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Moriz Melzer. Streben nach reiner Kunst

Man könnte denken, in der Kunst des 20. Jahrhunderts gäbe es nichts mehr zu entdecken. Wohl kein Abschnitt der Kunstgeschichte ist durch Ausstellungen und Wissenschaft so gut erforscht und publiziert wie dieser. Hier also einen Künstler noch entdecken zu wollen ist entweder vermessen oder wahres Finderglück. Mit Moriz Meltzer (1877–1966) ist dem Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg dieses Glück beschieden gewesen. Das Spektrum dieses Museums erschöpft sich schon lange nicht mehr in der Kunst der „Vertriebenen“ und der ehemals von Deutschen besiedelten Gebiete in Osteuropa. Dass Melzer aber im ehemaligen Oberalbendorf im Königreich Böhmen, also eigentlich als Österreicher, geboren wurde, war ein willkommener Anlass, sich für ihn zu engagieren. Aus einer Handwerkerfamilie stammend, lernte er Porzellanmaler und konnte erst ab 1903 an der Weimarer Kunstschule studieren. Ab 1908 lebte er in Berlin, und ist daher heute, wenn überhaupt, als Berliner Künstler bekannt.

Seine künstlerische Entwicklung nimmt einen für die Zeit typischen Verlauf. Nach ersten Experimenten mit dem Nachimpressionismus entwickelte er eine eher flächig-stilisierenden Darstellung, die dem Jugendstil nahe stand. Nachdem er damit in der von Max Liebermann geprägten Berliner Sezession Schwierigkeiten bekam, gründete er zusammen mit Georg Tappert, Arthur Segal und anderen die „Neue Secession 1910“. Von da an und mit Hilfe dieses Freundeskreises wurde Melzer schnell über Berlin hinaus bekannt. Seine Bilder waren nun starkfarbig und expressiv, auch wenn sie nichts mit dem Expressionismus der Brücke-Künstler zu tun hatten. Besonders Melzers intensive Arbeit mit der farbigen Monotypie brachte ihn zu einer ganz eigenartigen Kunst, einem stilisierenden Expressionismus. Bei Kriegsende 1918 gründete er zusammen mit Freunden, unter anderem Tappert, Max Pechstein und César Klein, die „Novembergruppe“. Diese Phase seines Werks ist heute – Dank der Ausstellung zu dieser Künstlergruppe – am bekanntesten. Es entstanden vom Kubismus angeregte, starkfarbige Bilder, deren Gegenstände wie von einem Prisma zerlegt erscheinen. Melzer steuerte damit einen unverwechselbaren Beitrag zum Berliner Expressionismus oder Nachexpressionismus bei, der sich mit den Sujets der Großstadt befasste.
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Essays zu den Studienjahren und zur Kunst der Novembergruppe ergänzen das monographische Buch. Eine Entdeckung sind die zahlreichen Monotypien, die Melzer im gesamten ausgestellten Werkabschnitt anfertigte. Er verwendete für diese seltene Technik Linoleumplatten, die einen präzisen Druck der farbig angelegten Malereien in oft mehreren Exemplaren erlaubte, die Melzer dann noch weiter bearbeitet hat. Daneben erfasst das Buch auch das restliche druckgraphische Werk dieser Jahre, so dass er fast wie ein Werkverzeichnis für diese Jahre benutzt werden kann. Eine Dokumentation der Ausstellungen und Beteiligungen Melzers schließt ihn ab. Die Werke der folgenden Jahrzehnte werden nicht mit einbezogen, vielleicht weil Melzer es in den 1930er Jahren leider verstand, seine Kunst der Zeit anzupassen. Dennoch – oder gerade wegen des fokussierten Blicks auf den Berliner Avantgardisten – bietet der reich bebilderte Ausstellungskatalog, der ein eigenständiges Buch geworden ist, eine willkommene Ergänzung zur Publikationsflut über die Kunst des 20. Jahrhunderts.
21.8.2008

Andreas Strobl
Leistner, Gerhard: Moriz Melzer. Streben nach reiner Kunst. Werke von 1907 bis 1927.Vorw. v. Lorenz, Ulrike. Beitr. v. Leistner, Gerhard /Mülhaupt, Freya / Wendermann, Gerda. Bearb. v. Leistner, Gerhard. 2007. 248 S., 200 fb. Abb., 220 sw. Abb. 28 x 23 cm. Kunstforum Ostdeutsche Galerie, Regensburg 2007. Gb EUR 25,00
ISBN 3-89188-115-0
 
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