetische Wissen trans- und interdisziplinär an. Das wird schon im ersten Zugriff sichtbar an den gewählten Stichwörtern. Sie berücksichtigen verschiedene Kunstsparten: Architektur, Bildende Kunst, Design, Fotografie, Film, Literatur, Musik, Performance, Tanz und Theater. Neben dieser Gruppe, die sich auf Kunstarten bezieht, wurden aufgenommen Begriffe im Grenzbereich von Rhetorik und Ästhetik, Begriffe aus der Produktions- und Rezeptionsästhetik, me-dienspezifische Begriffe und Wertungsbegriffe wie "moralisch" berücksichtigt. Unter dem Stichwort Populärkultur überschreitet das Wörterbuch die geläufige Trennung zwischen "high and low" und nimmt mit dem Stichwort "Weiblichkeit" Erkenntnisse aus den Gender Studies auf und weitet mit "Negritude/Black Aethetics/crérolité" den Blick auf uns fremde Kulturen. "Ästhetisch" ist also ein weiter Begriff, dies gilt auch für den nächsten Begriffstypus "Grundbegriffe". Als Kriterium für die Aufnahme in das Wörterbuch war, so die Herausgeber, "dessen Funktion für ästhetische Willensbildung heute und in der Vergangenheit, auch und gerade da, wo mit anderen Wissensfeldern historische und systematische Bezüge hergestellt werden". Dies ist z.B. mit "Vergnügen, Genuß, Ekel, Charakter" als zur Befindlichkeit des Subjekts gehörend, der Fall. Soziologische Begriffe fanden mit "Urbanismus, Öffentlichkeit/Publikum" Aufnahme, als Link zur Rhetorik und Linguistik gelten "Zeichen/Semiotik der Künste", der Bezug zur Philosophie ist im Begriff "Wahrheit" augenfällig.
Die Debatte um die Aufnahme dieses oder jenes Stichworts ist auch nach Erscheinen des Gesamtwerks sicher nicht beendet, eine uferlose Debatte, die jedoch hier nicht nochmals disku-tiert werden soll. Im Vordergrund des Querschnitts des ästhetischen Denkens steht die Zeit seit der "Erfindung" der Ästhetik im 18. Jahrhundert, alles andere wird somit zur Vorgeschichte, immer gedacht aus der Perspektive der Gegenwart.
Wie auch immer sich die Debatte um das Wörterbuch entwickelt, eine wissenschaftliche und verlegerische Großtat ist es allemal und es ist benutzerfreundlich. Dazu trägt zunächst einmal bei, daß jedem Band Benutzerhinweise, das u.a. den Aufbau des Artikels erläutert, beigegeben wurden. Es folgt ein Siglenverzeichnis von Wörterbüchern, Enzyklopädien, Werkausgaben und Einzelschriften, Text- und Quellensammlungen sowie ein Verzeichnis der abgekürzt zitierten antiken und biblischen Quellen vorgeschaltet sind. Die ersten sechs Bände enthalten 170 Stichwörter, weitere sieben enthält der siebente, der Band mit Register und Supplementen. Damit die letzten sieben, die außerhalb der alphabetischen Reihenfolge der ersten sechs Bände erscheinen, auch schnell gefunden werden können, hat der Metzler Verlag dem Gesamtwerk einen Karton beigelegt, auf dem alle Lemmata aufgelistet sind. An diesem Detail zeigt sich nicht nur die Erfahrung des Metzler Verlages, sondern auch sein Enthusiasmus, denn er gestaltete den Karton abwaschbar, so dass er auch nach Jahren noch ansehnlich bleibt. Das Register ist nun eine eigene Großtat: So wird beim Personen-Werk-Register der Band, in dem das Stichwort erscheint fett gedruckt, ebenso beim folgenden Begriffsregister. Komplettiert wird dieser Teil mit einem Begriffsindex. Der siebente Band enthält dazu ein Verzeichnis sämtlicher Autoren und - das kann bei einem Werk dieser Größenordnung nicht ausbleiben - eine Liste der Korrigenda, die nun wirklich jeden falschen Buchstaben, jede falsche Deklination oder was sonst noch an Sprachunfällen möglich ist, aufzeichnen.
Für die ästhetische Gestaltung des Unternehmens war der Verlag Metzler zuständig, der auch hier einen klaren Blick zeigte. Grau, so heißt es bei Goethe, sei alle Theorie. Obwohl das Unternehmen theoretisch orientiert ist, schreiben alle Autoren anschaulich und in jedem Fall flüssig, klar und so gar nicht theoretisch trocken, sondern sie wecken Lust, auch für den inter-essierten Laien, sich mit Ästhetik zu beschäftigen. Grau ist die Grundfarbe des Einbands, an dessen obere rechte Ecke Ausschnitte aus der Kunst der abstrakten Moderne gesetzt wurden. Auch ästhetisch, sowohl außen als auch innen, im Schriftbild, genügt das Standardwerk hohen ästhetischen Maßstäben.

Die "Ästhetischen Grundbegriffe" sind ein Glücksfall, auch für zukünftige deutsch-deutsche Projekte und am guten Ende gilt es alle zu loben, die Redaktion in Berlin mit der Leiterin Martina Kempter und Dieter Kliche, die Redaktion in Frankfurt/Main mit Sandra Luckert und Volker Michel und den Verlag Metzler. Er hat wieder einmal Solidität gezeigt und sich für ein Projekt begeistert, dem nur eines zu wünschen bleibt, daß es möglichst viele Bibliotheken anschaffen und möglichst viele Privatleute kaufen. Alle Beteiligten haben es verdient, der Dank ist ihnen gewiß.
19.4.2006
Sigrid Gaisreiter
Ästhetische Grundbegriffe. Historisches Wörterbuch in sieben Bänden. 6 Bände Wörterbuch von A bis Z, 1 Registerband. Hrsg. Barck, Karlheinz /Fontius, Martin /Schlenstedt, Dieter /Steinwachs, Burkhart /Wolfzettel, Friedrich. Bd 6: Untertitel: Tanz bis Zeitalter. 900 S. 24 cm. Gb. Metzler, Stuttgart 2004. EUR 119,95
ISBN 3-476-01660-9
 
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