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Innere Sicherheit

„Einbunkern“ sagen die Leute, wenn sie etwas aufbewahren wollen, das für sie einen besonderen Wert hat. In Kriegszeiten ist es das nackte Leben, in Friedenszeiten sind das materielle Schätze.
Etwas um die Ecke gedacht lautet der Titel eines Buches aus dem Jonas Verlag: „Innere Sicherheit – BunkerÄsthetik“. In welcher Form 14 Künstler „Bunker-Ästhetik“ ausdrücken, hat Harald Kimpel anlässlich einer Ausstellung im Kunstverein in Marburg 2006 zusammengetragen.

Während Wolfram Scheffel drei Kriegsbunker, hoch auf den Dünen gelegen in stolzer Erhabenheit in den Himmel aufragen lässt, versinkt bei Volker Henniger „sein“ Bunker im Ägäischen Meer, während am Himmel ein Kondensstreifen davor warnt, dass man auch weiterhin Bunker brauchen könnte.
Hüseyin Alptekins albanischer Einmann-Bunker „Small Brother“ wirkt dagegen wie ein besonders stabiles Toilettenhäuschen. Wäre nicht die Wirklichkeit so viel brutaler, wie die Fotos von htmrbr zeigen, die er in Albanien aufgenommen hat.
Auch Peter Jacobis Aufnahmen von deutschen Großstadt- und Einmann-Bunkern lassen erahnen, welche Ängste ihre „Bewohner“ ausgestanden haben müssen. Mathias Koch zeigt in seinen Luftbildern der Normandie eine ganze Kraterlandschaft. In der Ferne stehen Reisemobile und an der Promenade ein Kinderkarussell, die die Wunden der Gegend mildern.
Ine Tjarksen versucht in ihren Zeichnungen den Großstadt-Bunkern die Bedrohlichkeit zu nehmen, indem sie sie transparent gestaltet, auch Joachim Bandau will etwas tricksen. Seine Objekte, mit Blei über einem Holzkern gestaltet, könnten einem Spielzeugkasten entstammen, wenn sie statt bleigrau bunt angemalt wären. Johannes Schönerts mit Tusche gezeichneten Bunker lösen sich ab. Auf seinen Fotos sind sie im Meer bereits versunken. Der Keramiker Reinhold Rieckmann lässt seine Bunker von der Macht der Eliten berichten, die unter zerborstenen Kuppeln nach innerer Sicherheit verlangen. Fast wie Zierteller muten die Objekte von Edgar Lissel an. Schaut man genauer hin, sind es Bakterienkulturen in einer Petrischale, die über längere Zeit mit Hilfe eines entsprechenden Negativs belichtet wurden. Auf ganz andere Weise nimmt Erasmus Schröter das Thema auf. Er lässt auf seinen Fotocollagen dickwandige Bunkerruinen in großer Farbenpracht untergehen oder mit grellem Licht bestrahlen.
Magdalena Jetelova nimmt das auf, was sie sieht: schwarze Trümmer, und fügt ihren Silberbaryt Aufnahmen wie scharfe Lichtblitze Texte hinzu, während Thomas Schütte seine Bunkermodelle ironisch verfremdet, die wie Postkarten dem Adressaten Glück und Sicherheit versprechen und dem Begriff „Bunker“ sogar etwas Positives abgewinnen.
Dass das Bunkern auch etwas mit Geld zu tun haben könnte, zeigt Gerhard Glück. In seinen Acrylgemälden „Teutonischer Beitrag der Megalithkultur“ und „Willkommen in der Schweiz“, wird einem am Ende klar, worum es wirklich geht, um die Macht.

Überraschend ist, dass keiner der Künstler eine „Innenaufnahme“ thematisiert hat, um den Begriff „Sicherheit“ auch aus der Innensicht zu bearbeiten. Dennoch dürfte dieses kleine Buch zusammen mit den Erläuterungen von Harald Kimpel dazu beitragen, „innere Sicherheit“ neu zu definieren.
22.1.2008


Gabriele Klempert
Harald Kimpel (Hrsg.) Innere Sicherheit: Bunker-Ästetik. Beitr. Joachim Bandau, Peter Jacobi, Magdalena Jetelová, Matthias Koch, Edgar Lissel, Reinhold Rieckmann, Johannes Schöner, Erasmus Schröter, Thomas Schütte, Ine Tjaksen u.a. Einzelarbeiten von: Gerhard Glück, Volker Hinniger, Wolfram Scheffel u.a. 120 S., 100 fb. Abb., Pb., Jonas Verlag, Marburg 2007. EUR 15,00
ISBN 3-89445-375-3
 
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