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Kling, Klang, Gloria für „Die bunte Welt“ des illustrierten Kinderbuchs

In jahrelangen Recherchen und Forschungen trug der Universitätsprofessor Dr. Friedrich C. Heller Verstreutes zum illustrierten Kinderbuch zusammen. 2008 legte er in einem voluminösen „Handbuch zum künstlerisch illustrierten Kinderbuch in Wien 1890-1938“ seinen Ertrag vor. Diese Forschungen und dessen Publikation sind nicht nur für Österreich, sondern für alle Sammler, Antiquare und Bibliotheken, ein Glücksfall, der sich sogleich als doppelter herausstellt, ist das Buch doch in dem österreichischen Verlag erschienen, der sich, wie kein anderer, seit Jahren mit der Veröffentlichung von Publikationen zur Kunst der österreichischen Moderne, einen guten Namen gemacht hat: Christian Brandstätter in Wien. Und so entspricht auch die Ausstattung, das beginnt beim farbigen Vorsatzblatt, dem hohen Standard, den z.B. die Wiener Werkstätte, anlegte.

Das Handbuch versteht sich, so Heller im Vorwort, „primär als Beitrag zu einer Geschichte der Buchkunst in Österreich.“ Der erste Teil des Buches ist in drei große Abschnitte unterteilt, die ein Drittel des Buches mit den Kapiteln „Buchkunst für Kinder“, „Private Kinderbücher“ und „Jugendschriftenreihen“ beanspruchen. Die Textbeiträge von Heller wurden mit farbigen Abbildungen buchkünstlerischer Arbeiten zum Kinder- und Jugendbuch, kombiniert. Zu zwei Dritteln besteht das Buch aus einer kommentierten Bibliographie der künstlerisch illustrierten Kinderbücher und einem umfänglichen Apparat.

Der bibliographische Teil beginnt mit Hinweisen des Autors zur Benutzung und zu seinen Bearbeitungsgrundsätzen, ehe mit dem Erscheinungsdatum von 1887 der Reigen der vorgestellten Kinder- und Jugendschriften mit Hölzel’s Bilderbuch für Schule und Haus unter der laufenden Nummer eins eröffnet wird. Vorgestellt werden insgesamt 1294 Titel und vom letzten Eintrag „Leben als Abenteuer“ müsste nur ein Buchstabe verändert werden, um das Motto des gesamten Großprojekts trefflich zu umreißen: „Lesen als Abenteuer“. Dieses geht noch ein wenig weiter in einem umfänglichen Apparat: Illustratoren-Lexikon, das Angaben zu deren Leben und Werk, Ausbildung und Ausstellungen ebenso enthält wie deren bibliographische Erfassung in Lexika. Auf die Illustratoren folgt das Autoren-Lexikon. Hier begegnet man Bekannten, Clemens von Brentano (1778-1842), Béla Balász (1884-1949), Ludwig Anzengruber (1839-1889), Max Eyth (1836-1906) ebenso wie Robert Browning (1812-1889), natürlich Richard Dehmel (1863-1920) und Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916), Ernst Gombrich (1909-2001) und Hugo von Hoffmannsthal (1874-1929), Nikolaus Lenau (1802-1850) und -sehr schön- auch Max Winter (1870-1937), aber auch heute völlig unbekannten Autoren. Gleiche Sorgfalt bestimmt auch die nächsten Teile, das Verleger-Lexikon und das Drucker-Lexikon gibt es doppelt, zunächst als Verlags- bzw. Druckerporträts und im zweiten Durchlauf als chronologische Titelliste der in den Verlagen erschienenen bzw. von den Druckereien hergestellten Büchern. Mit einem Literaturverzeichnis -allein zwei Seiten füllen „Ungedruckte und gedruckte Quellen und Quellensammlungen“- und einem Titel-Register bzw. einem separaten Register zu den beiden ersten Buchkapiteln, ist der Service von Heller immer noch nicht komplett. Es folgt ein Illustratoren-Lexikon, auch dies wird im zweiten Durchlauf mit der Erwähnung von Illustratoren, die mit den behandelten Titeln im Zusammenhang stehen, angereichert.

Zwar steht die kommentierte Bibliographie im Zentrum des Bandes, Dank gebührt Heller aber auch für den ersten Teil, in dem in Form einer Überblicksdarstellung die wesentlichen Stationen und Faktoren der buchkünstlerischen Entwicklung des Kinderbuchs in Wien mit einer Leichtigkeit und Liebe zum Detail abgeschritten werden, die es jedem Leser ermöglicht, mit Heller Schritt zu halten. Ganz buchhistorischen Aspekten hingegeben, beginnt Heller seine Ausführung mit Hinweisen zur Buchkunst. Auf der nächsten Station schreibt Heller seinen Untersuchungsgegenstand in verschiedene, kulturhistorische Kontexte, wie der allgemeinen Reformbewegung und der Kunsterzieherbewegung, ein, die sich um die Jahrhundertwende in Österreich, aber auch andernorts, Ausdruck verschafften. Es ist wiederholt in der Literatur schon auf die Bedeutung des „Arts-and–crafts-Movement“ um William Morris (1834-1896) für die Wiener Werkstätte, aber auch den Werkbund hingewiesen worden und auch Heller schließt an diese Sicht an, zählt er diese Bewegung ebenfalls zu den Vorläufern, der hier zu Rede stehenden Reformbewegungen. Auch dass die Begegnung mit der japanischen Kunst, zu künstlerischen Neuerungen in Europa führte, ist vielfach beschrieben worden und wird von Heller ebenfalls für die in den Reformbewegungen stattfindenden stilistischen Neuerungen, als bedeutsam angesehen. Erziehung durch Schönheit war das Motto und dies führte letztlich auch zu institutionellen Veränderungen. So sorgte in der Wiener Kunstgewerbeschule dessen Direktor, Felician von Myrbach, für neue Impulse.

Ein gesonderter Abschnitt befasst sich mit Schulbüchern und Verlagen, so etwa Schaffstein in Köln oder J.Scholz in Mainz und österreichischen Verlagen wie Konegen. Die Produkte eines anderen, aus Deutschland zugewanderten Verlages, des Akademischen Verlags, unterzieht Heller einiger Kritik. Sowohl Typographie, als auch Papier und Buchformat hätten den Bildern viel von ihrer Wirkung genommen. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs beginnt dann ein neuer Abschnitt, obgleich es zu keiner offenen Politisierung der Lehrmittel kam, wurde doch viel ‚Vaterländisches‘ produziert.

Heller, da mag man ihm recht geben, legt kein Werk vor, das Thesen abarbeitet und doch, etwas versteckt, zwar keine These, aber im Abschnitt zur privaten Kinderbuchproduktion biegt ein deutlicher Hinweis zum Verhältnis Ökonomie und Kunst um die Ecke. Nicht allein ideelle Impulse, neue Formen der Gestaltung zu schaffen, sei dafür verantwortlich, dass avancierte Gestaltungen entstanden, sondern auch die bewußte Vernachlässigung eine möglichst hohe Rendite zu erwirtschaften. Vieles von dem damals Produzierten ist unwiederbringlich verloren, mancher klingender Name ist auch vergessen, einige werden, wie die Künstler der Wiener Werkstätte, wieder ins Spiel gebracht. Bei Heller ist es der schöne Bilderbogen von Emil Orlik (1870-1932) von 1907 und viele Kostbarkeiten mehr. Anderes behauptet sich bis heute in Nachdrucken auf Markt, seien es die Niedlichkeiten der Ida Bohatta-Morpurgo (1900-1992) oder das Nibelungen-Buch von Carl Otto Czeschka (1878-1960), das der Insel-Verlag in Frankfurt / Main in der Reihe Insel-Taschenbuch neu auflegte. Gerade wieder entdeckt wurden Gemeinschaftsarbeiten des Soziologen, Philosophen und Bildungspolitikers Otto Neurath (1882-1945) mit dem Maler, Graphiker und Illustrator Gerd Arntz (1900-1988) in der Ausstellung „Piktogramme-Einsamkeit der Zeichen“ in Stuttgart. In Hellers Buch gesellt sich deren Publikation für Kinder hinzu: „Die bunte Welt –Mengenbilder für Kinder“ von 1929, die in Stuttgart nicht zu sehen war.

Nicht das „Englein“ wie in Ernst Kutzers (1880-1965) „Hans Wundersam“ hat „was Schönes mitgebracht“, sondern Dr. Friedrich C. Heller und „die ganze Pracht“, die wurde in der Werkstatt von Christian Brandstätter und einer hervorragenden Druckerei „gemacht.“
10.3.2009
Sigrid Gaisreiter
Heller, Friedrich C: Die bunte Welt. Handbuch zum künstlerisch illustrierten Kinderbuch in Wien 1890-1938. 432 S., 330 Ill. 28 x 24 cm. Gb. Brandstätter Verlag, Wien 2008. EUR 98,00
ISBN 3-85033-092-3
 
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