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SOS Brutalismus

Die Monster funken SOS. Die Vielfalt dieser Monster zu zeigen, ihre geistigen Voraussetzungen freizulegen und sie im Zusammenhang der Debatten ihrer Zeit zu verankern – rebellische Architektur in rebellischen Zeiten. Das ist das Ziel dieser internationalen Bestandsaufnahme „SOS Brutalismus" und der Internetaktivitäten (siehe unter: www.sosbrutalism.org), die im Herbst 2015 eingeführt wurden.
„SOS Brutalismus“ rückt die Frage ins Zentrum, inwieweit man diesen Bauten Denkmalwert und Denkmalschutz gewährt, angesichts der Tatsache, dass viele Bürger diese häufig recht massigen, um nicht zu sagen „gewaltigen“ Sichtbeton-Bauten wenig schätzen oder rundheraus ablehnen.

„SOS Brutalismus“ ist ein Notsignal. Seit den 1950er-Jahren sind weltweit Bauten bedeutender Architekten des 20. Jahrhunderts entstanden, die Ausdruck einer kompromisslosen Haltung sind. Oft, aber nicht immer, sind sie aus unverputztem Sichtbeton (béton brut: eine der Wurzeln des Begriffs Brutalismus). Viele der oft kontrovers diskutierten Bauten sind heute von Abriss oder Umgestaltung bedroht. Dagegen formiert sich seit einigen Jahren eine Gegenbewegung.

Die eigentlichen „Erfinder“ des Begriffs Brutalismus, das Architektenpaar Alison Smithson und Peter Smithson mit ihrem „The New Brutalism“ überschriebenen Artikel in der „Architectural Review“ vom April 1954, verfolgten weniger eine expressionistische Beton-Architektur, ihnen ging es um schlichte Ehrlichkeit, z. B. sichtbare Installations-Leitungen, sichtbare Baumaterialien, sichtbare Konstruktion, sie bauten auch mit Backstein oder Holz. Damit standen sie der zeitgeistigen „art brut“ des Jean Dubuffet und der „arte povera“ mit deren Interesse am Material näher, aber ihre Ideale finden sich schon in „Werkbund“-Forderungen der Jahre vor 1914. Die Verkürzung des Begriffs, gar auf monumentale Betonbauten in antifunktionalistischen, klobigen Formen, ist späteren Datums und bis heute kontrovers. Über die entsprechenden Kontroversen seit den 1950er Jahren informiert der Ausstellungs-Begleitband zur Frankfurter Ausstellung.

Die Ergebnisse der internationalen „SOS“-Recherche werden bis zum 2. April 2018 in einer großen Ausstellung im Deutschen Architektur Museum (DAM) präsentiert, mit Fotografien und Texten und, was ein Extra-Lob verdient, mit einer Fülle von Bauwerks-Modellen (gefertigt von Studenten der TU Kaiserslautern aus Karton, in 3D-Gipsdruck oder auch Mini-Betongüssen). Mehr als 100 Autoren dokumentieren mit über 1200 Abbildungen 120 wichtige Bauten rund um den Globus in ihrem heutigen Zustand und mit erstklassigem Bildmaterial. Darunter sind viele bislang nie publizierte Neuentdeckungen, von denen etliche akut vom Abbruch bedroht sind.
Aus Deutschland sind gerade einmal 10 Bauten in dieser Publikation dokumentiert. Aber das wachsende Internetportal www.sosbrutalism.org sammelt weltweit, auch in Deutschland, weitere Gebäude dieses Baustils, momentan sind dort 1097 Bauten verzeichnet.

Überblicksdarstellungen zum Brutalismus in zwölf Regionen auf der ganzen Welt, Fallstudien zu internationalen Schwerpunkten wie beispielsweise Skopje oder New Haven sowie Essays zur Theoriegeschichte des Brutalismus ergänzen das üppige Material des Ausstellungsbuches, und ein 180-seitiger Begleitband versammelt die Beiträge eines internationalen Symposiums zum Brutalismus, das im Jahr 2012 in Berlin stattfand.

Jüngst zu den „Brutalismus-Bauten“ hinzugekommen ist ein Bauwerk meiner Heimatstadt, das „Kurbad“ in Königstein im Taunus. Dieses Bauwerk gilt zwar wegen seiner opulenten, von Otto Herbert Hajek 1977 gestalteten Farbigkeit strenggenommen nicht als „brutalistisch“, folgt aber in seiner Form und dem bemalten Sichtbeton durchaus diesem Baustil. „Es sei ein Bad wie in einer Tüte Gummibärchen“ formulierte es eine Denkmalexpertin, als das Bad 2013 unter Schutz gestellt wurde. Bis heute gibt es in Königstein im Taunus viele Bürger, die diesen Beschluss gerne rückgängig machen würden und die notwendige Sanierung aus Kostengründen für entbehrlich halten. Allerdings bleibt offen, was mit diesem Bad dann geschehen soll.

„SOS Brutalismus“ ist also ein durchaus berechtigter Notruf, der uns davor bewahren soll, diese absoluten „Ausnahmebauten“ der auch politisch turbulenten 1960er und 1970er Jahre zu zerstören. Eine Architektur, die unter Beobachtung steht!
Dieses Buch sei allen Architekturfreaks dringend ans Herz gelegt.

Einmal eingetaucht in die Welt des Brutalismus und süchtig geworden, wird man dankbar zu der ebenfalls im Park Books Verlag erschienenen Dokumentation „Finding Brutalism“ des britischen Fotografen Simon Phipps greifen. Der Band zeigt auf rund 200 Duoton-Bildern 125 Bauten der Nachkriegsarchitektur in Großbritannien. Den faszinierenden Aufnahmen schließen sich 30 Seiten mit kurzen, aber anregenden Beiträgen an: „Betonpoesie: Kunst, Architektur und Gesellschaft im Werk von Simon Phipps“, „Brutalismus und Fotografie: Zum Werk von Simon Phipps“ und „Auf der Suche nach dem Brutalismus mit Kate Macintosh“.

Der Süchtige kann sich weiter berauschen, denn hingewiesen werden kann auch auf den englischsprachigen Band aus dem wiederum schweizerischen Verlag Braun publications „Massive, Expressive, Sculptural. Brutalism Now and Then“. Hier wird unter anderem in hinreißenden Bildern gezeigt, dass nach dem Abebben einer ersten Brutalismus-Welle im Westen am Ende der 1970er Jahre diese Richtung in Ländern hinter dem Eisernen Vorhang erstaunliche Echos fand, was wiederum nach dem Mauerfall eine zweite Welle in den 1990er Jahren im Westen auslöste, die bis heute anhält. Auch dieser Band thematisiert die schillernde Begrifflichkeit „Brutalismus“. Bemerkenswert ferner das einigermaßen „brutalistisch“ anmutende Design auch dieses Buches -- worin es zu Recht heißt: "Brutalism is back!"

Weitere Buchempfehlungen:
Finding Brutalism. Eine fotografische Bestandsaufnahme britischer Nachkriegsarchitektur. Hrsg.: Stadler, Hilar; Hertach, Andreas; Beitr.: Hatherley, Owen; Ince, Catherine; Macintosh, Kate; Parnell, Stephen; Fotograf Phipps, Simon. Zürich, Parkbooks, 2017. 256 S. 150 Duplex- Abb. 26 x 20 cm. Gb. EUR 38,00. CHF 39,00 978-3-03860-064-0

Massive, Expressive, Sculptural. Brutalism Now and Then. van Uffelen, Chris. In englischer Sprache. 304 S., 600, teils farbige Abb., 28 x 20 cm. Gb. Braun Publishing, Zürich 2017. EUR 44,00. CHF 48,00 ISBN 978-3-03768-224-1

07.12.2017
Hans-Curt Köster
SOS Brutalismus. Eine internationale Bestandsaufnahme. Hrsg.: Elser, Oliver (Deutsches Architekturmuseum DAM; Kurz, Philip (Wüstenrot Stiftung); Schmal, Peter Cachola (DAM). 668 S. 1200 meist fb. Abb. 28 x 23 cm. Gb. Park Books, Zürich 2017. EUR 68,00. CHF 69,00
ISBN 978-3-03860-074-9   [Park Books]
 
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