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Schönheit der Chance - positionen + tendenzen

Noch ein Band zu Kunst und Fußball.

Nein, eigentlich kann man es nicht mehr hören: Fußball und Kunst, Kunst und Fußball – eine im WM-Jahr etwas überstrapazierte Kombination. Dutzende von Ausstellungen und Büchern zum Thema haben uns ein wenig müde gemacht. Doch lohnt es sich dennoch in dem Band „Die Schönheit der Chance“ zu schmökern, dem Buch zu einem Ausstellungsprojekt, welches das Institut für moderne Kunst Nürnberg, der Nürnberger Kunstverein und das Kunsthaus Nürnberg bis zum 9. Juli zeigen.

In Buch und Ausstellung werden 26 Künstlerinnen und Künstler vorgestellt. Schnell fällt ins Auge, wie unterschiedlich die Konzepte und Medien sind: Fotografie, Zeichnung, Malerei, Skulptur, Installationskunst und filmische Arbeiten - die Kunst begegnet dem Fußball hier auf vielfältigste Art und Weise.

Etwa in den großformatigen Farbabzügen von Michael Wesely, der in riesigen Fußball-Arenen fotografiert. Zu sehen sind verschwommene Zuschauermassen, die vor stets leeren Spielfeldern sitzen. Man muss wissen, wie Weselys Bilder entstehen, um etwas Bemerkenswertes an ihnen zu finden: Er lässt die Blende seiner Kamera über die ganze Länge eines Spieles geöffnet, weswegen die sich bewegenden Spieler im Rasengrün verschwinden – und nur jene geisterhaft-verwischten Zuschauer nebst der unbeweglichen Stadion-Architektur im Bild zu sehen sind.

Könnte man Weselys Position als medienkritisch begreifen, so ist der Beitrag von Raymond Cuipers – ein 19minütiges Video-Dribbling des Künstler-Fußballers durch Holland – beseelt von der echten Liebe zum Sport. Irritierender die Kugelschreiber-Zeichnungen von Fumie Sasabuchi, die in Zeitschriftenbilder von Fußballspielern mit wissenschaftlicher Präzision die menschliche Anatomie einzeichnet. Zu sehen neben bunten, modischen Trikots also auch Wirbelsäulen, Beckenknochen, innere Organe und Muskelstränge – ein bisweilen recht gruseliger Anblick, der den Körper in seiner offenkundigen Verletzlichkeit vor Augen führt.

Die im WM-Jahr immer öfter beklagte Kommerzialisierung des Spektakel-Sports Fußball ist das Thema des Künstlers Ulrich Emmert. „Allen Fans, die nicht Prosecco trinken, keine VIP-Logen brauchen, die Ticketvergabepraxis bei der WM sowie die Überwachungsmaßnahmen im Stadion absurd finden, möchte ich ein Denkmal setzen“, sagt Emmert - und hat für die Ausstellung das in etwa lebensgroße Modell einer zerstörten Fankneipe gebaut – als „Monument einer fast vergangenen Zeit.“

„Schönheit der Chance“ stellt alle Positionen der Ausstellung vor, ergänzt um einen einführenden Text von Stephan Trescher und einige teilweise hervorragende literarische Miniaturen zum Thema Fußball - unter anderem von Sybille Berg, Ödön von Horváth und Ror Wolf.
3.6.2006


Marc Peschke
Die Schönheit der Chance. - positionen + tendenzen. Ausstellungskatalog. Hrsg. Institut für moderne Kunst Nürnberg. Beitr.: Roderic, Buchanan, Raymond Cuijpers, Josef Dabernig, Matthias Egersdörfer, Thomas Eller, Ulrich Emmert, Martina Essig, Jochen Flinzer, Michael Franz, Jochen Lüftl, Thmas Ganzenmüller, Greser & Lenz, Martin Hütter, Michael Kerkmann, Michel Klöfkorn, Andreas Krager, Claudia Kugler, Ingeborg Lüscher, Lutz & Guggisberg, M + M, Boris Mikhailov, Rainer Neumier, Jörg Obergfell, Susken Rostenthal, Fumie Sasabuchi, Fredder Wanoth, Michael Weseley. Texte v. Christophe Amman, Sibylle Berg, Helmut Böttinger, Thomas Heyden, Andreas Höll, Ödön von Horváth, Georg Klein, Stan Lafleur, Thomas Lang, Rainer Moritz, Andreas Neumeister, Stephan Trescher und Ror Wolf. 240 S., 200 fb. Abb., 17 x 23 Br., EUR 20,-
ISBN 3-938821-51-5
 
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