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Black Paris - Paris Noir: Kunst und Geschichte einer schwarzen Diaspora

Paris, das ist, wie der Volksmund sagt, die Stadt der Liebe und der Lichter. Der Ort, an dem sich die europäische Kultur- und Kunstgeschichte, vor allem die des 20. Jahrhunderts, in einer kaum vergleichbaren Art und Weise zur Essenz verdichtet. Doch Paris ist schon lange mehr als eine europäische Kapitale. Paris ist - und das macht diese Stadt einzigartig - eine Enklave Afrikas in Europa. Jeder fünfte des etwa 12 Millionen Einwohner zählenden Großraums Paris hat afrikanische, karibische oder afroamerikanische Wurzeln. Black Paris, Paris noir: An keinem Ort in Europa ist man Afrika so nah wie hier.

Die Geschichte des Black Paris ist ein Text, der sich immer weiter fortschreibt. Sie beginnt mit der kolonialen Selbstinszenierung Frankreichs, führt über die Begeisterung und Euphorie, mit der die Avantgardekunst des frühen 20. Jahrhunderts die traditionelle afrikanische Kunst, die „art nègre“ entdeckte - hin zu den vielfältigen Strömungen der Jahrhundertmitte. All das ist Black Paris - vor allem aber schillert das schwarze Paris der Gegenwart, die kaum überschaubare afrikanische Kunst-, Mode- und Musikszene der Stadt, die jetzt erstmals Thema einer großen Ausstellung ist: „Black Paris“ heißt die Schau, die am Iwalewa-Haus in Bayreuth von Kerstin Pinther konzipiert wurde, jetzt im Frankfurter Museum der Weltkulturen zu sehen ist - und von einem opulenten, im Verlag Peter Hammer erschienenen Katalog begleitet wird. Ausstellung und Katalogbuch ermöglichen sowohl einen historischen und theoretischen Zugang zu dem Themenkomplex schwarzer Migration und Diaspora in Paris, als auch einen Überblick über einige der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler und Künstlerinnen.

Ausstellung und Katalogbuch verstehen sich als eine „Collage aus historisch-dokumentarischen Bildzeugnissen und Arbeiten zeitgenössischer Künstler/innen“, eine Collage, die von 1906 - dem Geburtsjahr Josephine Bakers und Léopold Senghors - bis in die Gegenwart reicht. Schon die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts sind eine Hochzeit des schwarzen Paris: Die Entdeckung afrikanischer Kunst, vor allem afrikanischer Plastik, etwa durch Matisse, Derain oder Picasso, ist eine Initialzündung für die moderne Kunst Europas. Paris wurde nicht nur zu einem Zentrum des afroamerikanischen Varietés wie der 1925 uraufgeführten „Revue Nègre“ und der Jazzmusik, sondern auch zu einem anziehenden Ort für afrikanische Intellektuelle - wie etwa den an einer senegalesischen Kolonialschule ausgebildeten Léopold Sedar Senghor, der in den zwanziger Jahren nach Paris kam.

Ein spannender Katalogbeitrag beschäftigt sich etwa mit der 1906 in St. Louis geborenen Josephine Baker, jener Tänzerin und Sängerin, über die André Levinson schrieb: „Josephine ist kein groteskes schwarzes Tanzgirl mehr, sondern jene schwarze Venus, die den Dichter Baudelaire in seinen Träumen heimsuchte.“ Baker erfand in Paris - mit Unterstützung von Künstlern wie André Derain, Fernand Léger und Giorgio de Chirico, die für sie Kostüme und Bühnenbilder entwarfen - eine neue, vollkommen entfesselte, erotische Form des Revue-Tanzes, der etwa Jean Cocteau schwärmen ließ: „Dieses schöne Idol aus dunklem Stahl und Bronze, Ironie und Gold“.

Baker wurde in Black Paris zum ersten schwarzen Weltstar, während der 1901 in geborene Surrealist und Ethnologe Michel Leiris an der Seine die Erlebnisse seiner Forschungsreise durch Afrika in seinem 1934 erschienenen Buch „L'Afrique Fantôme“ verdichtete - um so eine neue, subjektive Denkweise der Ethnographie zu begründen. „Wenn ich subjektiv schreibe“, so Leiris, „erhöhe ich insofern den Wert meiner Aussage, als ich zu erkennen gebe, daß ich mir jederzeit bewußt bin, was ich von meinem Wert als Zeuge zu halten habe.“

Auch im Bildteil des Katalogs, der die Ausstellungsexponate zeitgenössischer Bildender Kunst vorstellt, sind viele Entdeckungen zu machen. Darryl Evans etwa ist ein in Kapstadt geborener Fotograf, der schon lange in Paris lebt. Seine Schwarzweißfotografien dokumentieren das afrikanische Leben des Stadtteils Barbès, während der 1970 in Spanien geborene Héctor Mediavilla die Gruppe der kongolesischen „Sapeure“ fotografisch begleitet - jener jungen Männer in Brazzaville und Paris, deren Alltag zu einem guten Teil in der Zurschaustellung ihrer eleganten Designerkleidung besteht.

Vincent Michéa, geboren 1963 im französischen Figéac dans le Lot, der in Dakar das Grafik- und Design-Studio „100%Dakar“ unterhält, wühlt in der Geschichte afrikanischer Popkultur: In seiner Serie „Belle Epoque“ überträgt er klassische Schallplattencover afrikanischer Popmusik in das Medium der Malerei. Ein anderer, ebenso bildgewaltiger Künstler ist der 1951 im Sudan geboren Hassan Musa, der nach einem Kunststudium an der Universität Montpellier auch im Fach Kunstgeschichte promovierte. Musas betörende figurative Malerei, die etwa auch in der Düsseldorfer Gruppenschau „Africa Remix“ zu sehen war, untersucht auf sehr humorvolle Art und Weise Fragen der Authentizität afrikanischer Kunst - und auch ihre europäische Rezeption. Ein Maler der älteren Generation ist der 1928 im Senegal geborene Iba Ndiaye, der 1948 nach Paris kam, um hier Kunst zu studieren. Ndiaye gehört neben Chéri Samba zu den bekanntesten Künstlern der Schau.

Immer wieder hat auch der in Kinshasa lebende Maler Chéri Samba in Paris gearbeitet, um die Aneignung der „art nègre“ durch die Pariser Avantgarde-Kunst zum Thema zu machen. Eine Arbeit Sambas stellt die berühmte Fotografie Picassos am Küchentisch nach. Auch er, der Titan der Kunst des 20. Jahrhunderts, ist ein Teil von Black Paris - Paris Noir.
3.6.2007
Mark Peschke
Black Paris. Kunst und Geschichte einer schwarzen Diaspora. Hrsg. v. Wendl, Tobias /Lintig, Bettina von. 300 S., zahlr. Abb. u. fb. Taf. Hammer, P. Wuppertal, 2006. Kt EUR 32,00
ISBN 3-7795-0065-5
 
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