KunstbuchAnzeiger - Kunst, Architektur, Fotografie, Design Anzeige Metzler Lexikon Kunstwissenschaft Anzeige Verlag Langewiesche Königstein | Blaue Bücher
[Home] [Kunst] [Rezensionen] [Druckansicht]
Themen
Recherche
Service

[zurück]

Mutanten der Erwachsenenwelt - Achim Lippoths „Pictures“

Kinder sind kein alltägliches Thema in der Foto-Kunst. Im Gegenteil, kaum bild würdig scheinen sie: In Galerien, Kunstvereinen und Museen begegnet man ihnen eher selten. Einer, der seit Jahren schon, immer wieder Kinder als Protagonisten seiner Fotografie inszeniert ist der Kölner Fotograf Achim Lippoth. Das Interesse an seinen vielfach prämierten Arbeiten ist womöglich so groß, weil seine Kinder anders sind. Anders als jene, die wir in Zeitschriften oder im Werbefernsehen kennenlernen. Sie sind nicht lieb. Nein, ganz und gar nicht. Sie sind nicht sympathisch, keine liebenswerten Frechdachse, denen der Fernsehonkel Karamellbonbons in die Finger drückt.

Da gibt es etwa die 2004 entstandene Serie der „Wölflinge“, eine Kindergruppe, die Lippoth in düsterer Endzeitstimmung irgendwo im Brachland vor der Stadt fotografiert hat. Verdreckt und heruntergekommen leben diese Kinder offenbar nach ganz eigenen Gesetzen. Brutal scheinen sie - und düster ist die Welt, in der sie ihr Leben fristen.

Einigen Bildern sieht man an, dass Lippoth schon seit vielen Jahren als Mode- und Werbefotograf unter anderem für das „Wallpaper Magazine“, für das „New York Times Magazine“ und die „Vogue“ arbeitet, denn oft ist die Kleidung seiner Protagonisten von ganz besonderer Bedeutung in seinen Inszenierungen - etwa auch bei der Serie „Rage Attack“, die ebenfalls in einem jetzt bei Kehrer erschienenen Katalogbuch vorgestellt wird, das eine Ausstellung in der „Galerie im Prediger“ in Schwäbisch-Gmünd begleitet. Hier sind Lippoths Kinder außer Rand und Band geraten: Wie das Klischee einer Rockband zerstören sie ganze Zimmer, quälen ihre Puppen, zerschlagen Fernsehapparate oder schicken eine Feuersbrunst durch die Wohnung. Diese Kinder haben hasserfüllte Mienen und machen keinesfalls Mut für die Zukunft. Sie werden auch im Erwachsenenleben Kampfmaschinen sein.

Nun, ganz so ernst meint es der 1968 geborene Lippoth ja vielleicht doch nicht, oder? Seine Bonbonfarben, der künstliche Charakter seiner Foto-Inszenierungen lassen auf Ironie schließen. Sind die Kinder doch nicht so schlimm? Doch, doch. Vielleicht sogar noch schlimmer: Andere Serien zeigen sie als militante Fahnenschwinger, als blonde, in die Luft stierende Nachfahren von HJ und BDM - oder in der Serie „Colours of Cologne“ als weiß geschminkte, blasiert in die Kamera starrenden Kölner Funkenmariechen.

Erwachsen wirken sie. Zu erwachsen für ihr Alter, wie etwa auch die jungen, in China fotografierten Turner der Serie „L´homme Machine“ - Maschinenmenschen. Lippoths Kinder sind Mutanten der Erwachsenenwelt, früh Gereifte, die aber noch in kindlichen Körpern stecken. Eine sehr eigenständiges, irritierendes fotografisches Spektakel.
17.12.2007

Marc Peschke
Achim Lippoth. Pictures. Beitr. Gabriele Holthuis, Ulrike Lehmann. Dtsch, Engl. 2006. 120 S., 100 fb. Abb, Gb. EUR 40,00
ISBN 3-936636-96-3
 
© 2003 Verlag Langewiesche [Impressum] [Nutzungsbedingungen]