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Von Schweinen und Menschen

Schweine sind weder erhaben noch geheimnisvoll, weder verführerisch noch bedeutend. Was fasziniert also an einem so profanen und alltäglichen Thema, um es zum Objekt einer Kunstausstellung zu machen?
Dabei sprechen schon die Zahlen für sich: Sie sind unter uns - etwa 3,8 Millionen Schweine werden allein in Bayern gehalten, 27 Millionen in Deutschland, 1 Milliarde weltweit. „Unsere Wahrnehmung wird mit Schweinedarstellungen regelrecht überflutet“, so Gisela Hellinger. „Wir alle kennen die Werbebeilagen und Fernsehspots, in denen niedliche rosa Schweinchen Elektroartikel, günstige Sparzinse, ja sogar ganze Häuser verkaufen helfen sollen. Zum Jahreswechsel sind die Läden voll von süßen Marzipanschweinen, die uns im Neuen Jahr Glück bringen sollen.“
Doch von wegen „rosa und niedlich“: Gisela Hellinger geht mit ihren Installationen im Landshuter Röcklturm mit den Menschen ins Gericht - mit ihrer Brutalität gegenüber dem Mit-Geschöpf Schwein, mit ihrer Sucht nach billigem Fleisch und ihrem fehlenden Respekt gegenüber dem Fleischvieh. Manchem Betrachter wird die Wurst also quasi im Halse stecken bleiben, denn ob Zeichnungen oder Kurzfilme, Hellinger verbietet sich jede Schönfärberei.
In ihren Recherchen benutzt sie die Untersuchungen der Nutztierforscherin Prof. Karin Jürgens von der Uni Kassel, in deren Studien sich das meist verborgene menschliche Antlitz hinter der Härte des Fleischproduktion zeigt: Die meisten Bauern hängen herzlich an ihrem Vieh, haben aber durch den großen Produktionsdruck immer weniger Zeit für ihre Schweine und auch der Kurzfilm „Schweinerei im Schweinestall“ von Thomas Maier zeigt gnadenlos offen, wie es in deutschen Mastställen aussieht - makaber, paradox, vielgestaltig ist also nicht die Fantasie der Künstlerin, sondern die ganz alltägliche Realität.
Man merkt der Künstlerin die enge Verbindung zu ihren Akademie-Lehrern Daniel Spoerri und Jörg Immendorff an: Die Auseinandersetzung mit der Realität ist immer Bestandteil ihrer weithin bekannten künstlerischen Arbeit.
Gisela Hellinger wurde in Oberfranken geboren und verbrachte ihre Kindheit weitgehend auf dem kleinen Bauernhof ihrer Großeltern. Die frühen Erfahrungen mit Tieren und landwirtschaftlicher Arbeit prägten sie nachhaltig und zeigen sich noch heute als Richtungslinien ihrer Kunst.
Nach rebellischem Abbruch des Gymnasiums ging sie für 1 Jahr nach Paris. Dort und dann zurück in Deutschland hatte sie erste Kontakte zur Studentenbewegung, die sie politisch und auch beruflich neu ausrichteten. Sie studierte Sozialpädagogik in Nürnberg und arbeitete als Sozialarbeiterin in Frankfurt a. M. und in Oberfranken. Nach einem USA-Aufenthalt mit Kontakt zur Art-Students-Leage New York ging sie nach München, um sich an der Akademie der Bildenden Künste zu bewerben. Sie wurde in der Klasse des Künstlers Daniel Spoerri aufgenommen. Während des Studiums wechselte sie für zwei Semester zu dem damaligen Gastprofessor Jörg Immendorff, mit dem sie ähnliche politische Erfahrungen teilte. Sie beendete das Studium als Meisterschülerin von Daniel Spoerri.
Die Jugend auf dem großelterlichen Bauernhof, die Spannung des sozialkritischen Ansatzes und der künstlerischen Auseinandersetzung mit den avantgardistischen Manifesten der Nouveaux Realistes und den Eat Art-Manifesten von Daniel Spoerri befruchten ihre künstlerische Arbeit bis heute. Hellinger lebt und arbeitet auf einem ehemaligen Bauernhof in der Nähe von Landshut.
28.11.2007



Katharina Knieß
Gisela Hellinger. Von Schweinen und Menschen. Katalogbuch. 2007. 60 S., zahlr. fb. Abb., Br. Zu beziehen bei: www.giselahellinger.de
ISBN 978-3-00-022298-6
 
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