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Versuche das Glück im Garten zu finden

In acht Essays werden Gartenparadiese vorgestellt, die für Menschen in aller Welt als kollektives Unbewusstes unsere Sehnsüchte nach dem verlorenen Paradies zu erkennen geben. Das aus dem Persischen kommende Wort „Paradies“ beschreibt eigentlich nur eine Mauer mit einem Garten darin, hier und da belebt mit einer Quelle und vier Wasserströmen. Hebräisch wurde die Idee des Gartens in der christlichen Literatur zum „Garten Eden“, und der reinen Völlerei geschuldet zum „Schlaraffenland“.

Gartenparadiese im wörtlichen Sinn - und seien sie noch so klein – gründen sich sowohl auf ganz persönliche als auch gemeinschaftliche Handlungen. Im irakischen Zeltlager deuteten die amerikanischen Soldaten den in der Heimat gewohnten Rasen mit grüner Plastikfolie an, gesichert mit Sandsäcken. Für Amerikaner ist der Rasen vor dem Haus eine verlässliche Gedankenstütze an die Heimat, an die Siedlung, an die Familie und Freunde.
Im Ersten Weltkrieg bauten Soldaten nach der Schlacht in den verbliebenen Schützengräben Sellerie an, ein Stück Hoffnung auf Überleben.
Im Warschauer Ghetto, in dem sich kein einziger Baum fand, lag das Paradies außerhalb der Mauern, wo sich ein Park ausdehnte. Nur einen Blick über die Mauer werfen zu können, spendete schon ein wenig Hoffnung auf Befreiung. Ein grünes Blatt, illegal herbeigeholt, spendete einer Sterbenden etwas Trost.

In Berlin Kreuzberg entstanden in jüngster Zeit auf brachliegenden Grundstücken Gemeinschaftsgärten, die, in Behältern angelegt, man jederzeit auch an anderer Stelle wieder errichten kann.
Eine Art Garten Eden bilden auch die Gebetsteppiche der Muslime, manchmal kunstvoll mit eingewebten Blumen geschmückt, manchmal nur aus Pappe, bietet dieses Fleckchen einen Raum des Abschaltens, der Einkehr, der Transzendierung.
In einigen Städten mit jüdischen Wohngebieten findet man so genannte „Eruvs“. Eine Stadtlandschaft mit unauffälligen Pfosten an Straßen- und Häuserecken, luftig verbunden mit funktionslosen Elektrokabeln. Sie stellen sinnbildlich Türen dar und machen das Stadtquartier auf diese Weise zu einem privaten Gemeinschaftsraum, der es den jüdischen Bewohnern erlaubt, die Sabbatregel, außerhalb des Hauses nichts tragen zu dürfen, zu umgehen.

Indessen nur ein vorgetäuschtes Paradies erwerben leichtsinnige Kreditnehmer. Sie meinen Freiheit zu kaufen und erwerben doch nur Schulden, derer sie sich später schämen.
Einer paradiesischen Täuschung, allerdings mit Langzeitwirkung, unterlagen in den frühen 1970er-Jahren Leser des Magazins „Whole Earth Catalog“, quasi einem Vorläufer der Web-Suchmaschinen. Mit bestellbaren Artikeln konnte man sich eine eigene „heile Welt“ zusammenbasteln.
Der letzte Beitrag widmet sich einem Apfelhain, geschaffen von dem Dichter Michael Hamburger nach seiner Emigration aus Deutschland. Er sammelte Dinge und Pflanzen wohlwissend, dass sie wachsen und vergehen. Das Paradiesische des Apfelhains war für Hamburger ein „Vorgang des Erschaffens eines Ortes der Betrachtung, des Rückzugs und der Bewahrung schwindender Dinge“.
Die Utopie des „Himmlischen Gartens“, des perfekten Lebens bleibt flüchtig wie das Glück und lässt doch immer wieder Neues entstehen.

Das Buch „Versuche das Glück im Garten zu finden“ ist optisch ziemlich unauffällig, ausgestattet mit einem wenig überzeugenden Layout.
Dennoch, es ist ein wichtiges und äußerst spannendes Buch für alle, die nicht aufgeben, immer wieder kleine und flüchtige Paradiese zu schaffen. Egal wie, sei es mit ein wenig Folie oder im tristen Hinterhof.

Dieses Buch sollte man unbedingt lesen, behalten und reichlich verschenken.

11.03.2013

Gabriele Klempert
Bark Hagen, Franziska. Versuche das Glück im Garten zu finden. Hrsg.: Professur Günther Vogt, ETH Zürich. 2010. Lars Müller Publishers, Zürich 20160 S. 24 x 16,5 cm. Pb. EUR 28,00. CHF 40,00
ISBN 978-3-03778-247-7   [Lars Müller]
 
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