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Deutschland, Deutschland…

„Landschaften mit Figuren“, so definieren gleich eingangs des vorliegenden Kataloges die Autoren diese Figurationen des Alltags auf den Bildern Holtappels und Kläbers. Beide Fotografen eint demnach trotz verschiedener Herkunft und Sichtweise der unbestechliche Blick und vergleichbare technische Fähigkeiten. Rudolf Holtappel, 1923 in Münster geboren, lebt seit 1960 in Oberhausen und „ist Chronist des Lebens, das er mit seinen Protagonisten teilt“ (Rolf Lindner im Katalogtext). Thomas Kläber, 1955 in einem brandenburgischen Dorf geboren, lebt heute bei Cottbus. Auch für die Arbeiten Kläbers ist die Nähe des Fotografen zu dem von ihm Festgehaltenen bestimmend. Seine Langzeitprojekte Landleben und Landleben 2 zeigen Menschen aller Generationen in ihrem Alltag und dokumentieren gleichzeitig den ländlichen Raum der DDR mit seinen Arbeits-und Freizeitformen.
Der gut 125 Seiten starke Katalog erscheint als Begleitpublikation zu den laufenden bzw. künftigen Ausstellungen in Bochum, Ulm, Koblenz und Cottbus. Den etwas gewöhnungsbedürftigen Titel erklären die Autoren mit genau den Verstörungen und daraus hervorgehenden Relativierungen zur Assoziation an die erste Strophe der deutschen Nationalhymne. Und wahrlich, die hier vereinten Fotografien zeigen einen intimen Blick auf deutsche Menschen in zwei völlig verschiedenen Kulturlandschaften. Einerseits beobachtet Rudolf Holtappel die Industriekulisse des Ruhrgebietes in Bezug auf seine Bewohner und Bearbeiter. Auf der anderen Seite Deutschlands schaut Thomas Kläber auf die Menschen in ihrer konkreten Lebenslandschaft. Die kommt bisweilen ganz ohne Menschen aus. Da klaffen Abraumhalden und Lachen am Tagebaurand, stürzen Gebäude still zusammen, modern Schilder aus klassenbewussteren Tagen. Der Rezensentin drängt sich eine kühne Vermutung auf beim Betrachten der Fotografien Thomas Kläbers: wenn die Landschaften menschenleer sind, spielt Humor in seine Sichtweise. Die Werke, die von den Bewohnern ebendieser Landstriche geprägt sind, haben dagegen eine gewisse Wehmut, einen Stolz und einen Hauch Tragik an sich, aber selten Humor. Selbst die Pfützenlandschaft am S-Bahnhof Nöldnerplatz, an der sich Passanten vorbeischieben und hangeln müssen, wirkt leise unheilvoll. Schicksalshaft. Hier haben sich die Menschen arrangiert, versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Sie sind unverstellt und voller Würde, erfüllt von ihren Leben und Mühen. Die vier Frauen, die auf der Landstraße bei Beyern ihre Fahrräder schieben, schauen freundlich. Tragen ihre Schürzen und Kopftücher wie Gewänder. Sie lächeln wie Mütter, mit einem Anflug Sorge, das Kind nicht vor allem beschützen zu können – solche Bilder einzufangen, zeugt von hoher Kunst und großer Nähe!
Ähnlich und doch ganz anders komponiert Rudolf Holtappel seine Ruhrgebietsaufnahmen, seine Bilder sind unruhiger, bewegter als die des jüngeren Kollegen. Bei ihm springen und hopsen die Linien und Kontraste, da qualmt und dunstet es über Fabriken und Häusern. Aber in seine Maschinen-Stillleben huscht oft etwas Menschliches hinein. Eine Wäscheleine voller Geschirrtücher vor der Ruhrchemie Oberhausen, ein Auto mit einsamem Fahrer vor dem Luftschaft Zeche Hugo oder ein Pärchen vor den Hochöfen der Hoag.
Das Coverbild des Katalogs zeigt eine Aufnahme Rudolf Holtappels von 1959, sein Titel ist „Duisburg-Hamborn, August-Thyssen-Hütte“. Auch hier durchlaufen im Vordergrund Menschen die Kulisse der Hütten und Hochöfen. Zwei Mädchen tragen eine Tasche und laufen damit in den Mittelpunkt des Bildes, auf einem Weg, der zur Fabrik führt. Das rechte der vielleicht neun-oder zehnjährigen Mädchen trägt ein weißes Kleid und weiße Kniestrümpfe, das linke ein dunkles Kleid mit Rhomben-Strümpfen. Beide Kinder strecken den anderen, nicht tragenden Arm weit von sich, den Lauf und das Gewicht balancierend. Vielleicht tragen sie Brote, Kaffee oder Kuchen zu einem anstehenden Nachmittagstreff der Familien. Sie sind festlich angezogen und in Eile. Das Erscheinungsbild der beiden Mädchen nimmt der dunklen Kulisse in der rechten Bildmitte die Schärfe, die Mülltonnen und Backsteinbauten dort werden zu stummen Statisten. Links im Bildhintergrund raucht die Hütte. Irgendwo dorthin laufen die Kinder, bestimmt und selbstbewusst, eins mit ihrer gewohnten Lebenslandschaft. Das berührt und stimmt nachdenklich.
Diese mutige Verbindung zweier unterschiedlicher und doch von gleicher humaner Verinnerlichung getragener Postionen deutscher Fotografie sollte ein große Aufmerksamkeit und zahlreiches Publikum finden, tragen Sie dazu bei – es lohnt sich!

Aktuelle Ausstellungsreihe:
Stiftung Situation Kunst, Bochum 15. Januar – 1. Mai 2011
Ulmer Museum 11. September – 30. Oktober 2011
Ludwig Museum Koblenz November 2011 – Januar 2012
Museum Dieselkraftwerk Cottbus 5. Februar – 22. April 2012

09.05.2011
Anne Hahn
Deutschland, Deutschland …. Fotografien aus zwei Ländern von Rudolf Holtappel und Thomas Kläber. Hrsg.: Silke von Berswordt-Wallrabe, Perdita von Kraft, Martin Mäntele und Beate Reifenscheid. Textbeiträge Rolf Lindner und Maria Schulte. Gestaltung inhouse kerber! 128 S., zahlr. Abb. 23 x 23 cm, Gb. Kerber Verlag, Bielefeld 2010. EUR 28,00 CHF 42,00
ISBN 978-3-86678-496-3
 
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