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Hans Bellmer - Der Körper als Kampfzone

Der Körper als Kampfzone: Ein neues Katalogbuch über Hans Bellmer

„Ein Balkon in der Nacht. Ein Mann schärft sein Rasiermesser in der Nähe eines Balkons. Der Mann betrachtet durch die Fensterscheibe den Himmel und sieht ... Eine leichte Wolke, die sich dem vollen Mond nähert. Dann der Kopf eines Mädchens mit weitaufgesperrten Augen. Eine Rasierklinge bewegt sich auf eines dieser Augen zu. Die leichte Wolke zieht jetzt am Mond vorüber. Die Rasierklinge fährt durch das Auge des Mädchens und schneidet es entzwei."
Die Einleitungssequenz aus dem Drehbuch des 1928 entstandenen Films „Un Chien Andalou" von Luis Buñuel und Salvador Dali ist an Drastik kaum mehr zu überbieten. Doch ist sie mehr als bloß schockierend: Sie ist Höhepunkt des surrealistischen Films und Metapher für die funktionale Bedeutung des weiblichen Körpers im Surrealismus: als Ort, als Kampfzone, an dem die künstlerische Avantgarde traditionelle Darstellungsformen herausfordert. Der Inbegriff des Filmschock ist exakt dieser Moment: Das Auge einer (schönen) Frau wird zerschnitten, ihre Augen werden „geöffnet”. Doch nicht Blindheit ist die Folge, sondern - nach surrealistischem Verständnis – „der Blick nach Innen”.
Eines der schärfsten und verstörendsten künstlerischen Zeugnisse jenes schneidenden Blicks sind die fotografischen Puppeninszenierungen des 1902 in Kattowitz geborenen und 1975 in Paris verstorbenen Künstlers Hans Bellmer, der seit den frühen neunziger Jahren in Kunst- und Fotogeschichte eine beeindruckende Renaissance erlebt hat.
Gegen Ende des Jahres 1933 konstruiert Hans Bellmer seine erste Puppenfigur, die er sogleich fotografisch inszeniert. Die erste Fotoserie „Zehn Konstruktions-Dokumente" erscheint 1934 in der surrealistischen Zeitschrift „Minotaure“. 1938 emigriert Bellmer von Berlin nach Paris. Erst 1949 kann er seine zwischen 1935 und 1937 entstandene zweite Fotoserie „Die Spiele der Puppe", – angefertigt mit einem zweiten, stark veränderten Puppenmodell – publizieren.
Die erste Puppenkonstruktion Bellmers steht am Anfang eines Werkes, das sich ausschließlich mit der Inszenierung des weiblichen Körpers beschäftigen wird - in Zeichnung, Druckgrafik und vor allem in der Fotografie. Die Puppenmodelle Bellmers sind Ausgangspunkt eines obsessiven Œuvres, in dem Kunst und Leben zusammenfallen. Das Denken des Künstlers kreist einzig um eine Idee: die Inszenierung des weiblichen Körpers in der Verkörperung seines Stellvertreters, der Puppe.
Seit einer von Wieland Schmied 1967 in der Kestner-Gesellschaft in Hannover gezeigten Schau war Hans Bellmer nicht mehr in größerem Rahmen in Deutschland zu sehen. Jetzt ist der sagenumwobene Surrealist in der Münchner Pinakothek der Moderne zu bewundern - eine vom Centre Pompidou übernommene Schau, die längst überfällig war und von einem opulenten Katalog begleitet wird, der sowohl das fotografische als auch das zeichnerische Werk des Künstlers vorstellt.
Doch so sehr man sich über diese Wiederentdeckung freut, über die gut gedruckten Bilder auch, so sehr wundert man sich beim Lesen der drei Katalogtexte. Denn diese lassen – um es kurz zu machen - gute zwei Dekaden Forschung vollkommen unberücksichtigt.
Wieland Schmieds Beitrag „Der Ingenieur des Eros“ erzählt von den vielen Begegnungen des Kunsthistorikers mit dem Künstler. Ein schöner, persönlich gehaltener Text, der dem Buch als Einführung gut zu Gesicht steht. Doch weder hier, noch in dem Kurztext von Alain Sayag, „Bellmer, wozu Fotografie?“, wird der Versuch unternommen, den Einfluss Bellmers auf die nachfolgenden Künstlergenerationen darzustellen, den Diskurs über dieses so phänomenale Werk wiederzugeben, ja nur anzudeuten.

In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich die Literatur zum fotografischen Werk Bellmers mehr als verdoppelt, der Künstler wurde in vieldiskutierten thematischen Gruppen- und Einzelausstellungen in Deutschland, Europa, vor allem aber in den USA gezeigt, die Preise für seine Fotoarbeiten kletterten in ungeahnte Höhen - er wurde zum Angelegenheit all jener, die sich mit dem Thema der Darstellung des weiblichen Körpers in der Fotografie des 20. Jahrhunderts beschäftigten.
Bellmers Beitrag zur Idee des „Anagrammatischen Körpers“ – so der Titel einer Gruppenausstellung im Karlsruher ZKM im Jahr 2000 –, sein Einfluss auf zeitgenössische Künstler wie Cindy Sherman, Paul McCarthy oder Jake & Dinos Chapman, sein Beitrag zur surrealistischen Fotografie, die Rezeption Bellmers in der Genderforschung, all das ist in kunstwissenschaftlichen Aufsätzen und Publikationen - etwa bei Marvin Altner, Pierre Dourthe, Therese Lichtenstein, Birgit Käufer oder Sue Taylor - diskutiert worden.
Doch Wieland Schmied verzichtet gleich ganz darauf Sekundärliteratur zu zitieren, Alain Sayag hat zwar Pierre Dourthe (1999) gelesen, die andere zeitgenössische Literatur findet aber keinen Eingang in seinen Kurztext. Auch Agnès de la Beaumelles Beitrag „Hans Bellmer: Puppenspiele und Zeichensprache“ ist ernüchternd: Bellmers Rezeption von E.T.A. Hoffmanns „Sandmann“, den Einfluss Sigmund Freuds – all das wurde bereits in den sechziger und siebziger Jahren von vielen Autoren formuliert.
Die Ignoranz, mit welcher das Begleitbuch zur Ausstellung dem zeitgenössische Denken über Bellmer begegnet, ist so vollkommen, das konsequenterweise auch auf eine Bibliografie verzichtet wurde. Doch damit ist eine Gelegenheit vertan: Nämlich die, Hans Bellmer in einer großen Publikation auch dem interessierten Laien als einen Künstler zu präsentieren, der Fragen stellt, die uns heute bewegen.
Doch auch entscheidende werkimmanente Fragen werden in dem von Michael Semff und Anthony Spira herausgegebenen Band kaum diskutiert – oder im besten Falle nur gestreift. Etwa die Veränderung der ersten zur zweiten Fotoserie: Bellmer beschränkte sich hier nicht mehr darauf, die Körperteile zu demontieren und zu destruieren - statt dessen wuchert der jetzt maschinisierte Puppenkörper über die eigenen anatomischen Grenzen hinaus. Von der „Reinheit und Zerbrechlichkeit" der ersten Puppe war nichts geblieben.
3.11.2206

Marc Peschke
Hans Bellmer. Text v. Beaumelle, Agnès de la /Sayag, Alain /Schmied, Wieland. Hrsg. v. Semff, Michael /Spira, Anthony. 296 S., 297 meist fb. Abb., 28 x 23 cm. Hatje Cantz, Ostfildern 2006. Gb. EUR 45,00
ISBN 3-7757-1793-5
 
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