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Sammlerleidenschaft

Sammlungs- und Sammler-Geschichte haben seit einiger Zeit Konjunktur, zumal wenn die Sammelleidenschaft der klassischen Moderne galt. Hier geht es um zwei Charaktere: Der eine ist ein renommierter Lungenarzt in Montreux und zieht sich am Ende seines Lebens in eine Mönchsklause in Vicenza zurück, der andere ist Museums- und Akademiedirektor in Erfurt und Düsseldorf und geht 1933 in die „innere Emigration“ auf die Höri. Walter Minnich, der Arzt, und Walter Kaesbach, der Kunsthistoriker, begannen beide in den zehner Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu sammeln, Kaesbach mit einem Christian-Rohlfs-Gemälde, Minnich mit dem damals noch völlig unbekannten Moritz Melzer. Beide legten großen Wert auf die persönliche Bekanntschaft mit den von ihnen gesammelten Künstlern, ja auf die Einflußnahme aufs Werk. Kaesbachs Nachlaß gelangte über seine Lebensgefährtin und Haushälterin 1990 zur Auktion. Minnich und seine Tochter vermachen den Torso ihrer Sammlung 1937 bzw. 1990 dem Kunstmuseum Luzern. Weder das bedachte Museum, noch die Erbin haben über Erwerb und Verstreutwerden des Erworbenen Buch geführt. In Luzern sind sogar die Beweggründe, warum gerade dieses Museum bedacht wurde, nicht mehr klärbar. Am Bodensee waren wichtige Nachlassteile, wie etwa Lyonel Feiningers „Stadt am Ende der Welt“, als wertloses Kinderspielzeug bereits weggeworfen worden und konnten nur durch einen aufmerksamen Auktionator aus dem Müll gerettet werden. Beide Bände offenbaren eindeutig, daß es mit der Nachlaßbetreuung bekannter Kunstsammler schlecht aussah, daß an deren Erforschung gar nicht gedacht wurde und daß nun mühevolle Recherche fehlende Quellen ersetzen muß. Umso verdienstvoller sind sie.

Beide Bände stellen recht unterschiedliche Sammlerpersönlichkeiten vor. Walter Kaesbach, ein Kunsthistoriker, der kaum etwas publiziert hat, dafür aber nach 1918 das Berliner Kronprinzenpalais als Flaggschiff der Moderne einrichtete und intensive Kontakte zu Rohlfs, Heckel oder Heinrich Nauen pflegte, erscheint als distinguierte, wenn auch nicht unumstrittene Persönlichkeit. Unmittelbar nach 1933 sucht er die Annäherung ans Regime, schlägt schließlich Nolde als seinen Nachfolger in der Düsseldorfer Akademiedirektion vor. Dann gärtnert er auf der Bodensee-Halbinsel, verkauft stückweise aus seiner Sammlung: Einen Ensor beim Bau des Hauses (auch Heckels Tryptichon „Genesende“, heute Busch-Reisiger-Museum Cambridge/Mass.), einen Feininger „Brücke III“ (heute Wallraf-Richartz-Museum, eines von fünf von Minnich besessenen Feininger-Bildern) beim Einbau der Heizung. Dazu eine umfassende Stiftung bereits in den zwanziger Jahren an seine Heimatstadt Mönchengladbach. Was blieb, ist Rheinischer Expressionismus, einige große Werke Heckels, Werner Gilles und Bodensee-Maler wie Curth Georg Becker oder William Straube sowie zwei monumentale Akte von Rohlfs. Als Sammlung wirkt dies heute wie ein Torso, wie ihn dieses Leben insgesamt mit dem Rückzug ins Private nach 1945 darstellt. Immer noch wird aber sein großes Engagement für Heinrich Nauen spürbar, der mit Hauptwerken vertreten ist.

Temperamentvoll erscheint hingegen der Sammler Walter Minnich, dessen Sammlungsschwerpunkt Max Pechstein wird: 36 seiner Werke soll er zeitweise besessen haben. Minnich lernt den „Brücke“-Künstler 1920 in einer schweren Krise kennen und bewahrt ihm bis 1934 freundschaftliche, sammlerische und korrespondierende Anhänglichkeit. Mit Bildern wie „Irdische und himmlische Liebe“ (heute verschollen) besitzt er Hauptwerke des Malers, wendet sich aber in seiner letzten Sammelphase den Malern des Montparnasse zu, unter denen er litauische und russischstämmige Künstler bevorzugt, allen voran Chaim Soutine. Hier lädt der Katalog zu Entdeckungen ein, denn wir kennt schon Pinchus Krémègne, Constantin Terechkovitch oder Vassily Khmeluck ?

Insgesamt zwei gründlich recherchierte, oft aus den Rest-Nachlässen schöpfende Biographien, die deutlich machen, was an Sammlerstolz und Werkfülle da verloren gegangen ist seit der NS-Hetze gegen „entartete Kunst“ und unter dem Druck der Verhältnisse, die ein Überleben in der „inneren Emigration“ erforderten. Aber auch zwei recht unterschiedliche Persönlichkeiten, deren geschmackliche Vorlieben auch aus Schicksal, Temperament, Lebenshaltung heraus erklärbar werden.

Der Sammler Walter Minnich und das Kunstmuseum Luzern. Beitr. v. Pechstein, Melzer, Soutine, Terechkovitch. Von Jochim, Annamira /Flüe, Barbara von /Lee, Chonja /Ackermann, Cornelia /Fluri, Isabel /Greschat, Isabel /Moroni, Janine /Papiro, Martina /Rui, Melanie /Fluor-Bürgi, Regine. Hrsg.: Greschat, Isabel /Lichtin, Christoph. 96 S., 16 sw. u. 45 fb. Abb. 23 x 17 cm. Gb Kehrer, Verlag Heidelberg 2006. EUR 16,90 ISBN 3-939583-05-7

9.12.2008
Jörg Deuter
Walter Kaesbach - Mentor der Moderne. Hrsg.: Bauer, Christoph. 128 S., fb. Taf., zahlr. Fotos. Gb Libelle, Konstanz 2008. EUR 24,90
ISBN 3-905707-19-5
 
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