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Goethezeit. Über die Entstehung des bürgerlichen Kunstverständnisses

Goethe war sich bewußt, daß mit ihm ein Kunstzeitalter zuendegehe und Heine hat ihm sogar attestiert, daß es "das" Kunstzeitalter sei, das mit dem Tod des Olympiers beendet werde. Der große alte Mann der deutsch-schwedischen Architektur- und Kunstgeschichte, Erik Forssman, legt mit seinem Buch "Goethezeit" die Summe des Goetheschen Kunstverständnisses und d.h. des Aufnehmens und Einwirkens zwischen dem Frankfurter Rokoko des Elternhauses der sechziger Jahre und Goethes letzter kunsttheorischer Äußerung "Rembrandt als Denker" vor. Interessant ist das Wechselspiel, das diese Form der Darstellung fordert und das Forssman in klarer Folge, die streng der Chronologie verpflichtet ist, abhandelt: Was kannte Goethe, wie schätzte er es ein und (wie) hat es auf seine eigenen Aktivitäten Einfluß genommen? Um dieser wechselweise auf ihn einwirkenden und von ihm bewirkten Verpflechtung Gradlinigkeit und Ruhe zu geben, teilt Forssman seinen Stoff in die drei Großkomplexe Architektur, Plastik und Malerei.
Das literarisch-publizistisch folgenreichste der drei Gebiete war die Architektur. Sie durchläuft mehrere qualitativ unterschiedliche Phasen: Von der Begeisterung des Stürmers und Drängers für das Straßburger Münster, über die Faszination an Palladio auf der Italienischen Reise findet der Sizilienreisende und spätere Weimarer Bauherr in Paestum zur letztlich für ihn verbindlichen Form "der herrlichst(n) Idee, die ich nun nordwärts vollständig mitnehme." Komplizierter und für uns heute nicht mehr mit derselben Stringenz ablesbar, war offenbar Goethes Verhältnis zur Plastik. Fest steht, daß die Plastik, und besonders die antike, für ihn den Vorrang unter allen Kunstgattungen besaß. Fest steht auch, daß Goethes Neudeutungen antiker Skulptur (so des Laokoon) die klassizistische Kunsttheorie weiterbrachten. Aber sein gravierendes Fehlurteil über den damals bedeutendsten deutschen Bildhauer Schadow steht im Raum. Die Malerei und Zeichnungen treten zuerst in Goethes Leben und sie sind stilgeschichtlich der größten Bandbreite und persönlich dem größten Eigeninteresse unterworfen. Suchte Goethe doch während seiner Italienischen Reise nach einer Antwort auf die Frage, ob er selbst nicht zum Maler oder Zeichner berufen sei, und wurde er auf ihr doch geradezu zum Wiederentdecker der venezianischen Malerei. In seinem persönlichen Umfeld trat er mit der prägenden Künstlern seiner Zeit nur indirekt in Beziehung: Füssli ist er nie begegnet (wenngleich er durch Tischbein von ihm erfahren haben könnte), und erst die "Preisaufgaben der Weimarer Kunstfreunde" brachten ihn in persönliche Fühlung zu den jungen Romantikern, namentlich zu Runge.
Erik Forssman setzt Goethes künstlerischen Horizont in den Kontext zu einem Diskurs "Über die Entstehung des bürgerlichen Kunstverständnisses" und das führt ihn zu der das Buch abschließenden Frage: "Was von der Goethezeit übrigblieb." Weder die Trennung der Gattungen (etwa Malerei und Skulptur), noch die Kategorisierung von darzustellenden Gegenständen (vorteilhafte, gleichgültige und widerstrebende) hat überlebt. "Von der Goethezeit ist aber etwas anderes übriggeblieben, das seither eine merkwürdige Langlebigkeit bewiesen hat, nämlich die Kunstgeschichte" und, wie Forssman hinzusetzt, das Kunstmuseum. Diese Herkunft, so konstatiert der Autor bedauernd "scheint heute manchem Kunsthistoriker genant zu sein."
In der ruhigen klar bemessenen Darstellung und der Komprimierung des sehr heterogenen Materials ist Forssman die fast möchte man schon jetzt sagen klassische Darstellung von Goethes Kunstwelt geglückt, die uns - den Wißbegierigen und den Kenner gleichermaßen - befähigt - teilzuhaben an seiner Substanz." (Th. Mann)
26.6.2001
Jörg Deuter
Forssman, Erik: Goethezeit. Über die Entstehung des bürgerlichen Kunstverständnisses. 1999. 320 S. 59 Abb. 24 cm. EUR 34,80
ISBN 3-422-06249-1
 
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