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Die Baroness und das Guggenheim. Hilla von Rebay - Eine deutsche Künstlerin in New York

Hilla von Rebay? Eine deutsche Künstlerin in New York? Die 1890 in Straßburg – als Tochter eines preussischen Generals – geborene, 1927 in die USA ausgewanderte Künstlerin, Kunstsammlerin, Förderin der gegenstandslosen Kunst im und nach dem 2. Weltkrieg und Mitbegründerin des Guggenheim-Museums, ist völlig in Vergessenheit geraten, und nur selten findet sie Erwähnung in der Literatur. Das zu ändern ist Absicht der vorliegenden, auf akribischen und langwierigen Recherchen beruhenden “kosmopolitischen Biographie“, geschrieben von einer promovierten Historikerin, die sich auf Lebensläufe deutscher USA-Auswanderer spezialisiert hat und die, als Moderatorin, Filmemacherin und -produzentin für ARD und ZDP tätig, auch einen Dokumentarfilm über Hilla von Rebay gedreht hat.

Nach dem Kunststudium in Paris und München, nach ersten Ausstellungserfolgen und der Begegnung mit Hans Arp und den Dadaisten in,X“ Zürich lernte die Malerin 1916 in Berlin im Kreis um Herwarth Walden mit seiner Galerie “Der Sturm“ Rudolf Bauer (1889—1953) kennen, einen zweitklassigen, heute unbekannten abstrakten Maler, der vor allem ein begabter Kandinsky-Epigone war. Rebay war fasziniert von Bauer, hielt ihn “für den größten lebenden Maler“, überzeugte ihn von seiner Genialität, förderte und verwöhnte ihn und setzte sich ihr Leben lang, auch noch nach ihrem endgültigen Bruch und nach seinem Tod entschieden für sein Werk ein. Aber Bauer war nicht nur ein großer Verehrer Kandinskys, er war auch “ein leidenschaftlicher Kämpfer für die Gegenstandslosigkeit. “Ihm verdankte sie ihre Liebe zur gegenstandslosen Malerei, die sie zu sammeln begann und von deren Wert sie Solomon R. Guggenheim, den sie 1928 kennenlernte, überzeugte. Wie die Rockefellers und andere Großindustrielle war auch der “Kupferkönig“ Guggenheim geneigt, sich ein bleibendes Denkmal zu schaffen. Er schätzte die deutsche Baroness, die in New York bereits erste Erfolge hatte mit ihren Gemälden und vor allem mit ihren eigenwilligen, dekorativen, aus unterschiedlichsten Papieren geschnittenen und geklebten Collagen, die allein Rechtfertigung genug wären für Rebays Wiederentdeckung.

Mit dem 30 Jahre älteren Guggenheim verband sie bis zu seinem Tod 1949 eine “tief empfundene Zuneigung“, eine auf Vertrauen und Loyalität gegründete Freundschaft. In seinem Auftrag und mit ihm gemeinsam auf Europareisen kaufte sie Bilder von Kandinsky, Klee, Moholy-Nagy, Gleizes, Mondrian u.a., vor allem aber von Rudolf Bauer – eine Überschätzung, die ihr viel Kritik eintrug – und baute im Laufe der Jahre eine einzigartige Sammlung auf. Und sie regte Guggenheim, sehr zum Ärger seiner Familie, zur Einrichtung eines Museums an. Das 1939 in einem ehemaligen Autohaus mit der Ausstellung “Art of Tomorrow“ eröffnete “Museum of Non-objective Painting“ mit Rebay als Direktorin war der Vorläufer des archiktektonisch aussergewöhnlichen Rundbaus von Frank Lloyd Wright an der Fifth Avenue, dessen Einweihung 1959 die nach Solomons Tod von seiner Familie abgesetzte und verabschiedete Hilla nicht erlebte.

Sie starb 1967 in der Abgeschiedenheit ihres Wohnsitzes “Pranton Court“ in Connecticut.
Sehr engagiert und überaus fesselnd, ein immenses Quellenmaterial ausschöpfend beschreibt Sigrid Faltin das Leben und die Leistung Hilla von Rebays, einer faszinierenden Frau, die sich bedingungslos der gegenstandslosen Malerei verschrieb und energisch und unerschrocken ihr großes Ziel, die Einrichtung eines Museums für diese Kunst, verfolgte, einer ebenso starken, schwierigen und exzentrischen, wie charmanten, temperamentvollen, hilfsbereiten und sensiblen Frau und Künstlerin, die gleichermaßen bewundert wie angefeindet wurde. Ihre Sympathie für ihre Protagonistin nicht verhehlend sucht die Autorin behutsam, aber nicht unkritisch nach den Gründen für Rebays unverständliche Überschätzung Bauers und definiert ihn als ihre “Lebenslüge“, bemüht sich aber auch redlich um eine faire Betrachtung des Malers – allerdings selten mit positivem Ergebnis.

Darüber hinaus beleuchtet diese Doppelbiographie die Situation der Klassischen Moderne vor allem seit 1933 in Deutschland und in den USA, die schwierige Lage und die Überlebenskämpfe vieler als “entartet“ verurteilten und einiger emigrierter Künstler, Rebays von Guggenheim gebilligten Unterstützungsbemühungen und Hilfsaktionen, schließlich die Ablehnung, auf die die abstrakte Kunst – als Folge der NS-Erziehung im zerstörten Nachkriegsdeutschland vielfach stieß. Entstanden ist eine informative, lebendige Darstellung mit einer Fülle von interessanten Einblicken in die europäische und die New Yorker Kunstszene in den 1930er und -40er Jahren.

Dieses Buch, der o.a. Dokumentarfilm und eine Gedächtnisausstellung “Art of Tomorrow“ mit Gemälden aus der Guggenheim-Sammlung und Collagen von Rebay 2005/06 in München und im Sommer 2006 in Berlin entdecken eine Künstlerin und Mäzenin wieder, mit deren Namen das Guggenheim-Museum immer verbunden bleiben wird – “wenn man die wahre Geschichte des Guggenheim erzählt.“
17.8.2006
Christa Chatrath
Faltin, Sigrid: Die Baroness und das Guggenheim. Hilla von Rebay eine deutsche Künstlerin in New York. 300 S., zahlr. Fotos, fb. Abb. Gb. Libelle Lengwil-Oberhofen, 2005. EUR 22,80
ISBN 3-909081-45-2
 
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