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Egon Eiermann. Die Kontinuität der Moderne

Das architektonische Credo Egon Eiermanns einer „Wahrheit bis ins kleinste Detail“ spiegelt sich in seinen Bauten wie dem Deutschen Pavillon auf der Weltaustellung 1958 in Brüssel, dem Kanzleigebäude der Deutschen Botschaft in Washington, dem Abgeordnetenhaus des Deutschen Bundestages in Bonn oder der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin, dem Hauptwerk des nach dem Zweiten Weltkrieg so stark gefragten Architekten. Über die Gedächtniskirche teilte er selbst mit: „Mein Lebenswerk ist diese Kirche“. Egon Eiermanns Ringen um Klarheit, Perfektion und menschliche Maße in der Architektur, um Wahrheit eben, verursachte nicht selten Auseinandersetzungen, ja Probleme mit den Auftraggebern, führte aber auch dazu, dass die filigranen Bauten heute noch als modern auch im demokratischen Sinn erscheinen. Der in der Moderne entstehende Anspruch, mit und durch Architektur nicht zuletzt ein Gesamtkunstwerk zu schaffen, findet sich in Egon Eiermanns Oeuvre ausgedrückt. Und seine nicht unumstrittene Weltoffenheit und Unerbittlichkeit in künstlerischen Fragen war es, die nach dem Erfolg des Deutschen Pavillons 1958 in Brüssel die Bundesbaudireketion veranlasste, ihn direkt anzuschreiben und um einen Entwurf für die Deutsche Botschaft in Washington zu bitten.

Das Buch „Die Kontinuität der Moderne“ erschien anlässlich der großen Ausstellung zu seinem 100. Geburtstag in Karlsruhe, Berlin (2004) und Nürnberg (2005) und beleuchtet sein Schaffen als Architekt und Möbeldesigner unter dem Motiv einer Kontinuität der Moderne. Der Band ist Eiermanns Oeuvre auch vom Layout her kongenial – er ist ruhiger und klarer als noch der Katalog zur Ausstellung des Jahres 1999 >Egon Eiermann. Die Möbel< und darf aufgrund der Artikel von neun Autorinnen und Autoren, darunter nicht nur Eiermann-Spezialisten wie Sonja Hildebrand oder Annemarie Jaeggi, sondern Menschen, die dem Architekten noch persönlich begegneten und namhafte Architekturkritiker wie Wolfgang Pehnt, für sich beanspruchen, Eiermanns architektonisches Werk, einer breiten Öffentlichkeit angemessen zugänglich gemacht zu haben. Die Texte nutzen etliche noch ungedruckte Materialien. Dadurch wird das Bild des Menschen und Architekten Egon Eiermann um wesentliche Aspekte reicher, so etwa, wenn er im Text Friederike Hoebels über das Thema Fassade zum Stichwort Maßstäblichkeit zitiert wird: „Unsere sehr evolutionäre Zeit im Bauen, gekennzeichnet durch den immer mehr auftretenden Mangel wirklich menschlicher Maßstäbe – man denke auch an die Geschwindigkeiten im Verkehr – gibt uns das Gefühl der Unsicherheit und Heimatlosigkeit“ (S. 79). Sätze, die heute gesprochen sein könnten, und die einen weitgehend noch unbekannten Egon Eiermann erkennen lassen, dessen Tätigkeit Zukünftiges mit in den Blick zu nehmen vermochte. Dies gilt im Besonderen für seine Entwürfe zu Särgen, ein Thema, dem sich Eiermann ausgelöst durch die Beerdigung des ihm befreundeten Architekten Otto Bartning ab 1959 zuwandte und aus dem auch sein eigener Sargentwurf resultierte (S. 123). Ausgesprochen positiv wirken im übrigen – nicht zuletzt im Text von Gerhard Kabierske >Egon Eiermann als Lehrer< (S. 40-49) – die Abbildungen, die nicht nur das Werk des Architekten, sondern diesen auch als Mensch im Kreis der Studenten und Mitarbeiter lebendig werden lassen. Ein schönes Buch über einen der bedeutendsten Architekten im 20. Jahrhundert in Deutschland.




Matthias Mochner
Egon Eiermann. Die Kontinuität der Moderne. Hrsg.: Jaeggi, Annemarie. 240 S., 300 z. T. fb. Abb., 27 cm. Gb, Hatje Cantz, Ostfildern 2004. EUR 45,-
ISBN 3-7757-1436-7
 
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