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Kunst und Gehirn - Das Organ der Kunst ist nicht das Auge, sondern das Gehirn.

"Das Organ der Kunst ist nicht das Auge, sondern das Gehirn. Hält man sich konsequent an diese Aussage, so wären fünfhundert Jahre Kunstgeschichte neu zu schreiben...." Zum Glück unterläßt es der Autor dieser Zeilen, Detlef B. Linke, Autor des Bandes "Kunst und Gehirn" eine Kunstgeschichte zu entwerfen, die die Werke der Kunst in neurophysiologischen Kontexten neu(!?) interpretieren würde. Linke, Professor für Neurophysiologie in Bonn, beschäftigt sich seit Jahren nicht nur mit neurophysiologischer Informationsverarbeitung sondern ebenso mit kognitionspsychologischen und ästhetischen Fragestellungen - Perspektiven, denen die historisch orientierten Kunstwissenschaften bislang nur am Rande nachgegangen sind (eine rühmliche Ausnahme bildet Karl Clausbergs "Neuronale Kunstgeschichte", Wien, Berlin 1999).
"Bilder tragen das Bewußtsein über schwierige Zusammenhänge hinweg. Ihr Licht ist Metapher (Bild!) für die Verhältnisse des Denkens und des Geistes selber" (S. 11) Sätze dieser Art sind symptomatisch für den Sprach- und Erkenntnisstil des Autors. Geht es der neueren Gehirnforschung um die Frage, wie Aspekte von Visualität und Reflexion miteinander und untereinander in Interaktion stehen, so wird in Linkes Darstellung deutlich, wie sich Informationsverarbeitung und Theoriegeschehen miteinander verzahnen. Jede Aussage über das im Gehirn gebildete und sich konstruierende Verhältnis zwischen Sehen und Denken, zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, zwischen Fremdwahrnehmung und Selbsterkenntnis kann, so der Autor, nicht biologistisch auf unveränderlichen Naturkonstanten zurückgeführt werden, sondern ist selbst abhängig von der Darstellungskompetenz und angewandten Kreativität desjenigen, der sich ein Bild der Bildentstehung im Inneren des Gehirn "konstruiert". Jeder Versuch das Sehen, speziell das Sehen von und in Bildern zu rekonstruieren, führt zur Erkenntnis, dass es gerade die Grenzen des Wahrnehmens sind, die Nichtwahrnehmung, an denen sich die Bildwahrnehmung und das Bewußtsein konstituiert. Ein Paradox entsteht, das von Linke so formuliert wird: "Das Gehirn will sein Recht auf Sehen und macht sich von der Bildlosigkeit ein Bild, und vielleicht ist die Verhüllung die stärkste Ermöglichung der Freiheit des Wahrnehmenden..."(S. 23). In den folgenden Kapiteln (Wie nicht sehen, S. 19 ff. ; Van Gogh und die Farbe Gelb, S. 105 ff ; Leonardos Hirn, S. 155ff.; Neuronale Ästhetik der Medien, S. 195 ff; "Jedes Tier ist eine Künstlerin"; S. 207; Die Zukunft der Kunst, S. 215ff) gelingt es dem Autor elegant die neuesten Erkenntnisse der Gehirnforschung mit den ästhetischen Verfahren der Kontrolle und Herrschaft des Blicks zu verknüpfen, die in der Kunst des 20. Jahrhunderts bekanntlich ihre Triumphe feiern. Die Bandbreite der angesprochenen Themen ist dabei enorm: sie reicht von der neurophysiologischen Erforschung des Gesichtsausdrucks, über die derzeit aktuelle Diskussion zu Grenzverschiebungen zwischen Leben und Tod, der Entstehung von Kreativität bis hin zur Metaphorik des "Halbzombies in der Wissensgesellschaft" , wie Linke unpretentiös die Situation der heutigen Menschen charakterisiert, die irgendwann wußten, "dass sie wissen und dass sie nicht wissen, dass sie wissen und dass sie nicht wissen, dass sie wissen" (S. 93). Die aktuell virulent werdende Frage, ob unter elektronisch vernetzten Bedingungen sich eine Form des medial-visuellen Unbewußten entwickeln wird und welche Rolle dabei der Austausch zwischen Bildern und Bildlosigkeit, Sichtbarem und Unsichtbarem spielen wird, läßt Linke als Thema künftiger Fragestellungen offen. Überhaupt liegt die Stärke von Linkes Buch eher in der Aktivierung von offenen Problemzonen denn in der Interpretation von einzelnen Kunstwerken, die vor allem als Illustrationen zu Ergebnissen der Hirnforschung benutzt werden. Gerade deshalb zeichnet sich hier für die traditionelle Kunstgeschichte noch ein breites Areal ab, in dem künftige Problemstellungen bereitliegen.
Auch wenn Linkes Text zuweilen von modischen Tendenzen zur Paradoxierung geprägt ist (beispielsweise: "Warum ist der Geist nicht farbig", (S. 105) gelingen ihm dennoch immer wieder fruchtbare Fragestellungen und pointiert formulierte Einsichten (so etwa wenn er den Fernseher als einen "im Innersten leuchtender Magen, der seine Schätze zeigt, ohne dass man nach ihnen ausholen müsste" charakterisiert). Häufig demonstriert Linke indirekt, wie sehr eine kognitiv reflektierte Bildwissenschaft heute auch eine Kunst der angewandten Metaphorik anzuwenden genötigt ist. "Neuronale Ästhetik will Gehirn und Wahrnehmungsprozess miteinander in Beziehung setzen ..." ( S. 197). Dass dieses höchst selektiv, ausschnitt- und beispielhaft möglich ist, stellt Linkes Publikation eindrucksvoll unter Beweis. Und da hierbei zum Teil ungewohnte (rekursive) Darstellungstechniken an der Schnittstelle zwischen Gehirn und Medium entstehen, verändern sich gegenwärtig dramatisch die Maßstäbe, mit denen Menschen kommunizieren, Kunst herstellen und nach ethischen Prinzipien handeln.
Die Beobachtung des Beobachtens - das nach wie vor aktuelle Grundmotiv von Kognitionsforschung und diversen konstruktivistischen Ansätzen - steht im Zentrum von Linkes insgesamt anregend zu lesender Darstellung, die von 73(!) teils kryptischen, teils informativen Thesen zur Kunst sowie einem Glossar zu neurophysiologischen Termini abgeschlossen werden. Leider fehlt ein Personen- und Schlagwortregister.
31.8.2001
Michael Kröger
Linke, Detlef B: Kunst und Gehirn. Die Eroberung des Unsichtbaren. 05/2001. 256 S., 16 S. Taf.. Kt DM 25,90
ISBN 3-499-60258-X
 
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