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Bild und Erkenntnis. Formen und Funktionen des Bildes in Wissenschaft und Technik

Die Natur-, Technik- und Lebenswissenschaft arbeitet heute mehr denn je mit Bildern. Der Unterschied zum Bild in der Kunst ist einerseits fundamental, hat das Bild dort einen autonomen Status, andererseits betonen die Herausgeber des vorliegenden Bandes "Bild und Erkenntnis" seien Bilder, wie in der Wissenschaft, auch instrumentell verstanden worden. Letzteres trifft vielleicht auf den vormodernen Umgang mit Bildern in Kunst zu, generell aber erreicht das Bild in der Wissenschaft nie autonomen Status. Dem Bild, so auch die Herausgeber, komme in der Wissenschaft nicht der Status eines Originals zu, vielmehr seien sie "Verbrauchsbilder". Zu dessen Aufgabe, Forschungsergebnisse zu illustrieren, tritt die Funktion hinzu, Informationen mit hoher Aussagekraft zu liefern. Sie dienen, so die Herausgeber weiter, der "Vergegenständlichung der Wissenskonkretion und Formung, der [oft nur temporären] Wissensdokumentation, der Fixierung und Vermittlung, der Strukturierung und Klärung, als Analyseinstrument, Argument, Beweismittel und zur Legitimation."

Aus rund 80 Fachrichtungen der RWTH Aachen trugen Andreas Beyer, bis 2003 Direktor des Instituts für Kunstgeschichte der RWTH und der wissenschaftliche Mitarbeiter Markus Lohoff, Ergebnisse zum Stand des Ausdrucks von Bildern in den Wissenschaften in einem interdisziplinären Projekt zusammen. Der Band wurde in drei Teile gegliedert. Zunächst skizzieren Vertreter verschiedener Forschungsbereiche ihre fachspezifische Auseinandersetzung mit dem Bild im Hinblick auf Bildverständnis, -interesse und -bedürfnis, wobei Natur und Technik eigene ästhetische Prinzipien besitzen, die im Wissenschaftsprozess bzw. bei Diagnostik und Therapie erläutert werden. Der zweite Teil listet Beispiele zum Bildgebrauch aus sieben For-schungsfeldern der RWTH auf: 1) Werkzeuge und Maschinen, Verfahren; 2) Energie und Umwelt; 3) Mobilität und Verkehr; 4) Stoffe, Materialien, Werkstoffe; 5) Architektur und Bauingenieurswesen; 6) Information und Kommunikation und 7) Life Sciences und zeigt den Reiz und die Bedeutung bildgebender Verfahren, die sich in jüngster Zeit enorm entwickelt haben und die deshalb, im Unterschied zu früher, ein Mehrfaches an Information und sogar Interaktivität bieten. Der dritte Teil widmet sich deshalb anhand eines umfänglichen Glossars den eingesetzten Visualisierungstechniken in den verschiedenen Forschungsfeldern: 1) Beobachten und Reproduzieren, z.B. mit der Bronchoskopie, 2) Sondieren mit Bewegungsbildern oder der Angiographie, 3) Simulieren mit der Particle-in-Cell-Methode, 4) Konstruieren/Rekonstruieren mit Computer Aided Engineering und 5) zur Veranschaulichung benutzt man ein selbst entwickeltes 3D-Oberflächendiagramm.

Form und Inhalt, am Beispiel dieser Publikation kommen sie kongenial zusammen. So entwickelte einer der Herausgeber, Markus Lohoff, ein raffiniertes Layout. Dem jeweiligen Textbeitrag aus einem Fachgebiet werden am rechten oberen Bildrand, dargestellt in einer mit fünf Grautönen abgestuften Leiste, die dort eingesetzten Visualisierungstechniken zugeordnet, so dass über diese Visualisierung von Visualisierungstechniken bequem im Glossar nachgeschlagen werden kann. Eine umgekehrte Suche ist aber auch möglich und es gelingt mühelos, ausgehend von einer Visualisierungstechnik, deren Verwendung in den unterschiedlichen wissenschaftlichen Arbeits- und Forschungsfeldern aufzusuchen.

Viel klagen Wirtschaft und Politik über nachlassendes Interesse an Natur- und Ingenieurswissenschaften. Dass Wissenschaft ungemein spannend sein kann, dazu trägt dieser Band sehr viel bei. Der Band gibt allgemeinverständliche Einblicke zur Bedeutung des Bildes in der Wissenschaft und zu Forschungsarbeiten an der RWTH und er lädt zum selbst Weiterschauen ein, denn ihm wurde eine CD-ROM beigelegt. Auf dieser können die Bilder noch viel besser als im Buch darstellbar, laufen, Wissenschaftsprozesse und deren Abbildung werden so nachvollziehbar.

Traditionsreichen Verlagen wird gern ein Mäntelchen des Altbackenen umgehängt, ein Vorurteil, denn einer der traditionsreichsten deutschen Kunstverlage, der Deutsche Kunstverlag, hat sich mit dieser Publikation einen Innovationsstern verdient und ganz, zusammen mit Markus Lohoff, auf "Intelligent Design" gesetzt, der auch für manchen Künstler, die sich zunehmend auch mit wissenschaftlichen Bildern beschäftigen, Anregungen bereithält.
1.10.2006



Sigrid Gaisreiter
Bild und Erkenntnis. Formen und Funktionen des Bildes in Wissenschaft und Technik. Hrsg. v. Beyer, Andreas /Lohoff, Markus. 560 S., 110 sw. u. 816 fb. Abb. 28 x 21 cm. Deutscher Kunstverlag, München 2006. Pb EUR 49,00
ISBN 3-422-06463-X
 
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