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Kontingenz und Inspiration - Die Faszination der Kunst

Wer jemals in seinem Leben von den Zumutungen der Systemtheorie Niklas Luhmanns gekostet hat und sich
von den paradiesischen Früchten des Baumes der Erkenntnis und von der grauen Theorie sozialer Systeme ernährte, der begreift während der Lektüre von Dominik Paß "Bewusstsein und Ästhetik", wie heute die „Beobachtungshölle“ (P. Sloterdijk) der Moderne permanent und in zunehmendem Argumentationstempo ausdifferenziert wird. Der 1970 geborene Autor legt mit dieser Arbeit eine Untersuchung vor, die, auf hohem
(system-) theorietechnischen Niveau argumentierend, einerseits die hohen Ansprüche der Systemtheorie Luhmanns auf eine quasi sinnliche Augenhöhe, nämlich die des Bewusstseins, zurück schraubt. Anders als Luhmann, der im Kunstwerk ein spezifisch soziales, nämlich Kunst kommunizierendes System verkörpert sah, dessen Funktion er in der Herstellung von Kontingenz und entsprechenden Kunstbeobachtugngen erster und zweiter Ordnung sah (dem Uneingeweihten sei die Lektüre von Luhmanns „Die Kunst der Gesellschaft“ nach wie vor empfohlen), schaltet Paß einen Gang zurück und stellt sich die Frage, die wohl viele Leser von Luhmanns 1995 veröffentlichter Untersuchung schon lange gequält haben mag. Kunst, so der Autor, entstehe im Augenblick der Beobachtung. Das Werk werde für den beobachtenden Beobachter zu einem Phänomen des Bewusstseins – mithin heiße das jedoch nicht, dass sich das Werk vom Betrachter nicht unterscheiden könne. Im Gegenteil. Theorie und insbesondere die Systemtheorie Luhmanns und Dirk Baeckers benutzt der Autor nun, um en detail zu untersuchen, wie die Kontingenz des je eigenen Bewusstseins in ästhetischer Hinsicht charakterisiert werden könnte. Kunst werde in dieser Perspektive nicht wie früher als „kommunikatives Artefakt“ beobachtbar, sondern provoziere, so Paß eine zusätzliche Annahme: das Werk interessiert heute als Kunstwerk dann und besonders, wenn es „das Bewusstsein in dieser Form fasziniert und bindet.“ Nicht die mäßige Originalität dieser und anderer Überlegungen ist es, was diese Untersuchung zu einem über weite Strecken spielerischen Durchmarsch durch systemtheoretisch geflutetes Gebiet macht, sondern offensichtlich auch die unbeschwerte Inspiration, die die Auseinandersetzung mit Luhmanns Theoriedesign heute immer noch heraufbeschwört. Ein Sinn bzw. eine Option, der Systemtheorie liegt offensichtlich auch in der Option es anders zu versuchen als der Meister aus Bielefeld es vorgedacht hatte.

Auch wenn einige Abschnitte dieser Untersuchung einem hochartistischen Spiel auf dem Drahtseil avancierter Theorietechnik ähneln (etwa die Ausführungen zum Thema „Brisuren“, S. 392), so eigenartig altmodisch wirkt dann der Versuch, mit der Kategorie der Faszination die Phänomene eines die Kunst erlebenden Bewusstseins zu erhellen. Wesentlich anregender lesen sich dann jedoch die Ausführungen, die die medialen Effekte und Wirkungen von spezifischen Wirklichkeiten betreffen, die heute als Momente ästhetischer Differenzen wahrnehmbar werden: etwa die Muster der Repetition, die in Form des Loops bereits tief in unser Bewusstsein eingedrungen sind, oder auch die „phonetische Poesie“ (S. 425 ff.), deren zirkuläres Operieren mit den Operationsweisen des Bewusstseins in Beziehung gesetzt werden. Am Ende fragt sich der Leser trotz aller intelligent vorgetragenen Theoriefragmente dann doch, wieso der Autor eine Kategorie des 20. Jahrhunderts nicht unter ästhetischen Aspekten befragt hat: die Kommunikation. Dass Dirk Baeckers „Form und Formen der Kommunikation“ (2005) nicht rezipiert wurde, schmälert nicht den Gewinn, mit dem der Rezensent dieses relativ gut lesbare Werk studiert hat. Wenn man sich mit Dirk Baecker heute Kommunikation als einen technisch erzeugten Ort zurechnender Beobachtungen von Selektionen darstellt, dann läge doch die Frage nahe, wie eigentlich unterscheidbar heute das Bewusstsein von Kommunikation und das Kommunizieren von lebendigem Bewusstsein geworden ist.
4.5.2007
Michael Kröger
Pass, Dominik: Bewusstsein und Ästhetik. Die Faszination der Kunst. Vorw. v. Fuchs, Peter. 492 S., 1 CD 20 x 14 cm. Pb. Aisthesis, Bielefeld 2006. EUR 45,00
ISBN 978-3-89528-588-2
 
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