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Bild-Anthropologie. Entwürfe für eine Bildwissenschaft

Die philosophische Anthropologie untersucht die körperlich-geistige Doppelnatur des Menschen. Von ihr ausgehend kreiert Hans Belting den Begriff einer Bild-Anthropologie, die das Körperbild als Menschenbild zum Gegenstand nimmt. Belting stellt seine Bild-Anthropologie erklärtermaßen ins emotional-rezeptive Feld und widersetzt sich damit der herrschenden Ausgangsbasis. Es ist immer noch üblich, bei technischen Bildern lieber die Produktionsweise zu beschreiben, als sie im medialen Dialog mit einem Betrachter zu sehen, der seine Bildwünsche auf sie überträgt. Den letzteren Weg schlägt er als seinen Ansatz ein.
Um dreierlei geht es: Welche Wünsche an Selbstrepräsentation bringt der Dargestellte ein, welche Wünsche an Erinnerung an den anderen werden aufgeworfen (dies oftmals bereits aus der Auftraggeber-Perspektive) und welche Nachlebens- oder Sterbe-Erinnerung bringt die Aura des dargestellten Verstorbenen selbst mit ins Bild ? Und gerade die dritte Frage erscheint konstitutiv: Denn es geht um Bildnisse, die „nach dem Leben“, also zeitgenössisch gemacht worden sind, es geht aber auch sehr oft um Sterbeerinnerung, aber zuallererst geht es um das tertium comparationis, das schon anonym gewordene , jedenfalls nicht mehr persönlich erinnerte Nachleben im Bild.
Beltings Bild-Anthropologie begreift die großen menschheitsgeschichtlich eschatologischen Bildzyklen ebenso als ihr Material (Botticellis Dante-Illustrationen oder Masaccios Brancacci-Kapelle), wie sie auf das anonym gebliebene biedermeierliche Familienphoto des Vaters mit seinem toten Töchterchen auf dem Arm zurückgreift oder auf den im offenen Sarg aufgebahrten Trapper mit seiner Büchse.
Anthropologie heißt für manche Kulturkreise nicht nur die Entwicklung menschlicher Kultureigenschaften insgesamt, sondern auch, und den Begriff zugleich einschränkend, die Erforschung archaischer Kulturstufen, die wir gerne als vorgeschichtlich bezeichnen. Belting ist sich dieser Zweischneidigkeit des Begriffs bewußt, ohne jedoch eine gegen die andere auszuspielen, ja sogar im Versuch, die eine über der anderen nicht zu vernachlässigen. Hierzu mag ein gewisses Interesse an Randbereichen der Bildkultur beitragen, die weder die Hochkunst, noch die klassische Avantgarde, noch gar die gerade gehandelten Tendenzen betrifft. Und Belting greift sehr weit aus (nicht nur, aber auch prähistorisch, ebenso etwa völkerkundlich), wobei man gewisse Vorlieben zu erkennen glaubt.
Das „Bildnis in effigie“ gehört dazu, als Statthalter für den verblichenen Dynasten in interimistisch herrschaftsloser Zeit und zur Überbrückung für die kurze Phase bis zur Deklarierung des Nachfolgers bestimmt. Schon Julius von Schlosser hatte 1911 dem „in effigie“-Porträt in Form von Wachsbildern besondere Aufmerksamkeit gewidmet und damit die Bild-Anthropologie eigentlich sogar begründet. Das Andenkenbild gehört ebenso zu Beltings Lieblingsobjekten, sei es als Oblate, die einen verstorbenen Baseballspieler darstellt, sei es als Totenbild aus dem Internet, so etwa der Guru der Sekte „Heaven´s gate“ mit noch im Tod werbendem Lächeln.

„Der natürliche, sterbliche Körper tritt seine Repräsentation an einen Bildkörper ab,“ (S. 99) dies scheint eine der Hauptaussagen des Buches zu sein. Getragen vom Kultbild, vom Schädelidol, vom ägyptischen Totenwächter, von der römischen Wachsmaske, vom Ahnenkult insgesamt überhaupt, wie er sich in Totenschilden und genealogischen Tafeln manifestiert, kulminiert die historische Reihe in jenem Photographen, der als letzten Blick, seine eigene Erschießung photographiert.
Wenn ich Belting richtig verstehe, überdauert im Bild weder der einst Lebende, noch der inzwischen längst Verstorbene, weder das nec ipsum noch das simulacrum. Jenes tritt die Präsenz des Lebenden, dieses aber auch den Verlust des Toten an ein bloßes Bild ab. Insofern ist der Begriff Bild-Anthropologie sicher wörtlich zu nehmen (und aller Zweifel Beltings zum Trotz eine treffende Wahl): Das Bild hat die Funktion übernommen, die gewesenes oder noch gegenwärtiges Leben gehabt hat oder noch hat. Das lebende Gedächtnis wird gegen künstliche Gedächtnisse ausgetauscht, die vom jordanischen Totenidol aus dem 7. Jahrtausend vor Christi Geburt bis hin zur Bildeinlagerung des Verstorbenen im Cyberspace dem Toten seine Präsenz in der Gemeinschaft der Lebenden erhalten sollen. Dies aber nicht vermögen, denn: Nur lebende Wesen können sich erinnern. Bildwerke verdoppeln nur den Tod. Die Unfähigkeit der Bilder, die Abwesenheit des Toten durch ein Bild zu füllen, fängt für Belting dort an, wo die kultische und hierarchische Symbolkraft des Bildes gebrochen zu sein scheint: Und das ist für ihn mit dem Auftreten der Photographie der Fall. Die Krise kann sich darin zeigen, daß es keine allgemein akzeptierten Bilder mehr gibt, aber auch darin, daß nur noch die Bilder vorhanden sind, die die Realität der Körper unserem Blick entziehen, um sie als Bilder aufzulösen. Die Krise der Bilder ist also auch und eigentlich eine Krise der Körper. Während das 20. Jahrhundert ein Jahrhundert ideologischer Konstruktionen (und wir fügen hinzu: Dekonstruktionen) von Körpern war (Belting führt den NS-Körperkult und die Massenvernichtung an), so könnte das 21. Jahrhundert ein Jahrhundert biologischer Konstruktionen werden (er nennt die Gentechnik und die Ausstellung „Körperwelten“). Das Buch entwirft hier eine Perspektive, der es sich selber nicht ganz zu entziehen scheint, denn der metaphysische Aspekt des Bildes vom Körper als eines Gegenstandes der Kontemplation und Verehrung, wie er etwa im Reliquienkult oder in der Bildverehrung stattfindet, wird zwar gestreift, aber nicht allzu sehr vertieft. Der weder religiös noch transzendent gerichtete Blick auf alle das Menschenbild wiedergebenden Bildwerke, die sich des menschlichen Körpers in abbildender Aneignung annehmen bis bemächtigen, quer durch alle Bild-Medien, bleibt Beltings Feld. Daß diese „Körperwelten“ einige leisere Töne wohl vertragen hätten, empfindet der Rezensent: Alle Arten temporärer Entrückung, wie etwa Vision, Traum oder Ekstase werden zwar angesprochen werden, sind aber bildlich kaum präsent. Die nicht im Buch befindliche Daguerreotypie der nahezu erblindeten Dichterin Annette Droste-Hülshoff, die nicht mehr lesen kann und dennoch nichts als zu lesen scheint (um ein mir gerade einfallendes Beispiel zu nennen) ist für mich aufregender, als die leere Kino-Leinwand, auf der sich die verschiedensten Filme abgespielt haben können, es je sein kann.
19.4.2007


Jörg Deuter
Belting, Hans: Bild-Anthropologie. Entwürfe für eine Bildwissenschaft. 278 S., 180 sw. Abb. (Bild u.Text ) Pb. Wilhelm Fink, Paderborn 2005. EUR 25,90
ISBN 3-7705-3449-2
 
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