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Matthias Weischer. Simultan

Selten befragt man bei einer Publikation als erstes das Impressum nach dem Grafikdesigner. In diesen Fall schon und stößt dabei auf den Namen Markus Dreßer. Wahrlich kein Unbekannter in diesem Metier, erhielt er doch, so wirbt der Verlag Hatje Cantz, 2004 die Auszeichnung das ,Schönste Buch aus aller Welt’ gestaltet zu haben. Auch wenn dieser Titel in seiner Allmacht fragwürdig erscheint, das Cover ist nicht nur ein augenscheinliches, sondern auch ein haptisches Vergnügen. Geschickt wurde der Strichcode auf die Titelseite platziert, die man somit als vermeintliche Rückseite vermerkt, das Buch sogleich wendet und damit einmal den ‚Raum’ durchschreitet bzw. überblickt. Die äußere Folie schärft den Blick für das Innere – das Interieur. Ein zentrales Thema im Œuvre von Matthias Weischer, dem dieser Ausstellungskatalog mit dem Titel „Simultan“ gewidmet ist.
Weischer (*1973) ist ein Vertreter respektive einer der herausragenden Talente der Neuen Leipziger Schule; Meisterschüler bei Sighard Gille und seit 2004 darf er David Hockney zu seinen Mentoren (Rolex Protége Arts Initiative) zählen. 1995 nahm der in Westfalen geborene sein Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig auf, weil er sich der Traditionen handwerklicher Perfektion verbunden fühlte. Früh widmete er sich dem klassischen Sujet des Interieurs. Seine raffinierten Schaubühnen überzeugen durch durchdacht komponierte Einblicke in die vermeintliche Privatsphäre. Menschliche Figuren spielen keine, Mobiliar nur eine untergeordnete Rolle, vielmehr steht der Raum, die Fläche – in Staffelungen oder Brechung – im Fokus. Allein das wiederholt auftretende Motiv einer Matratze, ein Teppich oder Schuhe geben den Betrachter Hinweise auf einen anonymen Bewohner. Fenster und Türen fehlen gänzlich. Dafür finden sich geradezu hinreißende Details in der dekorativen und ornamentalen Flächengestaltung, die von zart hingehauchten Pinselstrichen bis pastos modellierten Farbkörper reichen. Dadurch wird dem Auge des Betrachters eine spannende Melange zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion geboten. Zudem besticht die Wahl seiner koloristischen Kontraste, die wunderbar ausgefransten Leinwandränder (die in den Katalogabbildungen nicht verloren gehen) sowie die kühle Ästhetik des Neorealismus.
Susanne Pfeffer, die für die gleichnamige Ausstellung im Künstlerhaus Bremen verantwortlich zeichnete, verfasste den dt.-engl. Text, den sie mit dem Kafka-Zitat titelt: „Jeder Mensch trägt ein Zimmer in sich“. In einem kurz gehaltenen Essay versucht sie, Weischers Interieurs zwischen den Darstellungen der Kartause des Heiligen Hieronymus sowie den ganz neuartige Blüten treibenden Reality-Shows zu verorten. Zentrales Thema ist die inszenierte Darstellung des häuslichen intimen Lebens unterschiedlicher historischer Epochen. Dabei versteht sie die von Matthias Weischer konstruierten Räume als innere Erlebnisräume, in denen die Zeit eingefroren erscheint. „Der Eindruck eines augenblicklich-monumenthaften Einblicks weicht dem Gefühl der Unzeitlichkeit“.
Dass Weischer der niederländischen Malerei verpflichtet ist, er sich intensiv mit Rembrandt (Selbstportrait, 2005) beschäftigt hat und sich zunehmend aus den isolierten Räumen befreit, seine Interieurs menschlichen Figuren öffnet, gleichzeitig jedoch seine Farbpalette zunehmend dunkler wird, lässt sich den neueren Arbeiten entnehmen. Im vorliegenden Katalog vereint findet sich das noch sehr zeitnah produzierte Frühwerk des bereits international anerkannten Künstlers: Werke der Jahre 2001-2004. Bestechend sind die großformatigen Abbildungen, die in ihrer Farbintensität den Originalen sehr nahe kommen. Dazu trägt in nicht unerheblichem Maße die Wahl unterschiedlicher Papiersorten bei, die das stete Blättern und das gezielte Eintauchen in eines der Interieurs zum reinen Vergnügen werden lassen.
17.5.2006
Martina Dlugaiczyk
Pfeffer, Susanne: Matthias Weischer. Simultan. Hrsg. Pfeffer, Susanne. 64 S., 48 fb. Abb. 32 cm. Gb. Hatje Cantz, Ostfildern 2004. EUR 29,80
ISBN 3-7757-1495-2
 
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