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Ein Denkmal wird "European Green Building"

Es kann als Glücksfall gewertet werden und darüber hinaus auch als positives Beispiel von engagiertem Bürgersinn, daß das „Haus der Begegnung“ in Königstein im Taunus noch erhalten ist. Das Gebäude gehörte lange auf Grund seines maroden Zustandes und seiner Unwirtschaftlichkeit zum ungeliebten baulichen Erbe der Stadt. Ihm drohte damit, wie vielen Denkmälern der Nachkriegsmoderne der Abriß.
Erbaut in den Jahren 1954-55 von dem Architekten Hans Busch (1911-1990) in Zusammenarbeit mit dem Künstler Jupp Jost (1920-1993) als Kongreß- und Mehzweckhaus für „Kirche in Not“ und als religiöses Zentrum der katholischen Vertriebenen in Deutschland, galt der Bau damals als das „schönste Tagungshaus Hessens“ (S. 60). In der Tat besticht der Bau vorallem durch den Kontrast seiner strengen teilweise fast massig wirkenden Architekturformen, gegen die das leichte Spiel der künstlerischen Gestaltung gesetzt wurde. Besonders die Hauptfassade mit der doppelgeschossigen und über 30 m breiten Glasfront zeigt dieses Zusammenspiel deutlich: Die dynamische Linienführung des rechts auf der Fassade in Sgraffitto-Technik angebrachten sogenannten „Königsteiner Engels“ mit der Posaune wurden von Jupp Jost über die Glasfront weitergeführt. Die Linien überlagern diagonal das strenge Raster der Fenster mit einem dynamischen Rhythmus, in den sparsam einige farbige Partien eingestreut sind. Seine volle Wirkung entfaltet die Glaswand jedoch erst in Verbindung mit dem Saal dahinter, auf den sich die farbige Ausgestaltung im typischen Stil der 50er Jahre konzentriert. Das wechselnde Lichtspiel der Glasfassade auf der Faltdecke mit ihren pistaziengrünen, weißen, blauen und schwarzen Feldern und dem Boden, der in kräftigem Rot, Schwarz und Hellblau gehalten ist, erzeugt stetig wechselnde Effekte, die die heiter festliche Atmosphäre unterstreichen. Umgekehrt zeigt der nächtlich beleuchtete Saal von außen eine Verschmelzung der farbigen Gestaltung mit der Glasfassade, die dem Gebäude einen fast sakralen Charakter verleiht. Durch die Tatsache, daß bereits die in der Erbauungszeit verwendeten Materialien nicht von hoher Qualität waren, stellten sich recht früh Schäden ein und auch die Unwirtschaftlichkeit des „Hauses der Begegnung“ sorgte für eine zusehende Verwahrlosung, bis in den 80er Jahren die Glasfassade mit Brettern geschlossen wurde, um weitere Schäden abzuwenden. Auch wenn das Gebäude seit 1988 als „Geschichtsdenkmal“ eingestuft war, wurde auf Grund der hohen Unterhaltskosten und des schlechten Allgemeinzustandes 2000 die Abrißgenehmigung erteilt, die jedoch 2008 nach einem Bürgerbegehren 2004/2005 und dem massiven Protest der Königsteiner Bevölkerung wieder aufgehoben werden konnte.
Das Buch, das im Verlag Langewiesche-Nachfolger erschienen ist und das durch seine durchweg guten Photographien und das frische Design besticht, das in seiner Farbigkeit an die Architektur des „Hauses der Begegnung“ angelehnt wurde, dokumentiert die denkmalgerechte Sanierung des Gebäudes, das besonders in energietechnischer Hinsicht auf den neuesten Stand gebracht wurde. Der Bau wurde als Teil des Modellvorhabens „Niedrigenergiehaus im Bestand“ der Deutschen Energie-Agentur (DENA) grundsaniert. Durch die fehlende Wärmedämmung, veraltete Klimatechnik und kaum isolierte Fenster, war der Energieverbrauch immens und konnte nun gegenüber dem ursprünglichen Verbrauch um 84% gesenkt werden. Das „Haus der Begegnung“ erhielt 2011 dafür von der EU-Kommission in Brüssel den „European Green Building Award“. Jedoch wird in den einzelnen Essays der Publikation auch nicht verschwiegen, daß dieses klimatechnische Optimum nur mit teilweise massiven Eingriffen in die denkmalgeschützte Substanz zu erkaufen war (S. 5). Dies betrifft nicht nur Details wie die Treppengeländer, die Wendeltreppe im Inneren oder den Ausbau der Glasbausteine im Kleinen Saal, sondern vorallem das Erscheinungsbild der Hauptfassade: Durch den Einbau einer Dreifachverglasung, auf die die originalen bleiverglasten Fenster als letzte Schicht aufgebracht wurde, ist die Glasfront nicht mehr bündig eingefügt, sondern steht nun kastenartig vor. Auch der „Königsteiner Engel“ ist heute nurmehr als Kopie zu sehen, das konservierte Originalsgraffitto befindet sich unter der Wärmedämmung.
Als Ausblick wird in der Publikation der historische Zustand des Gebäudes nur gestreift. Hier hätte man sich größere Abbildungen gewünscht, um das Vorher-Nachher im Vergleich deutlicher gegenüber stellen zu können und auch mehr Informationen über den 2010 erfolgten Abriß von Gästehaus, Torbau sowie die komplette Umgestaltung der Freiflächen, die nur in den Bildunterschriften erwähnt werden. Trotz aller notwendiger Kompromisse, die während der Sanierung eingegangen werden mußten, ist das „Haus der Begegnung“ dennoch der erneute Beweis dafür, daß eine zeitgemäße Nutzung von gefährdeten Bauten der Nachkriegsmoderne möglich und von den Bürgern sogar gewünscht ist.
Elmar Kossel
Ein Denkmal wird "European Green Building" – Das Haus der Begegnung in Königstein im Taunus. Neue Begegnung. Hrsg.: Köster, Hans-Curt; Beitr.: Derix, Wilhelm; Grulich, Rudolf; Köster, Hans-Curt; Lange, Ralf; Meyer, Christoph; Saltenberger, Frank-Michael; Steffen, Arne; Stolte, Christian; Weiß, Christian. 2012. 72 S. 59 Abb., dav. 55 fb. Br. 21 x 28 cm. Pb. EUR 24,80.
ISBN 978-3-7845-6305-3   [Langewiesche - Königstein]
 
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