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Schinkels Sieben Einmaligkeiten

1994 legte Wolfgang Büchel in der traditionsreichen Reihe der Rowohlt-Biografien ein kleines Buch über Schinkel vor. Seither hat den Autor das Thema weiter beschäftigt, weitgehend unauffällig und abseits der großen Forscherkonsortien und Expertenrunden. „Schinkels Sieben Einmaligkeiten“ versammelt die Früchte von Büchels jahrelangem Brüten: Sieben „Essays zu Leben, Werk, Zeit“, so der Untertitel, sieben Annäherungen an das Phänomen Schinkel, sieben Teilaspekte, die das Schaffen und die Bedeutung des preußischen Klassizisten, des Malers, Zeichners, Baubeamten, Selbstdarstellers und Menschen beleuchten.

Büchels Schreibstil ist getragen, gemessen, er reduziert die Lesegeschwindigkeit und bleibt doch in vielen Aussagen nicht immer ganz leicht nachvollziehbar. Das mag auch an assoziativen Sprüngen liegen, die über Moderne und Postmoderne bis in die Gegenwart reichen und dabei – leider – weniger zur Erhellung Schinkels beitragen als die Belesenheit des Autors dokumentieren. Und dennoch: neben manchen Detailproblemen der Forschung, die in neuem Licht betrachtet sind, erscheint vieles von dem, was Büchel schreibt, auch in allgemeiner Hinsicht erhellend und bereichernd.

So nähert sich der Essay „Die Sammlung Architektonischer Entwürfe: Paradigma selten genutzter Werkkategorie“ der Frage, ob Schinkel möglicherweise einer der ersten Planer ist, der sein eigenes Werk in eine veritable „Architektenmonografie“ gegossen hat, mithin der Begründer einer eigenständigen Präsentations- und Publikationsform wäre, die bis heute gebräuchlich ist, ja, für jeden „Baumeister“ geradezu zwingend erscheint.

„Stilsynthese als Überwindung romantischer Architektur“ fokussiert eine Gretchenfrage im Umgang mit Schinkel seit der Schinkelzeit: War er nun Klassizist oder Romantiker – oder beides? Darüber hatten schon Schinkels Urbiografen Franz Kugler und Gustav Friedrich Waagen gerätselt und jeweils unterschiedliche Antworten gegeben. Kuglers Interpretation verdrängte den „Gotiker“ des Kreuzberger Befreiungsdenkmals und der Friedrichwerder’schen Kirche zugunsten des „Klassikers“, der Schinkel recht eigentlich immer gewesen sei – selbst, wo er sich unklassischer Formen bediene. Differenzierter Waagen: er lässt beide stilistischen Haltungen gelten, die nationalromantisch-antinapoleonisch-gotische und die überzeitlich-national-preußisch-klassische, die, so Waagen, der Endpunkt von Schinkels Entwicklung war - eben nachdem der Zwischenschritt der Mittelalterrezeption überwunden gewesen war.

In Büchels letztem Essaykapitel, „Schinkels biographische Misere“, tauchen Kugler und Waagen wieder auf. Hier geht es um eine allgemeine Frage, der sich Büchel 1994 mit seiner Biografie bereits selbst gestellt hatte: Wie bewertet man die Tatsache, dass Schinkel als Mensch so konsequent hinter sein Werk zurücktritt? Die Rezeption, besser gesagt: die Stilisierung Schinkels zum Klassiker, die das künstlerische Ideal immer auf die Figur rückspiegelte und so von Beginn an Legendenbildung betrieb, die das Schinkelbild bis heute prägt – dieser weitreichende und umfassend analysierte Aspekt rundet Büchels Schinkel-Band ab. Alles in allem zwar ein Band für Experten, gleichwohl ein wichtiger, neuer Beitrag zur Forschung über einen Künstler, über den seit seinem Tod 1841 wahrlich nicht wenig geschrieben wurde.

15.11.2010
Christian Welzbacher
Wolfgang Büchel. Schinkels sieben Einmaligkeiten. Essays zu Leben, Zeit, Werk. Reihe: STUDIEN ZUR KUNSTGESCHICHTE Band 183. 304 S. 41 Abb. Gb. Olms Verlag, Hildesheim 2010. EUR 48,00
ISBN 978-3-487-14407-8   [Olms]
 
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