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Stadtheimaten. Deutsch-polnische Einblicke

Die Erkenntnisw√ľrze dieses Sammelbandes mit (14) Beitr√§gen zum ‚ÄěG√∂rlitzer Denksalon 2010‚Äú speist sich aus jenen fast zwei Dritteln polnischer aber auch deutscher Beitr√§ge, die dem Leser konkret-aktuelle Bez√ľge zu Raum- und Stadtplanung, Architektur und Identit√§tsfindung in polnischen St√§dten nach 1945/1990 offerieren. Resultat des jeweiligen Individuellen Reflexionsprozesses dar√ľber ist eine unisono vorgetragene Klage: Existierten 2006 f√ľr 75 % der Fl√§che Polens keine Raumordnungspl√§ne, so √ľberstieg gleichzeitig die f√ľr den Wohnungsbau ausgewiesene Fl√§che den Bedarf um das Sechsfache. Zudem wurde im polnischen Baugesetz jener Paragraph nachtr√§glich gestrichen, der den (meist jedoch ohnehin √ľberfordert-inkompetenten) lokalen Verwaltungen √Ąnderungsvorschl√§ge an genehmigten Baupl√§nen konzedierte. Die so raumplanerisch, st√§dtebaulich und architektonisch entstandenen Freir√§ume wurden/werden von privaten westlichen Investoren meist zum Bau oft eingez√§unt-bewachter Wohnsiedlungen mit h√§ufig fehlender Infrastruktur genutzt (beispielhaft: Miasteczko Wilanow, Warschau). Werden hier √§sthetisch-architektonische Mindeststandards in der Regel eingehalten, so augenscheinlich nicht bei der phantasiereich-ekklektizistischen Au√üengestaltung manch neuer privater Wohnh√§user (‚ÄěGargamele‚Äú) ‚Äď ein zweites Hauptmerkmal des destrukturierten, dysfunktionalen, ‚Äěamerikanischen‚Äú st√§dtischen Wohnungsbaues in Polen nach 1990.
Der herauszulesende skeptische Unterton beim Aufzeigen von Alternativen (R√ľckgriff auf die klassische architektonische Moderne, heimische architektonische Traditionen, verbindliche Raumordnungspl√§ne) verweist auf das gr√∂√üte Hindernis m√∂glicher Ver√§nderungen: Die historisch-mentale Erfahrung von 200 Jahren fremder Herrschaft (Deutsche, √Ėsterreicher, Russen; nach 1945: Kommunisten) √ľber den √∂ffentlichen Raum in Polen. Diese Erfahrung pr√§gt auch nach 1990 die distanziert-uninteressierte nationale und individuelle Haltung zur Gestaltung des √∂ffentlichen Raumes und ihre damit verbundene Konzentration (nur) auf das eigene Wohn-Umfeld (1).

Vielleicht deshalb findet sich beim zweiten Hauptthema dieses Bandes (Heimat, Identit√§ten, Identifikation mit st√§dtischen R√§umen) ein einhelliges Pl√§doyer f√ľr ein Palimpsest-Verst√§ndnis der (polnischen) Stadt: Anders als rekonstruierte, idyllisierte historische Altst√§dte (Warschau, Danzig) sollte moderne Architektur eingebunden, Identifikation mit ‚ÄěStadt‚Äú durch optisch pr√§sente, sich √ľberlagernde historisch-architektonische Schichten m√∂glich sein, verstanden auch als Widerspiegelung personaler und demokratischer Identit√§tsschichten. Was aber auch hei√üt: Bedingt(e) die Fragmentierung der Stadt auch eine fragmentierte individuelle Identifikation mit ihr? Gerne h√§tte man dazu mehr und auch die Sichtweisen jener gelesen, die nach 1945 aus Litauen, der Ukraine und Wei√ürussland in St√§dte des heutigen Polen gelangten. Und schlie√ülich: Dass sich die Identifikation mit st√§dtebaulicher Tradition im polnisch-deutschen Oberschlesien anders darstellt als im von deutscher Architektur gepr√§gten Niederschlesien (Breslau), war zu erwarten.

Mit diesem Sammelband liegt eine erste, wichtige deutsch-polnische Publikation zu diesem Thema vor. Die Resonanz auf die dann Anfang 2011 in der dem ‚ÄěSpiegel‚Äú vergleichbaren Zeitschrift ‚ÄěPolytika‚Äú angesto√üenen Diskussion √ľber St√§dtebau, Architektur (2) und Design (3) in Polen belegt mit der Aktualit√§t dieses Themas den gerade begonnenen Prozess der √∂ffentlichen Selbstverst√§ndigung zu √§sthetisch-kulturellen Traditionen, Werten und Normen. Da√ü sich dabei auch historisch bedingte kulturelle Unterschiede zwischen Deutschland und Polen herauskristallisieren, wird man hierzulande kaum ignorieren k√∂nnen.


(1) Piotr Sarzynski: Wrzak w przestrzeni. Dlaczego w Polsce jest tak brzydko? (Schrilles im öffentlichen Raum/Warum (es in) Polen so häßlich ist), Warszawa 2012
(2) Agnieszka Ruminska (Red.): 101 najciekawszych polskich budynkow dekady (Die 101 interessantesten Gebäude Polens der letzten zehn Jahre), Warszawa 2011
(3) Anna Kielczewska (Red.): Chcenny byc nowoczesni. We want to be modern. Polski design 1955-1968 z kolekcji Muzeum Narodowego w Warszawie. Polish Design 1955-1968 from the Collection of the National Museum in Warsaw, Warszawa 2011.

21.08.2012
Wolfgang Schmidt, Berlin-Friedenau
Stadtheimaten. Miejskie Ojczyzny. Deutsch-Polnische Ansichten. Deutsch;Polnisch. 304 S. 10 fb. u. zahlr. sw. Abb. 22 x 17 cm. Pb. Jovis Verlag, Berlin 2011. EUR 29,80
ISBN 978-3-86859-082-1
 
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