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Neue Baukunst. Architekturmuseum der Moderne in Bild und Buch

Einer kunstwissenschaftlichen Theorie zufolge strahlt die Kultur, die sich zumeist in einem „Zentrum“ entwickelt, in die „Peripherie“ ab, wobei bis zur dortigen Ankunft des Neuen Zeit vergeht. Kurzum: die Provinz hinkt der Metropole immer hinterher.
Spätestens für die Moderne ist diese Auffassung obsolet. Denn die Nachrichten über die Innovationen dieser Welt verbreiteten sich durch die Medien so schnell über den gesamten Globus, dass ein Gefälle zwischen Stadt und Land nahezu aufgehoben scheint. Ein Beweis dafür sind die illustren Orte Königstein im Taunus und Oldenburg in Oldenburg – beides nicht gerade Weltstädte, aber eben Stätten an denen Persönlichkeiten wirkten, die für die Erneuerung der Kultur im 20. Jahrhundert „zentrale“ Rollen spielten: hier der Direktor des Landesmuseums Walter Müller-Wulckow, dort der Verleger Karl Robert Langewiesche. Zusammen brachten sie vier Bücher – und zwar: „Blaue Bücher“ – über die Baukunst der Moderne heraus, deren Bedeutung nicht nur zeitlich – bis heute können sie als Standardwerke angesehen werden – sondern schon damals räumlich – bis in die Buchhandlungen und Bibliotheken der Großstädte des Reiches – zu spüren war. Der Liaison zwischen Müller-Wulckow und Langewiesche, die schon um 1916 begann, als Müller-Wulckow noch in Frankfurt arbeitete, widmet das Landesmuseum Oldenburg derzeit eine Ausstellung mit dem Titel „Neue Baukunst. Architektur der Moderne in Bild und Buch“, die von einem üppig illustrierten Katalog begleitet wird – direktes Nachfolgeprojekt des 2011 gezeigten Vorgängers, dessen Begleitpublikation unter dem Titel „Der zweite Aufbruch in die Moderne: Expressionismus – Bauhaus – Neue Sachlichkeit. Walter Müller-Wulckow und das Landesmuseum Oldenburg 1921 – 1937“ erschien.
Nun kann man nicht sagen, die legendären „Blauen Bücher“ wären schlecht erforscht gewesen. Der Verlag Langewiesche legte 1999 ein kompaktes Reprint der vier historischen Müller-Wulckow-Bände vor – „Bauten der Arbeit und des Verkehrs“, „Wohnbauten und Siedlungen“, „Bauten der Gemeinschaft“ (alle in der Auflage von 1929) sowie „Die deutsche Wohnung der Gegenwart“ (1932) –, sekundiert durch den Begleitband „KonTexte“, in dem renommierte Forscher die Entstehungszusammenhänge dieser Blauen Bücher in publizistischer, kunsthistorischer oder fotografischer Hinsicht aufrollten. Auch über die spezifischen Publikationsstrategien moderner Architektur ist wohl das Meiste bekannt, und dies, dank der beeindruckenden Forschungen vor allem Roland Jaegers, weit über das Bauhaus oder das New Yorker Museum of Modern Art hinaus.
So gab es für die Oldenburger also in erster Linie Ergänzendes zu leisten – und zwar im Hinblick auf jene Bestände, die man noch heute vor Ort findet, nämlich den im Museum verwalteten Nachlass Müller-Wulckows. Dass dieser mit Ausstellung und Publikation nun ebenfalls der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde ist ein wichtiges Verdienst, vor allem deshalb, weil er die Aktivitäten dieses Mannes wieder dorthin zurückbringt, woher sie stammen. In Oldenburg nahm das kühne Unterfangen Formen an, die aktuelle Baukunst in Buchform zu würdigen. Hier hat Müller-Wulckow seine Ansichten verbreitet und seine Interpretationen der Moderne vor einem ausgewählten Publikum getestet: durch zahlreiche Vorträge, aber auch durch flankierende Ausstellungen.
Insofern ist das, was die Kuratoren und Herausgeber hier zusammengestellt haben, nicht nur ein Beweis, dass Oldenburg immer eine Reise wert war und ist. Ausstellung und Katalog machen auch deutlich, wie man – damals und heute – an kleinen Museen kleiner Städte prägende Kulturveranstaltungen durchführen kann. Dass diese – auch dies: damals und heute – zunächst lokale Wirkung entfalten, indem sie etwa den Oldenburger Kultursinn stärken, ist eine Sache. Dass sie aber von dort weiter bis in die „Zentren“ wirken, eine andere. So ist es ideal, dass die Ausstellung von Oldenburg aus weiterreist, zunächst ans Bauhaus-Archiv nach Berlin, dann ans Architekturmuseum Wroclaw. Denn fraglos ist dieses Thema, auch ohne dass hier noch einmal Forschung revolutioniert wurde, es wert, weit über Oldenburg hinaus Beachtung zu finden.

28.11.2013
Christian Welzbacher
Neue Baukunst! Architektur der Moderne in Bild und Buch.Grimme, Gesa; Heckötter, Anna; Hoiman, Sibylle; Kerls, Ingo; Lennemann, Julia; Oechslin, Werner; Quiring, Claudia; Rothaus, Andreas; Stamm, Rainer; Stöneberg, Michael. Hrsg.: Quiring, Claudia; Rothaus, Andreas; Stamm, Rainer. 296 S. zahlr. Abb. 28 x 24 cm. Gb. Kerber Verlag, Bielefeld 2013. EUR 50,00. CHF 65,00
ISBN 978-3-86678-877-0
 
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