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Hans Schwippert - Architektur der Demokratie

Hans Schwippert ist einer der großen Architekten des demokratischen Neuanfangs in der BRD. Seinem wichtigsten Bau – das Bundeshaus in Bonn – wurde kürzlich ein Buch Gerda Breuers gewidmet, das die Geschichte dieser Architektur erzählt. Und auch von ihrem Verlust.

Betrachten wir die Fotografien in diesem wunderbar gestalteten kleinen Band. Bilder einer lichten Glasarchitektur, Zeugnisse eines bescheidenen, gleichfalls überaus eleganten Bauens. Eines Baus, der mit seinen sachlichen Linien, seinem dezenten Interieur einen deutlichen Neuanfang macht: eine Architektur der Demokratie.

Ihr Architekt ist der rheinische Baumeister Hans Schwippert, 1899 geboren in Remscheid, verstorben 1973 in Düsseldorf. Ein Baumeister, der durch den Geist der verfemten Moderne geprägt wurde: Schon 1926 arbeitete er im Atelier von Erich Mendelsohn in Berlin, lernte dort Ludwig Mies van der Rohe kennen, arbeitete für Rudolf Schwarz an der Fronleichnamskirche in Aachen, unterrichtete später an der Handwerker- und Kunstgewerbeschule ebendort – bis zu deren Schließung im Jahr 1934.

Als Architekt ist Schwippert – der 1945 Leiter für das Bauwesen in der Nordrheinprovinz wurde – in den ersten Jahren der BRD vielbeschäftigt: Er entwirft das Bundeshaus in Bonn, das Bundeskanzleramt im Palais Schaumburg, leitet auch den Wiederaufbau der Sankt-Hedwigs-Kathedrale in Ost-Berlin, lehrt später an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf.

Sein Glanzstück aber ist das Bundeshaus: kein Neubau, sondern eine umfassende Umgestaltung der 1930 erbauten „Pädagogischen Akademie“. In nur wenigen Monaten gelang Schwippert der Umbau dieser Bauhaus-Architektur, ganz im Sinne der demokratischen Bauidee: Hell sollte der Sitz des Ersten Deutschen Bundestages sein, transparent, sachlich und international, die Sitze des Parlaments kreisförmig angeordnet – deutlich sollte sich das Parlament als Teil einer weltoffenen Gesellschaft darstellen. „Ich wollte ein Haus der Offenheit, eine Architektur der Begegnung und des Gesprächs“, hat Hans Schwippert über seinen Bau gesagt.

Es ist und bleibt eine Katastrophe, dass dieser Bau – hier trat am 7. September 1949 der deutsche Bundestag zum ersten Mal zusammen – nicht mehr besteht. Mit dem Abriss 1987 wurde auf verantwortungslose Weise ein überaus wertvoller Symbolbau der jungen BRD vernichtet. Die zeitgenössische Diskussion um die Modernität des Gebäude-Ensembles lässt sich an dem höchst dissonanten Briefwechsel ablesen, den Schwippert mit Kanzler Konrad Adenauer führte, der in diesem Buch in Auszügen abgedruckt ist.

Wie wenig der Bau den Entscheidungsträgern des Abrisses galt ist nicht nachzuvollziehen. Somit ist dieser Band ein Erinnerungsbuch, der an einen prägenden Bau des demokratischen Neuanfangs erinnert, aber auch davon, wie leichtfertig demokratische Traditionen heute gekappt werden.

Das Buch hat am 3. Dezember 2009 von der Stiftung Buchkunst in der Gruppe 'Sachbücher' die Auszeichnung "Die schönsten Deutschen Bücher 2009" erhalten.

23.4.2010
Marc Peschke
Breuer, Gerda: Hans Schwippert. Bonner Bundeshaus 1949. Mit einer Auswahl aus dem Briefwechsel mit Konrad Adenauer. 112 S., zahlr. sw. Abb. 26 x 18 cm. Pb Wasmuth Verlag, Tübingen 2009. EUR 19,80
ISBN 978-3-8030-0713-1   [Wasmuth]
 
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