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Der Tod beim Maskenball

Meisterwerke aus der Sammlung „Mensch und Tod“ in einem neuen Buch

Albrecht Dürer, Hans Holbein, Hans Sebald Beham, Alfred Kubin oder Alfred Rethel – sie alle sind Künstler, die sich dem Themenkomplex von Narrentum und Tod gewidmet haben. Ein Topos, der sich durch die Geschichte der Kunst zieht, wie jetzt ein neue Publikation verdeutlicht.

In der wissenschaftlichen Literatur ist die Beschäftigung mit dem Thema nicht neu, viele Autoren wie etwa Andrea von Hülsen-Esch und Hiltrud Westermann-Angerhausen, Raimund Kast, Eva Schuster und Gert Kaiser haben – vor allem über Totentänze – lange Abhandlungen geschrieben. Doch auch das neue Buch „Narren, Masken, Karneval. Meisterwerke von Dürer bis Kubin aus der Düsseldorfer Graphiksammlung 'Mensch und Tod'“ macht Sinn, denn es dient als hervorragende Einführung. 70 Werke werden abgebildet, wissenschaftliche Texte untersuchen die Grundlage der Beziehung zwischen den Figuren des Narren und des Todes – nicht nur unter kunsthistorischen, sondern auch unter literatur- und medizinhistorischen Gesichtspunkten. Sie beschäftigen sich mit vielfältigen Themen wie „Medizinischen Konzepten des Wahnsinns“, „Kasper und Tod im Puppentheater“ oder auch „Der Tod beim Maskenball“.

Der Narr ist die zentrale Figur des Karnevals. Im 53. Psalm ist zu lesen „Der Narr sprach in seinem Herzen: Es gibt keinen Gott“. Damit war es um ihn, um den Narren geschehen: Stets wird die Figur – bis heute – mit Unverstand, aber auch Sünde und damit auch mit dem Tod, mit Vergänglichkeit in Verbindung gebracht.

Die hier vorgestellten Arbeiten stammen allesamt aus der Graphiksammlung „Mensch und Tod“ der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Druckgrafiken und Zeichnungen aus einer auf den Berliner Chirurgen Werner Block zurückgehenden Sammlung sind zu bewundern, die heute etwa 4000 Arbeiten zur Todesthematik umfasst – und damit als die größte der Welt ihrer Art gilt.

Johan Huizinga hat in „Herbst des Mittelalters“ beschrieben, wie sehr das Denken der Menschen des späten Mittelalters von der Bedeutung des Todes durchdrungen war. Keine Zeit hat mit solcher Vehemenz den Todesgedanken ins Zentrum des Bewusstseins gerückt. Die Auffassung vom Tod als Strafe für die Sünde und die Furcht, sündhaft sterben zu müssen, war für den Menschen der Zeit bedrohlich und allgegenwärtig. Gebetsbücher offenbarten eine Vielzahl von Gebeten, die Angst und Schrecken eindrucksvoll dokumentieren. Diese Angst vor dem Tod als Strafe für die Sünde führte zur Ausbildung eines komplexen Regelwerks, das einen „richtigen“ Tod möglich machen sollte. Befolgt werden musste die „Kunst des Sterbens“: die ars moriendi.

Spätestens mit dem 16. Jahrhundert wurde die „Sterbekunst“ allerdings durch eine veränderte Auffassung von Tod und Sterben verdrängt. Das ganze Leben wurde nun als Vorbereitung auf den Tod begriffen: ein Leben, das vor allem vom Gedanken an den Tod beherrscht sein sollte. Die ständige Erinnerung an die Vergänglichkeit des Daseins, das memento mori sollte dem Tod seinen Schrecken nehmen.

Von herausragender Bedeutung dieser Zeit sind etwa die Totentanzzyklen Hans Holbeins d. J. oder auch die Darstellungen von Michael Wolgemuth: Kunstwerke, die vielleicht auch deshalb noch von so beunruhigender Gegenwärtigkeit sind, weil das Thema des Todes und der Vergänglichkeit bis heute nichts an Brisanz verloren hat.

Bis heute – so sehen wir in dem jetzt erschienenen Band – reihen sich Künstler ein in diese sehr lange Abbildungstradition: Otto Dix steht hier mit seiner Radierung „Nächtliche Begegnung mit einem Irrsinnigen im Dorf Angres“ für das frühe 20. Jahrhundert, HAP Grieshaber oder Andreas Paul Weber für die Kunst der sechziger und siebziger Jahre, während etwa der Linol-Schneider Victor Bisquolm diese Tradition bis in die Gegenwart fortsetzt.

Ein Band voller Totentänze, geigender Skelette und düsterer Narren, der sowohl dem Kunstgenuss dient, als auch, wie soll es anders sein, selbst ein memento mori ist: Der Tod, er steckt überall – sogar, Tobias Weiss zeigt es uns in einer makabren Tuschzeichnung, auf dem Maskenball. Die Vorstellung der Verbindung von Tanz, Musik und Tod ist in der Kunst bis heute lebendig geblieben. Die Kunst kann – bis heute – helfen, die Sprachlosigkeit des Todes zu überwinden.

22.4.2009


Marc Peschke
Narren-Masken-Karneval. Meisterwerke von Dürer bis Kubin aus der Düsseldorfer Graphiksammlung "Mensch und Tod". Von Cepl-Kaufmann, Gertrude /Knöll, Stefanie /Noack, Thorten /Oosterwijk, Sophie /Overdick, Michael /Schonlau, Anja /Seidler, Miriam. Hrsg. v. Knöll, Stefanie. 2008. 152 S., 75 sw. u. 10 fb. Abb. 27 x 22 cm. Gb EUR 29,90
ISBN 978-3-7954-2109-0   [Schnell & Steiner]
 
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