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Manhattan und die Erfindung der Gegenwartskunst

New York New York

Wie entsteht ein Mythos? Eine Geschichte muss nur oft genug erzählt werden. Dass New York in den 1940er und 50er Jahren zum Zentrum zeitgenössischer Kunstproduktion wurde, diese Geschichte füllt mittlerweile ganze Regale. Der New Yorker Kunstkritiker Jed Perl fügt dem jetzt einen gewichtigen Band hinzu. Dessen Originaltitel, „New Art City. Manhattan at Mid-Century“, setzt auf weniger Pathos als die sinnlose deutsche Version des Untertitels „Manhattan und die Erfindung der Gegenwartskunst“. Doch die Problematik der Übersetzung führt mitten in die Erfolgsgeschichte der New Yorker Kunst. „Wie New York die Idee der modernen Kunst gestohlen hat“ lautet der reißerische Buchtitel Serge Guibaults (Dresden: Verlag der Kunst 1997), der kaum zu überbieten ist. Allerdings hatte Guilbaut auch das Ziel die Entstehung des Mythos darzustellen und vor allem die politischen Hintergründe offen zu legen: wie die gegenstandslose und abstrakt-expressive Kunst von den USA im beginnenden Kalten Krieg instrumentalisiert wurde. Damit wurden die frühen US-amerikanischen Mythenschreiber als mehr oder weniger unfreiwillige Mitarbeiter der Regierung und nicht zuletzt der CIA entlarvt. Zugleich schrieb Guilbaut eine Geschichte des nach 1945 sich neu etablierenden Betriebssystems Kunst, wenn er in einer Kapitelüberschrift seinen Buchtitel präzisierte und davon spricht „Wie New York das Konzept der modernen Kunst gestohlen hat“. Die Verbindung von nicht zuletzt politisch motivierten Geldgebern, Sammlern, Galeristen, Publizisten und einer experimentierfreudigen Bohème ermöglichte den Erfolg.

Jed Perl schreibt weder diese politische noch eine sozialhistorische Geschichte fort. Er, Jahrgang 1951, hat das Talent, wie ein Augenzeuge von den Treffen und Diskussionen der New Yorker Bohème zu berichten. So entstand eine weitere Geschichte der New Yorker Kunst, die jedoch subjektiver und scheinbar intimer ist, als die der eigentlichen Augenzeugen wie etwa Thomas Hess. Der Mythos lebt, könnte man also sagen, aber Perl setzt durchaus ungewöhnliche Akzente und schreibt eben nicht nur eine Geschichte des Abstrakten Expressionismus, wie sie so oft geschrieben wurde und wie sie Guilbaut zuletzt dekonstruiert hat.

Nicht Jackson Pollock ist der zentrale Held in Perls Kapiteln über die Abstrakten Expressionisten, sondern Willem de Kooning und sein engerer Freundeskreis. Nicht Andy Warhol steht im Mittelpunkt seiner Beschreibung der Jahre um 1960, sondern der versponnene Joseph Cornell, der zum Ideengeber der Pop Art wurde. In einer ausführlichen Einleitung wird Hans Hofmann als Lehrer und auch als Künstler vorgestellt, der als Vaterfigur der amerikanischen Kunst nach 1945 meist nur am Rande erwähnt wird. Während in den Geschichten des Abstrakten Expressionismus gerne die Emanzipation der US-amerikanischen Kunst von der europäischen betont wird, beschreibt Perl zumindest am Rande immer wieder die vielfältigen Verbindungen, die zur europäischen Kunst bestanden.

Perls kennerhafter Tonfall führt zu manch befremdlichen Fraternisierungen mit seinen Protagonisten, wenn etwa aus Alexander „Sandy“ Calder wird, der dann auch prompt dem fleißigen Registerschreiber entging. Der kumpelhafte Ton und das wiederholte Abgleiten in Klatschgeschichten zeigen, dass der Autor oft mit Haut und Haar in seinem Gegenstand aufgeht. Diese lebendige Nähe ist eine Qualität des Buches. Aber Geschichtsschreibung ist etwas anderes als Mythenschreibung, und Perl lässt eben oft die heute angebrachte Distanz zum Gegenstand, den Selbststilisierungen der Künstler, vermissen. Erfreulich ist jedoch, dass er nicht nur die Heroen behandelt, sondern die ganze Bandbreite der Kunstszene, mit vielen in Europa kaum oder gar nicht bekannten Namen. Die Photographen werden dabei nicht nur als Dokumentaristen behandelt, sondern wie die Dichter und Schriftsteller als gleichwertiger Teil einer offenen Kunstszene. Perl ist an der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen interessiert und stellt Jackson Pollock neben den jungen Ellsworth Kelly, Nell Blaine neben Joan Mitchell. Angesichts der vielen (kleinen) Abbildungen bei uns oft unbekannter Bilder hätten sich jedoch deutsche Leser sicherlich Angaben zum Standort der Werke und Maße in Zentimeter gewünscht.

So liegt nun eine sehr amerikanische Geschichte der Kunstentwicklung in New York nach 1945 vor, die dennoch in keiner Weise nationalistisch ist. Perl interessiert weniger, dass und wie die Ecole de Paris entthront wurde, er beschreibt vielmehr die Netzwerke der New York School. Sein Buch ist damit gleichermaßen eine umfassende Einführung wie ein spannender Hintergrundbericht einer der heißen Phasen der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts.
6.3.2007


Andreas Strobl
Perl, Jed: New Art City. Manhattan und die Erfindung der Gegenwartskunst. Aus d. Engl. v. Trobitius, Jörg. 720 S. 24 x 17 cm. Gb. Hanser, München 2006. EUR 39,80
ISBN 3-446-20778-3
 
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