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Allegorie auf das Leben: „Unfall. Porträt eines automobilen Moments“

Um das Fazit gleich an den Anfang zu stellen: „Unfall. Porträt eines automobilen Moments“ ist ein Buch, das man kaum mehr aus der Hand legen mag. Warum? Weil aus ihm ein freier Geist spricht, der selten geworden ist. Clemens Niedenthal, der Autor des kleinen, im Marburger Jonas Verlag erschienenen Bandes, breitet sein Thema, die Geschichte des Autounfalls, auf so ungewöhnlich spannende Art und Weise aus, dass es reine Freude ist.

Viel erfahren wir, was wir noch nicht wussten, über manches staunt man, obwohl es bekannt ist. Etwa, dass die Zahl der Unfalltoten in Deutschland so niedrig ist, wie nie zuvor. Trotzdem: Immer noch sterben jährlich etwa 5000 Menschen auf den Straßen. So bedeutend das Thema ist, so sehr wurde es in der Vergangenheit immer wieder stiefmütterlich behandelt. Der Verkehrsunfall, so meint der 1974 geborene Berliner Kulturwissenschaftler und Autor, wurde „im automobilen Alltag fortwährend negiert“.

Umso genauer beschäftigt sich Niedenthal deshalb jetzt mit dem Phänomen, flaniert in seinem herrlich bebilderten Lang-Essay von Virilio über Marinetti und Barthes zu Nicolas Rays Film „Rebel without a cause“, um von der Leiche James Deans (er starb bekanntermaßen in einem nagelneuen Porsche 550 Spyder) vielfältige Sternfahrten in die kulturgeschichtliche Umgebung zu unternehmen.

Wenn Niedenthal von Marinettis Ode „An das Rennautomobil“ berichtet, vom 24-Stunden-Rennen von Le Mans, von Geisterfahrern, von Godards Film-Collage „Week-end“, von Max Frischs „Skizze eines Unglücks“, von Robert Musil, Hermann Hesse und Jack Kerouac, von Albert Camus, von sicherem Schwedenstahl, von Steve McQueen am Steuer des highland-grünen Ford Mustang in „Bullitt“, von so vielen Unfällen in Literatur, Kunst und Leben, so gelingt es ihm immer wieder, all die Stränge des Themas zu einem zu formen: Für Niedenthal ist der Autounfall das Ergebnis einer voranschreitenden Beschleunigung – Zeichen eines Lebens in der Moderne.

Und die eskapistische Beschleunigung geht auch im postindustriellen Zeitalter immer weiter. „Nur“ jährlichen 5000 Verkehrstoten in Deutschland stehen eine Million weltweit gegenüber. Tendenz steigend. Der Verkehrsunfall als „Allegorie auf das Leben und die so genannten Verhältnisse“. Ein spannendes, ungeheuer spannendes Buch.
6.11.2007
Marc Peschke
Clemens Niedenthal. Unfall. Porträt eines automobilen Moments. 144. S. 126 Abb., Gb. Jonas, Marburg 2007. EUR 15,00
ISBN 978-3-89445-383-1
 
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